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Töpferstadt auf der Suche nach neuem Profil

Citymanager regt neue „Marke“ für Stadtlohn an

Citymanager Giampietro Salerno soll als Kümmerer, als Partner des Einzelhandels, als Moderator und Mediator für Bürger, Händler, Wirtschaft, Politik und Verwaltung helfen, die Stadtlohner Innenstadt zu beleben. Redakteur Stefan Grothues sprach mit dem 51-Jährigen, der seit 100 Tagen im Amt ist, über den Start in eine große Aufgabe.

Stadtlohn

11.05.2018
Töpferstadt auf der Suche nach neuem Profil

„Die Arbeit als Citymanager mach auf jeden Fall Spaß“, sagt Giampietro Salerno. „Es gibt viele Akteure, und alle haben das gleiche Ziel.“ © Stefan Grothues

Sie leben seit elf Jahren in Stadtlohn. Seit 100 Tagen sind Sie Citymanager. Sehen Sie Stadtlohn nun mit neuen Augen?

Nein, aber mein Bewusstsein hat sich verändert. Ich achte mehr auf Details und frage mich: Was ist attraktiv – und was ist weniger gut. Und neben der Bestandsaufnahme beschäftige ich mich nun auch mehr mit der Geschichte der Stadt, da sie interessante Aspekte zur Markenbildung schafft.

Sie meinen die Marke „Töpferstadt“ ist überholt?

Ja. Stadtlohn war lange die Töpferstadt. Die 300-jährige Geschichte soll natürlich gewahrt bleiben und in einem kulturellen Format eingebunden werden. Jedoch kann man daran nicht anknüpfen, da die Stadtlohner und Besucher sie nicht wirklich als Töpferstadt erleben. Zur Markenbildung ist der Begriff heute nicht mehr geeignet. An seine Stelle muss etwas Neues treten. Nehmen Sie die Marke Hamburg. Die steht für Hafen, Musicals und Reeperbahn. All das wird gelebt und steht für die Marke. Aber die Marke „Töpferstadt“ lebt ja nicht mehr. Die Stadtlohner und die Besucher erleben die Stadt nicht wirklich als Töpferstadt.

Was könnte das sein?

Die Antwort ist natürlich nicht leicht. Und ich kann sie alleine auch gar nicht geben. Das Alleinstellungsmerkmal müssen wir jetzt herausarbeiten. Eines ist sicher: Stadtlohn hat ein hohes Potenzial in Sachen Tourismus, das bei Weitem noch nicht ausgeschöpft wird. Wichtig ist: Die Stärken und das Alleinstellungsmerkmal müssen von den Bürgern, vom Umland und den Zielgruppen auch wirklich als lebendige Wirklichkeit wahrgenommen werden.

Wer legt denn die neue Marke fest?

Das Gesamtkonzept wird in den Gremien der Stadt entschieden werden. Ganz wichtig ist mir aber, dass wir auf dem Weg dahin die Bürger abholen und möglichst breit einbinden. Ich bereite gerade eine Befragung vor. Die Fragebögen werden in Kürze in alle Haushalte gehen. Auch online werden sich die Stadtlohner beteiligen können. Die Bürgerbeteiligung soll auch keine einmalige Sache sein. In Zukunft könnte ein App neue Beteiligungswege eröffnen. Genau darüber spreche ich in dieser Woche noch mit einem Professor aus Tübingen.

Wann steht denn das neue Profil?

Das sollten wir bis September dieses Jahres schaffen. Das ist das Ziel.

Die Marke ist nicht alles. Wie sieht denn konkret ihr Arbeitsalltag aus?

Mein Arbeitsalltag ist geprägt von Gesprächen mit Handel und neuen Konzepten, die als Bestandsaufnahme dienen. Welche Sortimente gibt es? Welche Leerstände? Ich möchte mit allen Einzelhändlern und den Besitzern der Ladenlokale persönlich sprechen. Ich erstelle gerade ein Leerstandskataster. Darin werden nicht nur alle Leerstände aufgeführt, sondern auch genau vermessen und mit Fotos dargestellt. Wichtig ist nicht nur der aktuelle Stand. Noch wichtiger ist es, mit Inhabern und Immobilienbesitzern in die Zukunft zu blicken: Wenn wir rechtzeitig von einer Geschäftsaufgabe zum Beispiel aus Altersgründen wissen, können wir für eine bessere Nachfolgeregelung sorgen.

Was genau heißt das?

Das Kataster hilft uns festzustellen, in welchem Quartier welche Sortimente, aber auch welche Lücken bestehen. Ich bin kein Makler, aber ich kann Empfehlungen aussprechen und Kontakte herstellen. Es kommt ja nicht nur darauf an, dass Leerstände „irgendwie“ vermietet werden. Besser ist es, wenn die neuen Angebote in das Gesamtkonzept der Stadt passen, wenn sie das Bild positiv mitprägen. Das gilt in besonderem Maße auch für die Gastronomie. Der erste Eindruck, den die Stadt erweckt, muss ein echtes Aushängeschild sein. Leerstände sind ja nicht nur für den Immobilienbesitzer von Nachteil. Sie können auch die Nachbarschaft mit herunterziehen. Der Standort insgesamt verliert an Attraktivität. Und dann droht eine Abwanderung der Kaufkraft.

Wie reagieren denn die Einzelhändler und Immobilienbesitzer auf Ihr Gesprächsangebot?

Sehr positiv, da ich als neutraler Gesprächspartner Ideen und Vorschläge annehmen kann und diese entsprechend platziere, um eine Transparenz für Stadt und Handel zu erzeugen. Genau aus diesem Grund ist ja die Stelle des Citymanagers geschaffen worden.

Wie würden Sie denn die Stimmung im Stadtlohner Einzelhandel beschreiben?

„Aufbruch Zukunft #Stadtlohn“ – so hieß vor einer Woche der Slogan zu Eröffnung der neugestalteten Innenstadt. Und der ist treffend. Die Stimmung ist positiv. Es sind gute Maßnahmen auf den Weg gebracht worden. Die visuelle Attraktivität ist da. Aber der Bürgermeister hat zu Recht gesagt, dass noch viel zu tun ist. Das Gesamtkonzept in noch nicht ganz schlüssig für Bürger, Handel und Investoren. Aber wir können auf einer guten Grundlage aufbauen. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit Besuchern, die noch nie zuvor in Stadtlohn waren. Es ging um ein Gastronomiekonzept für den Markt. Ich war mir nicht sicher, mit welchen Augen sie Stadtlohn sehen würden. Ihr Fazit lautete: „Stadtlohn ist eine bodenständige, ehrliche und wertige Stadt.“ Das ist doch was!

Jetzt habe ich noch vier Satzanfänge für Sie mit der Bitte den Satz zu beenden.

Die Immobilienbesitzer …

… sind bereit für konstruktive Gespräche und dafür, Empfehlungen offen anzunehmen – im Interesse der Stadt. Um die geht es ja.

Die Einzelhändler …

… sind ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung in Stadtlohn. Und das werden sie auch in Zukunft sein.

Die Politiker …

… müssen das Gesamte betrachten und dürfen sich nicht über einzelne Themen oder Befindlichkeiten definieren.

Die Stadtlohner …

…sollen im Mittelpunkt stehen. Sie prägen die Stadt. Es ist Aufgabe von Politik und Handel, ihnen eine lebendige Innenstadt mit Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen.

Die ersten 100 Tage sind um. Woran werden Sie in 1000 Tagen Ihren Erfolg messen? Reicht es, wenn die Leerstände nicht weiter wachsen?

Nein, das alleine kann nicht das Ziel sein. Dann wäre ich nicht zufrieden. Ich werde dann erfolgreich gewesen sein, wenn die Stadt Stadtlohn sich nicht nur attraktiv weiterentwickelt, sondern mit individuellem Besatz, authentisch und mit viel Charme ein Alleinstellungsmerkmal im Münsterland vorweisen kann.

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