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Wenn Gewalt den "Kick" bringt

SCHWERTE Wenn die Faust schneller ist als das Mundwerk – Jugendkriminalität ist ein ernstes und aktuelles Thema. Mit zwei ausgewiesenen Fachleuten wurde am Dienstagabend im Haus Piwek diskutiert: Gabriele Harms, Leiterin der JVA in Ergste, und Thomas Schwengers, Jugendpfleger und Fachmann für Gewaltprävention. Fazit nach rund zweistündiger Diskussion: Nicht erst handeln, wenn es zu spät ist, sondern nicht nachlassen bei der Prävention.

von Von Melanie Tigges

, 25.06.2008

Für Harms, die die JVA seit 1999 leitet, war die Diskussionsrunde „die Chance, darauf aufmerksam zu machen, dass alle Täter ihre Geschichte haben.“ Viele junge Inhaftierte fallen durch große Respektlosigkeit auf. „Sie bekommen ihr Leben wenig organisiert und geplant“, weiß Harms. Zudem gibt es immer häufiger heftige „Differenzen mit der Herkunftsfamilie, frühe Schulabgänge und gruppendynamische Aspekte.“ Alles resultiert meist aus der gleichen Ursache: die Jugendlichen erleben Wut, Gewalt, Alkohol und Missbrauch in ihrer eigenen Kindheit und setzen dies dann später selbst ein. Durch Gewalt und Missbrauch kann der emotionale Bereich im Gehirn so gestört werden, dass er nicht mehr „zu reparieren“ ist. Wenig Selbstwertgefühl „Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen haben Gewalt schon Zuhause erlebt“, erklärte Schwengers, der bereits seit 27 Jahren für das Jugendamt tätig ist und weiß, wie jugendliche Gewalttäter „ticken“: „Für sie ist Gewalt etwas Positives, der so genannte Kick“. Denn nur so fühlen sich die Jugendlichen, die oftmals ein sehr kleines oder gar kein Selbstwertgefühl haben, stark. Ebenfalls tragen heutzutage digitale Kommunikationsmittel zu dieser Entwicklung bei. „Es gibt kein menschliches Gegenüber mehr, das soziale Umfeld ist nicht mehr so ansprechbar“, so die Fachfrau, „und das führt eher zu einer hektischen Gefühlsarmut.“ Um dies zu verhindern, müsse der soziale, schulische und kulturelle Bereich gefördert werden. Förderung unter dem Aspekt der Einsparungen seitens der Stadt? – Schwierig.Strafen schrecken nicht abUnd was ist mit härteren Strafen zur Abschreckung? „Kriminalität wird durch härtere Strafen nicht reduziert, sondern gefördert. Denn Härte haben die meisten Jugendlichen schon früh erfahren“, so die Antwort der JVA-Leiterin. „Wir müssen auch das Gesetz nicht ändern, sondern es nur besser anwenden“, erklärte sie weiter. Für die Gäste spielten die Meinungen und das Wissen der Fachleute eine große Rolle. „Mit dem Bericht der Experten schließt sich für mich der Kreis. Durch den Kontakt zur Polizeibehörde begegne ich auch Statistiken über Gewalt und Jugendkriminalität“, erzählte die Kreistagsabgeordnete Christina Zubrytzki. Nach zwei Stunden beendete Dagmar Berg die Diskussion und gab mit auf den Weg: „Wir müssen präventiv arbeiten und nicht erst dann, wenn es zu spät ist.“

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