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Thomas Quasthoff: „Ich hatte eine verletzte Seele“

Berlin. Sein Abschied von der klassischen Musik schockte 2012 viele Fans. Heute sagt der hochdekorierte Bassbariton-Sänger Thomas Quasthoff, der freiwillige Verzicht sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Er konzentriert sich nun auf ein anderes Musikgenre.

Thomas Quasthoff: „Ich hatte eine verletzte Seele“

Nach schweren Zeiten: Thomas Quasthoff ist wieder glücklich. Foto: Sony Music/Gregor Hohenberg

Nach seinem Rückzug von der klassischen Musik vor sechs Jahren kehrt der Sänger Thomas Quasthoff mit einer neuen Jazz-Platte zurück. „Nice 'n' Easy“ ist ein Bigband-Album mit seinem bewährten Trio Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug).

Die Deutsche Presse-Agentur in Berlin sprach mit Quasthoff (58) über seinen für viele überraschenden Abschied von der Klassik-Szene und seine langjährige Jazz-Begeisterung.

Frage: Viele Ihrer Fans werden sich freuen, dass Sie nun wieder Musik veröffentlichen - ein neues Jazz-Album. Kommt danach vielleicht auch ein Comeback als klassischer Sänger?

Antwort: Nein, für die Klassik bin ich verloren, das ist durch. Wenn man zurücktritt, ist es besser und konsequenter, dabei zu bleiben. Ich hatte in meinem Leben als klassischer Sänger schon so große Höhepunkte, war etliche Male für den Grammy nominiert und habe drei gewonnen. Letztendlich war die Entscheidung, mit der Klassik aufzuhören, genau richtig - die beste in meinem Leben.

Frage: Aber dem Jazz bleiben Sie jetzt treu?

Antwort: Mit Jazz ist es etwas Anderes. Da kann ich die Tonarten so wählen, dass es für mich total bequem und angenehm ist, zu singen. Also das werde ich sicher noch ein paar Jahre machen. Ich habe große Lust darauf. Mal gucken - wenn die Stimme mitspielt. Mit 70 werde ich aber sicher nicht mehr auf der Bühne stehen.

Frage: Sie haben „Nice 'n' Easy“ Ihrem 2010 gestorbenen Bruder Michael gewidmet. War sein Tod der Grund für Ihren Rückzug?

Antwort: Schauen Sie, wenn der Ihnen am nächsten stehende Mensch stirbt, dann ist das so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Damals kam einfach zu viel zusammen. Meine Mutter war ein knappes dreiviertel Jahr vorher gestorben, ich durchlebte eine Ehekrise, und dann starb auch noch mein Bruder. Sowas steckt man nicht ohne Weiteres weg. Das hat mich zwei Jahre gesundheitlich, psychisch vor allem, sehr negativ beeinflusst. Zum Glück ist meine Frau seit Jahren wieder bei mir, ich führe eine tolle Ehe und bin sehr froh darüber.

Frage: Ihnen blieb damals buchstäblich die Stimme weg. Was ist passiert?

Antwort: Ich hatte jedenfalls keine Kehlkopferkrankung. Keine Ahnung, wer das lanciert hat. Nein, ich konnte durch den Tod meines Bruders einfach nicht mehr singen. Meine Stimmbänder waren in Ordnung. Ich bin von einem HNO-Arzt zum nächsten gerannt, aber da war nichts. Es war eine Kopfsache. Ich hatte eine verletzte Seele.

Frage: Was reizt Sie so daran, nun mit Jazz-Gesang zurückzukehren?

Antwort: Sicher nicht das Geld. Selbst wenn jetzt jemand kommt und sagt: Der Quasthoff hat wohl Geldsorgen - Quatsch, so viel verdient man mit Jazz-CDs nicht. Nein, ich tue das, weil es mir Spaß macht. Ich muss doch niemandem mehr etwas beweisen. Mit meinen drei Jungs zu spielen ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.

Frage: Treten Sie mit Ihrer Band auch wieder live auf?

Antwort: Ja, denn durch Konzerte verdient man in dem Business sein Geld. Wie gesagt: Im Jazz wird kein Mensch allein mit CD-Verkäufen Millionär, kein Gregory Porter, kein Till Brönner. Live zu spielen macht mir so viel Freude. Zwischen uns vieren passiert im Konzert wirklich etwas Besonderes. Und die Leute kommen ja auch so zahlreich dahin, weil der Thomas Quasthoff eine Marke ist. Nicht, weil sie einen Mann mit sieben Fingern sehen wollen, der 1,35 Meter groß ist.

Frage: Ihren selbstironischen Humor haben Sie also nicht verloren?

Antwort: Ach wissen Sie, wenn Sie 58 Jahre mit einer Schwerstbehinderung leben und keinen Humor haben, dann haben Sie etwas falsch gemacht in Ihrem Leben.

ZUR PERSON: Der Bassbariton Thomas Quasthoff gilt als einer der weltbesten klassischen Sänger. Er wurde 1959 in Hildesheim (Niedersachsen) mit einer schweren Contergan-Schädigung geboren. Quasthoff erhielt dank intensiver Förderung durch seine Familie die Möglichkeit, sein Talent voll zu entfalten. Nach zahlreichen großen Auszeichnungen für seine Klassik-Leistungen nimmt Quasthoff seit 2007 auch Jazz-, Soul- und Popsongs auf. Er ist Professor an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und lebt mit seiner Ehefrau und einer Tochter im Südwesten der Hauptstadt.

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