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„Wir waren die Champions“

Rudelgucken im Altenheim

Eine Weltmeisterschaft ohne Public Viewing ist kaum noch denkbar. Doch was passiert eigentlich, wenn man nicht in der Stadthalle guckt, sondern – sagen wir – in einem Selmer Altenheim?

Selm

, 27.06.2018
„Wir waren die Champions“

Abklatschen nach dem Spiel. Leider haben die Deutschen verloren. © Sabine Geschwinder

Es ist die 69. Spielminute, als klar wird: Das wird nichts mehr. Es ist die Minute, in der Sozialpädagoge Martin Mischkowsky bei seinen zwei Fußballexperten nachfragt: „Wird das noch was?“ Als auch der Zweite nur ein knappes „Nein“ hervorbringt, ahnt man schon: Das wird ungemütlich für den Weltmeister.

Einer dieser beiden Experten ist Fritz Wüßling – schließlich hat er reichlich WM-Erfahrung. Also als Zuschauer. Wüßling, 91 Jahre alt, fast 92, hat schon die WM 1954 vor dem Fernseher verfolgt. Damals, als Deutschland das erste Mal siegreich war. Sein Fernseher war der 13. in Dortmund-Hüsen, erzählt er. Man kann es sich ja vorstellen: „Da war die Bude immer voll.“

Inzwischen lebt Wüßling seit anderthalb Jahren in der Seniorenresidenz an der Ludgeristraße in Selm, das passte für ihn gut, weil seine Tochter in Bork wohnt.

An diesem Mittwoch ist das Fernsehzimmer im ersten Obergeschoss des Wohnbereichs „Beifang“ zwar nicht proppevoll, aber durchaus gut gefüllt. 19 Zuschauer sind es vor Anpfiff, am Ende werden es 12 sein. Zwischendurch ändert sich die Zahl immer wieder. Der eine muss mal auf Toilette, mag lieber in sein Zimmer gehen oder bekommt kurz die Hand gereinigt, weil die schwarz-rot-gold-farbigen Schokoküsse dann doch ein bisschen mehr für matschige Hände gesorgt haben, als das ursprünglich gedacht war.

Spieler der Vergangenheit

„Wir haben hier so eine Art WM-Studio aufgebaut“, erklärt Martin Mischkowsky. Das Altenheim zeigt die deutschen Spiele in wechselnden Wohnblocks, vor vier Jahren war das auch schon so. Vorab haben die Bewohner, die sich das Spiel ansehen wollten, noch Informationen bekommen und ein wenig über Vergangenes geplauscht. Über ältere Spiele, die sie vielleicht aus ihren jüngeren Jahren kannten, über das Land, gegen das gespielt wird, und auch über vergangene Weltmeisterschaften. Ein bisschen Erinnerungstraining.
„Wir waren die Champions“

Um die 60. Minuter herum ist die Stimmung schon deutlich getrübter. © Sabine Geschwinder

Was anders ist beim Schauen im Altenheim – im Vergleich zu einem herkömmlichen Public Viewing?

Nun ja, hier werden die Deutschland-Spiele nur gezeigt, wenn sie am Nachmittag und frühen Abend stattfinden, „denn seien wir ehrlich: Alles andere wäre zu spät“, sagt Martin Mischkowsky. Doch ansonsten: Hier stehen reichlich Chips, Cracker, Schokoküsse, dazu Cola, Fanta, Wasser und alkoholfreies Bier. Fast jeder hat eine schwarz-rot-goldene Hawaii-Kette. Nur, dass die manchmal am Rollator hängt. Und der Fußweg in der Regel von den Pflegern und Sozialarbeiter Mischkowsky gemacht wird und nicht von den Zuschauern. „Wollen Sie etwas trinken?“ „Noch ein paar Chips vielleicht?“ „Wobei, bei dem Spiel bekommt man ja kaum einen Bissen runter.“ Nicht nur die Nationalmannschaft muss Wege zurücklegen und aufmerksam sein, die Pfleger müssen es auch.

Optimismus zu Beginn

Bevor es losgeht, sind alle Zuschauer noch optimistisch. Zwei von ihnen tippen auf ein Remis gegen den vermeintlich leichten Gegner Südkorea, alle anderen bieten Spielendstände, wie man sie sich nach der scheinbar endlos langen Nachspielzeit gewünscht hätte. 2:1, 3:2, 3:0. Auf jeden Fall nicht 2:0 für Südkorea – den tatsächlichen Endstand.

Fritz Wüßling, der das Spiel nicht bis zum Ende verfolgen wird, macht sich aber nicht so viel daraus. Sein Herz, das macht er klar, hängt an der Borussia und nicht an der Nationalmannschaft. „Mir kamen mit der Borussia manchmal die Tränen“, erzählt er. Bei der Nationalmannschaft ist ihm das noch nie passiert.

„Wir waren die Champions“

Elfriede Schröder und Heinz Bischof fiebern kräftig mit. © Sabine Geschwinder

Ganz anders ist das bei Heinz Bischof (84) und Elfriede Schröder (81). Sie ist Dortmund-Fan, er drückt Schalke die Daumen. Außerdem sind beide verlobt. Wie ist das bei einem Derby? „Dann gucken wir getrennt“, sagt Elfriede Schröder. Hat ja jeder sein Zimmer mit eigenem Fernseher. Bei der WM ist das anders. Klar drücken beide Deutschland die Daumen, sagen sie. Dann sitzen sie vor einem Fernseher, nebeneinander und kommentieren fleißig.

Als Martin Mischkowsky in der 62. Spielminute mit wedelnder Hawaii-Kette „We are the Champions“ anstimmt, um die Moral zu stärken, macht ihn Elfriede Schröder darauf aufmerksam, dass „Wir waren die Champions“ wohl das passendere Lied gewesen wäre.

„Wir waren die Champions“

Martin Mischkowsky motiviert sein Team. © Sabine Geschwinder

Das ist dann auch nur noch wenige Minuten, bevor die beiden Fußballexperten aus Wohnblock-Beifang auf das deutsche Aus tippen. „Aber das Spiel ist ja noch nicht vorbei“, hört man Martin Mischkowsky immer wieder sagen. Er motiviert wie ein Weltmeister. Die Senioren schwenken die Ketten, feuern an. Doch es nützt nichts. Als das erste Tor für Südkorea gefallen ist, ist allen klar: Das war es mit der Weltmeisterschaft für den Weltmeister. Doch Martin Mischkowsky schlägt sein Team noch ab. „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“