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Brief an Ulrich Hagedorn

Dieser Brief ist gleichzeitig an alle Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter gerichtet, die Unvorstellbares leisten… – in dieser Woche schreibt Hermann Beckfeld an Ulrich Hagedorn.

von Hermann Beckfeld

, 02.06.2018
Brief an Ulrich Hagedorn

Polizist Ulrich Hagedorn

Sehr geehrter Ulrich Hagedorn,

ist es dieser eine Gedanke, der Ihnen nie aus dem Kopf gehen wird? Dass Ihnen die Winzigkeit einer Sekunde das Leben gerettet hat; Sergej W. hätte die drei Sprengsätze nur einen Augenblick früher zünden müssen. Dann wären Metallstifte in Ihren ungeschützten Körper gedrungen.

Wie oft sind die Bomben in Ihren Ohren detoniert, hat der Knall Sie aus dem Schlaf gerissen? „Ich dachte im ersten Moment, hinter mir wäre ein Auto explodiert“, sagen Sie. „Im Rückspiegel meines Motorrades sah ich nur Qualm.“

Es ist der 11. April 2017, Punkt 19.15 Uhr. In 90 Minuten soll das Champions-League-Hinspiel gegen den AS Monaco beginnen. Christian Schulz, der Fahrer des BVB-Busses, gibt Ihnen, dem Lotsen, das Zeichen zum Start. Sie fahren los, in rund vier Metern Entfernung folgt der Bus – dann explodieren die Bomben. Danach wird für Sie und Ihre Familie nichts mehr so sein, wie es früher war.

Ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben soll, schreiben darf. Der Anschlag, der Fahndungserfolg, die Gerichtsverhandlung, der Jahrestag, immer neue Schlagzeilen – das Geschehen lässt Sie nicht los, immer und immer wieder werden Sie schmerzhaft erinnert. An die geschockten Spieler und Betreuer und den blutenden Marc Bartra, an den beschädigten Bus und die zersplitterten Fenster des Wohnhauses, an den geldgierigen Täter und sein eiskaltes Vorgehen; nach der Explosion gönnt er sich ein Steak im Hotelrestaurant.

Sie müssen mit einem Knalltrauma ins Krankenhaus. Der Tinnitus, dieses ständige Rauschen im Ohr, bleibt, der Schock der Seele auch.

Ich habe mich entschlossen, Ihnen zu schreiben, weil dieser Brief gleichzeitig an alle Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter gerichtet ist, die Unvorstellbares leisten; die ihr Leben riskieren, um andere zu schützen, zu retten. Sie nehmen schreckliche Bilder von furchtbaren Erlebnissen in den Feierabend mit, die sie nur schwer, manchmal nie verarbeiten werden.

Es sind Menschen wie Sie, die unsere Anerkennung verdienen und doch viel zu selten bekommen, die zu schnell vergessen werden; Helfer, Beschützer, ohne Gesicht, ohne Namen.

Es wurde viel geschrieben über Innenverteidiger Marc Bartra, über den offenen Bruch des rechten Unterarms, über seine Probleme im Leben und auf dem Platz. Wir sahen Bilder vom Besuch seiner Mitspieler und von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am nächsten Tag im Krankenhaus. Von prominenten Besuchern in Ihrem Haus in Bergkamen kann es keine Bilder geben.

Ich finde es gut, dass Borussia, Ihr Verein, den Sie seit Kindheit lieben, Sie nicht vergessen hat. Die Schwarzgelben schickten nach dem Anschlag Ihrer Frau Ute Blumen und Ihnen ein Präsent, luden Sie nach dem Pokalsieg ein, beim Jubelkorso durch die Innenstadt mit dem BVB-Bus mitzufahren. Sie lehnten ab, wofür jeder Verständnis hat.

Sie wurden psychologisch betreut, waren fast ein Jahr lang krankgeschrieben. Der erste Versuch, den Dienst wieder aufzunehmen, schlug fehl. Jetzt aber sitzen Sie wieder auf Ihrem Motorrad, der Polizeihauptkommissar Ulrich Hagedorn, der seit 1974 für Ordnung sorgt und nun Streife fährt; der im August mit 61 in Pension gehen wird, obwohl er noch gerne weiterarbeiten würde. Die brutale bürokratische Wirklichkeit: Vor dem Bus-Attentat hatten Sie den Antrag auf Verlängerung der Dienstzeit gestellt, mit Ihrer Krankheitsgeschichte ist sie nun nicht mehr möglich.

Lieber Ulrich Hagedorn,

im Dezember 2017, bei meiner Ansprache während des BVB-Gottesdienstes in der Dreifaltigkeitskirche, fand ich lautstarke Zustimmung für meine Meinung, dass das Spiel nie und nimmer nur 24 Stunden später nachgeholt werden durfte; dass wir alle Menschen, egal ob Star oder Beamter, gleich behandeln müssen.

Sollte ich in diesem Jahr die Predigt halten, ich würde eine Szene im Gerichtssaal schildern. Sergej W. entschuldigte sich bei Ihnen, dem Opfer und Zeugen, der ein Leben lang leiden wird. Sie zögerten nicht lange, nahmen die Entschuldigung an. Es ist Größe, die mich sprachlos macht.

Beste Grüße

Hermann Beckfeld