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Fehler der Stadt Schwerte lässt Traumhaus zum Albtraum werden

Familie droht Haus zu verlieren

Familie Ahlers hatte eine gültige Baugenehmigung von der Stadt Schwerte, bevor sie einen alten Bungalow in ein Familienhaus umbaute. Doch jetzt soll die Familie ihr Haus wieder abreißen, weil die Stadt einen Fehler gemacht hat.

Schwerte

, 05.06.2018
Fehler der Stadt Schwerte lässt Traumhaus zum Albtraum werden

Die Familie Ahlers hat in der Unteren Meischede in einer Bungalowsiedlung ihr Haus aufgestockt. Sie sind nicht die einzigen, die den Wohnraum nach oben vergrößert haben. Nun droht aber nach einer Klage eines Nachbarn der Abriss.Paulitschke © Bernd Paulitschke

Ein Haus in der Nähe der Innenstadt und der Ruhr. Eigentlich glaubten die Ahlers, ihr Traumhaus gefunden zu haben, als sie den Bungalow in der Unteren Meischede kauften. Aufwendig bauten sie das Haus um, stockten auf und bauten eine Einliegerwohnung ein. Doch das Traumhaus droht nun zum Albtraum zu werden. Denn weil die Stadt damals einen Fehler bei der Baugenehmigung machte, droht der Abriss. Ein Nachbar hatte die Baugenehmigung angefochten und vor Gericht gewonnen.

Über Hälfte der Häuser aufgestockt

Wer durch die Siedlung an der Unteren Meischede spaziert, sieht, dass weit über die Hälfte der ehemaligen Bungalows hier aufgestockt wurde oder Anbauten hat. Nur eine Handvoll Gebäude erinnert noch an die schlichten schwarz-weißen Flachdachbauten der Gründungsphase. „Deshalb hatten wir keine Bedenken, als wir den Bungalow Anfang 2012 gekauft haben“, erzählt Andrea Ahlers. Mit ihren Architekten entwickelten sie die Ausbaupläne, eigentlich wollte man sich an dem Bebauungsplan für das Gebiet orientieren. Doch der ist wie so viele Bebauungspläne in Schwerte nicht mehr gültig. Also verhandelte man mit dem Bauamt der Stadt. Das sah sich die Bauten der Umgebung an und genehmigte letztlich einen Ausbau, der sich an den Häusern der Umgebung orientiert. Fast zwei Jahre hatte die Familie auf die Baugenehmigung gewartet. Die wurde auf der Grundlage des Paragrafen 34 des Baugesetzbuchs erteilt. Der besagt, dass sich Neu- und Anbauten in die Umgebung einfügen müssen.

Kläger wohnt nicht in der Siedlung

„Wir hatten auch die Nachbarn eingeladen und ihnen die Pläne vorgestellt“, erzählt Markus Ahlers. Damals habe niemand etwas dagegen gesagt. Doch nach der Genehmigung des Bauantrages klagte einer der Nachbarn gegen die Stadt. Der Besitzer eines angrenzenden Flachdachbaus, der selber noch nicht mal in dem Haus wohnt, ging gegen die Baugenehmigung vor.

Den Ahlers versicherte man seitens des Bauamtes, dass man alles geprüft habe und ruhig bauen könne. „Das haben wir auch deshalb gemacht, weil wir bis dahin bereits viel Geld ausgegeben hatten“, so Markus Ahlers.

Spezialregelung für Häuserreihe

Doch vor Gericht stellte sich dann heraus, dass die Stadt zwar die Umgebungsbebauung richtig eingeschätzt hatte, aber offensichtlich übersehen hatte, dass es eine Spezialregelung für sogenannte Baugruppen gibt. Innerhalb einer Häuserreihe, die kürzer als 50 Meter ist, müssen sich die neuen Anbauten an den direkten Nachbarn orientieren. Das Pech der Ahlers: Ausgerechnet in ihrer Häuserreihe wurden bislang nur kleine Veränderungen an den Häusern vorgenommen. Die Folge: Die Stadt verlor den Prozess vor dem Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen mit Bausch und Bogen.

Fehler der Stadt Schwerte lässt Traumhaus zum Albtraum werden

So sieht die Häuserreihe aus. Ein Haus mit Schutzdach, zwei Bungalows und das Haus der Ahlers. © Bernd Paulitschke

Gerade stehen muss dafür aber jetzt nicht die Bauverwaltung, sondern die Ahlers. Denen droht nun eine Abrissverfügung ihres Hauses. Der Mieterin in der Anliegerwohnung hat die Stadt bereits ein Schreiben geschickt, dass die Genehmigung für die Wohnung nicht mehr bestehe.

„Sie hätten ja mit dem Bau aufhören können“

„Das Ganze kann uns finanziell ruinieren“, sagt Andrea Ahlers. Denn die Kredite für das Haus müssen weiter bedient werden. Rund 200000 Euro hat die Familie aufgenommen.

Bei der Stadt argumentiert man: Man habe den Ahlers ja schließlich mitgeteilt, dass der Nachbar geklagt habe. Da hatten die zwar schon mit dem Bau begonnen und viel Geld ausgegeben, sie hätten aber aufhören können. „Die haben aber weitergebaut“, so Stadtsprecher Carsten Morgenthal. Die Ahlers hatten allerdings auch deshalb gebaut, weil der zuständige Mitarbeiter im Bauamt ihnen erklärt hatte, dass die Klage des Nachbarn aussichtslos sei.

Schon früher wurden hier Steine geklaut

Theoretisch wäre ein Rückbau der Anbauten bis zu einem genehmigungsfähigen Maß denkbar. Doch die Stadt macht dazu keine Vorschläge. „Die soll unser Architekt machen“, erzählen die Ahlers. Ohne, dass man weiß, was die Stadt letztlich genehmigt. Das Beste wäre, man würde für die Untere Meischede einen Bebauungsplan erstellen. Doch davor haben die Verantwortlichen in Verwaltung und Politik bislang vorsichtshalber die Finger gelassen. Denn die Nachbarschaft dort gilt als klagewütig. Das bestätigt auch ein Nachbar, der mit dem Fahrrad vor dem Haus der Ahlers unterwegs ist. „Die haben sich hier schon in der Bauphase gegenseitig die Steine geklaut.“

Von Stadt alleine gelassen

Die Ahlers sehen das nicht so. Sie haben mit den meisten Nachbarn nur gute Erfahrungen. „Eine Nachbarin hat mir neulich noch versichert, dass sie sich vor unserem Haus anketten würde, wenn der Bagger kommt“, erzählt Andrea Ahlers. „Aber die Stadt schickt ja noch nicht mal einen eigenen Bagger, wenn die Abrissverfügung kommt, müssen wir den auch noch selbst bezahlen“, sagt ihr Mann bitter.

Von der Stadt und der Politik fühlt sich die Familie alleingelassen. „Wir haben genau das gemacht, was die immer von den Bürgern fordern, eine Baulücke aufgewertet, Wohnraum geschaffen, das Haus gedämmt und in ein Niedrigenergiehaus umgebaut.“

Letzte Chance Beschwerdeausschuss

Die Ahlers haben lange gescheut, ihren Fall öffentlich zu machen, haben dem Kläger Geld angeboten, haben versucht, selbst zu schlichten – letztlich vergeblich. Jetzt hoffen sie auf den Beschwerdeausschuss des Rates. Der befasst sich am 13. Juni mit ihrer Eingabe. Und auch das Schicht 23 hat Solidarität zugesichert und sammelt mit einer Unterschriftenliste Unterstützer für die Forderung nach einem Bebauungsplan für dieses Gebiet.

Denn das sehen sie persönlich derzeit als einzige Chance an, um in ihrem Traumhaus bleiben zu können. Das Haus, in dem ihre jüngere Tochter geboren wurde, weil sie es damals nicht mehr ins Krankenhaus geschafft haben, aber das ist eine andere Geschichte.