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Thea Dorn: „Lasst uns Patrioten sein!“

Berlin. Der Patriotismus sollte nicht den Rechten überlassen werden. In ihrem Buch „deutsch, nicht dumpf“ plädiert die Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin für einen aufgeklärten Kulturpatriotismus.

Thea Dorn: „Lasst uns Patrioten sein!“

Thea Dorn, Philosophin und Publizistin, in der ARD-Talksendung "Anne Will". Foto: Karlheinz Schindler

Die deutschen Intellektuellen treibt es um. Unter den Stichwörtern Heimat, Identität, Migration und Patriotismus finden derzeit aufgeregte Debatten statt. Vor kurzem hatte der Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“) in einer Aufsehen erregenden Diskussion mit seinem Kollegen Durs Grünbein vehement die deutsche Flüchtlingspolitik attackiert („95 Prozent reine Wirtschaftsflüchtlinge“).

Es folgte die von prominenten Autoren und Publizisten unterzeichnete „Erklärung 2018“, in der die „illegale Masseneinwanderung“ angeprangert wurde. Der Philosoph Rüdiger Safranski wiederum wetterte im „Spiegel“ gegen das „inflationäre Geschwätz von Fremdenfeindlichkeit und lslamophobie“.

Insofern ist es ganz gut, wenn die Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn (47) es jetzt einmal mit einer abgeklärteren Herangehensweise versucht. Unter dem Titel „deutsch, nicht dumpf“ hat sie einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ entwickelt. Ihr Plädoyer: „Lasst uns Patrioten sein! Kritische, wache und aufgeklärte Patrioten!“. Genau genommen plädiert sie für einen modernen deutschen und doch weltoffenen Kulturpatriotismus.

Es ist nicht das erste Mal, dass Dorn sich mit Fragen der deutschen Identität beschäftigt. 2011 veröffentlichte sie zusammen mit dem Schriftsteller Richard Wagner eine Kulturgeschichte, in der sie deutsche Befindlichkeit über Begriffe wie Gemütlichkeit und Abendbrot, Wanderlust und Männerchor zu ergründen suchte. Das aktuelle Buch geht bestimmten Schlüssel- und Reizbegriffen wie Heimat, Identität, deutsche Nation, Leitkultur, Weltbürgertum, Europa und schließlich Patriotismus nach. Dorn setzt sich mit diesen zum Teil sehr strittigen Begriffen historisch und politisch, vor allem aber kultur- und literaturhistorisch auseinander.

Ihre Kernaussagen lassen sich in etwa so zusammenfassen: Die plakative Bezeichnung „deutsche Leitkultur“ ist abzulehnen. Aber es gibt durchaus eine spezifische deutsche Kultur und Identität. Eines ihrer wichtigsten Merkmale ist der Respekt vor der Freiheit des Individuums, wie er im Grundgesetz niedergelegt ist. Die Idee des freien Bürgers, im Kern eine europäische Idee, ist derzeit weltweit in Gefahr. Deshalb müssen wir für „unser Freiheitsverständnis werben, werben und unermüdlich weiterwerben“.

Weiterhin hat das kulturelle Erbe der Deutschen für Thea Dorn eine herausragende Bedeutung. Entsprechend ist in ihrem Buch viel von Schriftstellern und Philosophen die Rede, von Goethe und Thomas Mann, Wittgenstein und Habermas. Auch das politische Erbe - speziell die NS-Zeit - spielt eine Rolle.

Völlig unterbelichtet bleiben dagegen ökonomische Aspekte. Und das ist ein Problem. Denn die Identitätskrise der Deutschen, wenn man sie denn annimmt, hat viel mit der Globalisierung und diese mit wirtschaftlichen Umwälzungen und Erschütterungen zu tun, von denen die Flüchtlingsbewegungen nur ein Ausdruck sind. Diesen Aspekt so ganz außen vor zu lassen, ist deshalb schwierig. Etwas weltfremd ist so auch Dorns Empfehlung, einwanderungspolitische Entscheidungen nicht an den „Bedürfnissen unserer Wirtschaft auf der einen und an der sozialen Bedürftigkeit von Migranten auf der anderen Seite“ zu orientieren, sondern nur „Freiheitskämpfer“ aufzunehmen. Thea Dorns Buch ist ein beherzter und leidenschaftlicher, dabei nie unsachlicher Debattenbeitrag in einer aufgewühlten Diskussion, greift aber insgesamt leider zu kurz.

Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus Verlag, München, 336 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-8135-0810-9

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