Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

130 behinderte Mitarbeiter bei Amazon

Das neue Amazon-Logistikzentrum in Werne bietet nicht nur ein modernes Arbeitsumfeld für rund 1300 gewerblich Beschäftigte. Es ist weitgehend barrierefrei. Beste Bedingungen also für die 130 behinderten Mitarbeiter.

Werne

, 17.02.2018
Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

Mithilfe ihres Blindenstocks kann sich Christine Osterkemper in bestimmten Bereichen der Amazon-Halle frei bewegen. © Jörg Heckenkamp

Sie hat bei der Stadt Münster gearbeitet, dann als Aushilfskraft im Deutschen Bundestag. Danach war Christine Osterkemper (28) fünf Jahre arbeitslos. Keine leichte Zeit, zumal ein besonderer Umstand das Finden eines neuen Jobs erheblich erschwert: Christine Osterkemper ist von Geburt an blind. Aber manchmal ist es der Zufall, der einen Lebensweg dreht. In diesem Falle hat der Zufall einen Namen: Bernd Kollmer.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

130 behinderte Mitarbeiter bei Amazon in Werne

130 Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen arbeiten bei Amazon Werne. Das macht etwa 10 Prozent der gewerblich Beschäftigten aus.
17.02.2018
/
Christine Osterkemper zeigt die spezielle "Braille-Zeile", die die Worte, die sie eingetippt hat, in spürbare Blindenschrift umwandelt.© Foto: Jörg Heckenkamp
Antje Kurz-Möller von der Öffentlichkeitsarbeit und der Schwerbehindertenvertreter Bernd Kollmer lassen sich von Christine Osterkemper die Funktionsweise ihres Arbeitsplatzes für Blinde erklären.© Foto: Jörg Heckenkamp
Das Ehepaar Yulia (29) und Wlas (29) Kovalenko stammt aus der Ukraine. Die beiden kennen sich seit dem Kindergarten, sind gehörlos und arbeiten seit 2 Jahren und drei Monaten bei Amazon. Allerdings nicht täglich gemeinsam.© Foto: Jörg Heckenkamp
Christine Osterkemper (28) ist blind und arbeitet als Telefonist an der Kranken- und der Bewerber-Hotline.© Foto: Jörg Heckenkamp
Fatih Hircin ist 25 Jahre alt und kleinwüchsig. Der 1,20 Meter große Mitarbeiter ist seit Juli 2016 dabei und in der sogenannten Dauer-Inventur eingesetzt. Ständig überprüfen Mitarbeiter, ob der Bestand der Ware den Computer-Angaben entspricht.© Foto: Jörg Heckenkamp
Timo Loock (21, hier mit seinem Vorgesetzten Patrick Budde, 26) ist Autist und wohnt in Bergkamen. Bei Amazon hat der Fachlagerist eine für ihn passende Aufgabe gefunden.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eine spezielle "Braille-Zeile" unterhalb der Tastatur übersetzt die Worte, die die blinde Christine Osterkemper auf der Tastatur schreibt, in spürbare Blindenschrift.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eine spezielle "Braille-Zeile" unterhalb der Tastatur übersetzt die Worte, die die blinde Christine Osterkemper auf der Tastatur schreibt, in spürbare Blindenschrift. Außerdem wird der Text hörbar gemacht und ihr per Kopfhörer eingespielt.© Foto: Jörg Heckenkamp
Timo Loock bei der Arbeit im Amazon-Zentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp
Timo Loock (21) ist Autist und wohnt in Bergkamen. Bei Amazon hat der Fachlagerist eine für ihn passende Aufgabe gefunden.© Foto: Jörg Heckenkamp
Das Ehepaar Yulia (29) und Wlas (29) Kovalenko arbeitet seit 2 Jahren und drei Monaten bei Amazon.© Foto: Jörg Heckenkamp
Mithilfe ihres Blindenstocks kann sich Christine Osterkemper in bestimmten bereichen der Halle frei bewegen.© Foto: Jörg Heckenkamp
Ein gutes Betriebsklima ist Christine Osterkemper wichtig. Mit dem Kollegen Sebastian Hölscher (35) versteht sie sich gut.© Foto: Jörg Heckenkamp
Christine Osterkemper (28) ist blind und arbeitet als Telefonist an der Kranken- und der Bewerber-Hotline.© Foto: Jörg Heckenkamp

„Wir sind glücklich, dass wir sie haben. Christine ist ein ganz toller Mensch“, sagt eben jener Bernd Kollmer. Der 56-Jährige mit der sanften Stimme ist gewählter Schwerbehindertenvertreter im Amazon Logistikzentrum in Werne. Er gehört seit 2013 zur Belegschaft und ist stolz darauf, dass seitdem die Zahl der schwerbeschädigten Mitarbeiter von 16 auf 130 gestiegen ist.

Die Handicaps reichen von der Hörbehinderung bis zum Autismus. Wenn in Kollmers sanfter Stimme nicht das absolute Engagement für seine Mission zu hören wäre, so hätte seine folgende Aufzählung etwas unfreiwillig Komisches: „Wir haben unter anderem 24 Hörbehinderte, davon 20 Gehörlose, 5 mit Lernbehinderung, 1 Kleinwüchsigen, 1 Autisten, 1 Blinde.“

Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

Christine Osterkemper (28) ist blind und arbeitet als Telefonistin an der Kranken- und Bewerber-Hotline. © Jörg Heckenkamp

Die blinde Telefonistin Christine Osterkemper aus Werne sitzt in ihrem kleinen schmucklosen Büro. An der Wand Sprüche auf Englisch von Amazon, die sie nicht lesen kann. Als wir sie besuchen, telefoniert sie gerade mit einem Mitarbeiter, der sich krank meldet.

„Wie lange bist du krank?“, fragt sie in ihr Headset und tippt auf einer für Blinde ausgelegten Tastatur die Antwort in einen PC. „Ok, hast du eine Telefonnummer für mich, unter der du erreichbar bist?“ Sie tippt wieder einen Text, den sie nicht lesen kann. „Dann gute Besserung, tschüss.“

Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

Antje Kurz-Möller von der Öffentlichkeitsarbeit und der Schwerbehindertenvertreter Bernd Kollmer lassen sich von Christine Osterkemper die Funktionsweise ihres Arbeitsplatzes für Blinde erklären. © Jörg Heckenkamp

„Wie funktioniert das eigentlich genau mit dem Monitor und der Tastatur?“, will Bernd Kollmer wissen. Christine erklärt gut gelaunt die Technik: Sie tippt ihren Text in den Computer. Wer lesen kann, sieht den Text auf dem Monitor. Sie nicht. Doch dafür steht ihr eine sogenannte Braille-Zeile zur Verfügung. „Der Text wird dadurch fühlbar in Blindenschrift“, klärt sie Kollmer auf: „Außerdem wird der Text hörbar gemacht und auf mein Headset gespielt.“

Dass es soweit kam, ist, wie gesagt, dem Zufall zu verdanken. Die arbeitslose Christine Osterkemper und der Amazon-Mann Bernd Kollmer lernten sich im November 2016 bei einer Podiumsdiskussion in Bochum kennen. Passender Titel: „Was behindert Arbeit?“ Kollmer: „Ich war sofort angetan von ihr.“

Dann kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch

Die 28-Jährige witterte ihre Chance, informierte die Arbeitsagentur über eine Job-Möglichkeit bei Amazon. Es verging einige Zeit. Im August 2017, „ich war bei meiner Oma zum Geburtstag“, klingelte Christine Osterkempers Telefon. Es war eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bei Amazon Werne.

Sie weiß auch noch ganz genau, wo sie der zweite Anruf erreichte: „Am Rheinufer in Düsseldorf.“ Das war Ende August. Es war wieder Amazon. Es war die Zusage. Ob sie nicht schon Anfang September anfangen könnte? Konnte sie. Was für eine Freude, was für eine Aufregung.

Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

Ein gutes Betriebsklima ist Christine Osterkemper wichtig. Mit dem Kollegen Sebastian Hölscher (35) versteht sie sich gut. © Jörg Heckenkamp

Sebastian Hölscher (35) ist einer aus dem achtköpfigen Team, in dem Christine Osterkemper arbeitet. Krankmelde- und Bewerber-Hotline. „Sie ist gekommen, als wir richtig viel zu tun hatten. Wir haben uns damals ernsthaft gefragt, ob sie das alles schafft“.

Christine Osterkemper lacht, als Hölscher fortfährt: „Aber es war schnell klar, dass sie das alleine kann.“ „Das macht mir auch einfach viel Spaß und das Team ist toll“, entgegnet sie. Hölscher: „Wir sind sehr dankbar, sie zu haben. Sie ist ein besonderer Mensch.“

Mindestens fünf Prozent Schwerbehinderte

Fünf Prozent Schwerbehinderte müssen große Firmen laut Gesetz einstellen. „Bei uns sind es zehn Prozent“, sagt Amazon-Personalchef Andreas Tecl (45) nicht ohne Stolz. 130 der etwa 1300 gewerblichen Amazonier sind behindert. Tecl verweist darauf, dass sein Unternehmen keine Gehaltszuschüsse von der Arbeitsagentur annimmt.

Dabei wären diverse Förderungen möglich, die bis zu 70 Prozent des Lohnes betragen können. „Nur wenn besondere Ausstattungen nötig sind, dann greifen wir auf Unterstützung der Arbeitsagentur zurück“, sagt Schwerbehinderten-Vertreter Kollmer. Bei Christine Osterkemper waren es unter anderem die teure Braille-Zeile, ein spezielles Headset und besondere Software. „Fünfstellig“, sagt Kollmer.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Amazon-Neubau in Betrieb

Das neue Amazon-Logistikzentrum Werne ist seit 14 Tagen komplett in Betrieb. Wir haben einen Blick in die riesige Halle (550 x 175 Meter) geworfen.
15.02.2018
/
So sah die Baustelle im März 2017 aus....© Foto: Jörg Heckenkamp
...so im Juli 2017. Und so....© Foto: Jörg Heckenkamp
...sieht es akutell aus..© Foto: Jörg Heckenkamp
Eindrücke aus dem neuen Amazon-Logistikzentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eindrücke aus dem neuen Amazon-Logistikzentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp
Ein großer Schriftzug auf der Stirnseite weist auf den Betreiber der Halle im Neubaugebiet Wahrbrink-West in Werne hin.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eindrücke aus dem neuen Amazon-Logistikzentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp
Lade- und Abstellbereich für die Gabestapler.© Foto: Jörg Heckenkamp
Das Motto "One World - Die ganze Welt in einem Haus" haben sich die Mitarbeiter für den Neubau einfallen lassen.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eindrücke aus dem neuen Amazon-Logistikzentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp
Ein Bereich mit abschließbaren Fächern.© Foto: Jörg Heckenkamp
Eindrücke aus dem neuen Amazon-Logistikzentrum.© Foto: Jörg Heckenkamp

Behinderte haben zwar eine Woche mehr Urlaub als die anderen und sind meist nur eingeschränkt einsetzbar. „Aber sie bringen viel für das Klima in den Teams“, sagt Personalchef Tecl. Den Einwurf, Amazon stelle deswegen in großem Umfang Schwerbehinderte ein, weil es keine geeigneten Bewerber ohne Handicap gibt, kontert Tecl: „Im Moment können wir uns die Bewerber aussuchen.“

Da seine Firma aber so gute Erfahrungen mit den 130 Mitarbeitern gemacht hat, ist es für ihn eine logische Konsequenz: „Bei gleicher Eignung erhalten Behinderte den Vorrang.“

Christine Osterkemper ist blind – und hat ihren Traumjob gefunden

Christine Osterkemper ist in ihrem Job angekommen. © Jörg Heckenkamp

Christine Osterkemper hat den nächsten Anruf bearbeitet. Ihr Gesicht ist zwar dem großen Computer-Monitor zugewandt, aber sie „liest“ den Text per Hautkontakt mit der Braille-Leiste und parallel über das Headset. So kann sie schnell etwaige Tippfehler korrigieren.

Nach knapp einem halben Jahr ist die blinde 28-Jährige mehr als angekommen in ihrem neuen Job. Sie denkt mit, hat sich gerade überlegt, wie sie den Kontakt zu den hörgeschädigten Mitarbeitern verbessern kann. Vielleicht über Texte in einem Laptop, die sie dann mit ihrer Technik auslesen kann. „Die Idee ist mir gerade in der Mittagspause gekommen“, sagt sie und lacht. Personalchef Tecl hört‘s und sagt: „Gute Idee, Christine, nehme ich mit.“

Quote für Schwerbehinderte
  • Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen müssen auf mindestens 5 Prozent der Plätze Schwerbehinderte einstellen.
  • Wer das nicht tut, muss Ausgleichsabgaben zahlen, die gestaffelt sind von 125 bis 320 Euro/Monat pro nicht besetztem Platz.