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Seine Sprüche und sein Auftreten waren das eine - seine großen, mutigen, oft unpopulären, aber auch richtigen Entscheidungen das andere. Assauers Meilensteine als Spieler und Manager:

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 07.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Nachricht vom Tode Rudi Assauers hat ganz (Fußball)-Deutschland in tiefe Trauer versetzt. Ein Branchen-Gigant hat seinen letzten, langen Kampf gegen die tückische Alzheimer-Erkrankung verloren. Aber wie wurde Rudi Assauer überhaupt zur Legende, und das schon zu Lebzeiten? Der Versuch einer Zusammenfassung seiner „Meilensteine“, die er als Spieler und Manager bewältigt hat.

Borussia Dortmund ist 1964 der zweite Klub des in Herten aufgewachsenen und vorher bei der Spvgg. Herten aktiven Assauer. Mit dem BVB gewinnt er 1965 den DFB-Pokal und 1966 den Europapokal der Pokalsieger. Erstmals hat damit eine deutsche Mannschaft einen Europapokal gewonnen.

Jüngster Bundesliga-Manager

1970 wechselt der Verteidiger zu Werder Bremen, wo er 1976 mit 32 Jahren zum jüngsten deutschen Bundesliga-Manager wird.

S04-Präsident Dr. Hans-Joachim Fenne holt Assauer 1981 nach Schalke. Die Königsblauen sind eine Fahrstuhl-Mannschaft, als Zweitligist sorgen sie 1984 beim 6:6 gegen die Bayern für ein Jahrhundert-Pokalspiel. Während Königsblau jubelt, knurrt Assauer: „Ein Scheiß-Ergebnis.“ Er behält recht: Schalke verliert das Wiederholungsspiel. Weil Dr. Fenne ohne Absprache mit Assauer Rolf Schafstall als neuen Trainer für Diethelm Ferner verpflichtet, kommt es 1986 zum Zerwürfnis. Assauer verlässt Schalke im Streit.

Schalkes Lizenz gerettet

Nach einem Ausflug ins Immobiliengeschäft und einem Manager-Job beim VfB Oldenburg kehrt Rudi Assauer am 1. April 1993 nach Schalke zurück. Noch ist er bei vielen Fans unerwünscht – während sie noch auf einen Aprilscherz hoffen, versucht sich Assauer in dem Chaos zurechtzufinden, das Ex-Präsident Günter Eichberg hinterlassen hat. Assauers vielleicht größte und wichtigste Leistung: In einer Marathon-Sitzung mit dem DFB retten er und seine Vorstandskollegen Schalke die gefährdete Lizenz.

1994 erfüllt Rudi Assauer den S04-Fans einen Herzenswunsch: Er holt den 1988 nach München gewechselten Olaf Thon von den Bayern zurück. Der Coup gelingt, obwohl Schalke noch als Pleite-Klub gilt. „Wir haben Bayern-Manager Uli Hoeneß fast angebettelt, dass er uns Olaf zu einem günstigen Preis verkauft“, erinnert sich S04-Finanzvorstand Peter Peters. Was zu diesem Zeitpunkt noch undenkbar ist: Assauer hat durch diesen Transfer den ersten Grundstein für die spätere Eurofighter-Mannschaft gelegt. Dieses Team hat er ganz genau so geplant, was spätere Einkäufe wie zum Beispiel Marc Wilmots belegen. Assauer erkennt das große Schalker Potenzial und nimmt es gezielt in Angriff, das zu nutzen.

Auch gegen alle Widerstände: Im Oktober 1996 entlässt Schalke Trainer Jörg Berger – obwohl der bei den Fans ex-trem beliebt ist, weil er Schalke zunächst vor dem Abstieg gerettet und dann nach fast 20-jähriger Abstinenz wieder in den Europapokal geführt hatte. Aber Assauer hört auf die Mannschaft, die unter Berger keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr sieht. Wütende Proteste sind die Folge – nach dem nächsten Heimspiel müssen die Mannschaft und Assauer die Katakomben des Parkstadions unter Polizeischutz verlassen.


Sensationeller Uefa-Cup-Sieg 1997

Assauer bleibt ein Überzeugungs-Täter, hört selten auf das, was andere sagen, sondern macht das, woran er glaubt. Als Nachfolger von Jörg Berger verpflichtet er nur wenige Tage später Huub Stevens. Der Limburger war als Trainer von Roda Kerkrade gerade gegen Schalke im Uefa-Cup rausgeflogen und in Deutschland ein völlig unbeschriebenes Blatt. Assauer hat aber genau den richtigen Riecher: Stevens wird auf Schalke zum Jahrhundert-Trainer, gewinnt 1997 den Uefa-Cup und 2001 und 2002 den DFB-Pokal. Zwischen Assauer und Stevens passt kein Blatt Papier. Wenn Stevens im Aufsichtsrat infrage gestellt wird, droht Assauer mit Rücktritt. Die Männer-Freundschaft, die erst beim Wechsel von Stevens 2002 zu Hertha BSC Berlin erste leichte Risse bekommen hat, besteht bis zum Tode Rudi Assauers.

Am 21. Mai 1997 schafft Schalke die Sensation, auf die Assauer hingearbeitet hatte: Durch einen Sieg im Elfmeterschießen bei Inter Mailand gewinnt Schalke 04 den Uefa-Cup, der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Dieser Triumph stellt die Weichen für das „moderne Schalke“.

An das denkt Assauer schon auf dem Rückflug von Mailand. Vertrauten verrät er: „Ich mache jetzt ein Schild an meine Büro-Tür: „Sprechstunde für Spieler von morgens 8 Uhr bis 8.30 Uhr.“ Den Hinweis, dann käme ja keiner, kontert Assauer lachend: „Das ist ja Sinn der Sache. Denn ab jetzt arbeite ich vor allem am neuen Stadion.“

Baubeginn der Arena im November 1998

Ähnliche Pläne dafür hatte schon Günter Eichberg in der Schublade liegen, realisiert wurde nichts. Wie auch ohne Kohle? Assauer lässt nicht locker, wird zum Antreiber, zur Lokomotive. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen arbeitet Assauer an Finanzierungsplänen, am Ende kann der Arena-Bau durch die Bewilligung einer Landesbürgschaft beginnen. Am 21. November 1998 ist Pfahlgründung und damit Baubeginn der Arena.

Im Jahr 2000 stecken Assauer und Stevens im Zwiespalt. Spätestens jetzt braucht das zusammen gebliebene Gerüst der Eurofighter „Blut-Auffrischung“, vor allem mehr Tempo. Wieder trifft Rudi Assauer eine unfassbare Entscheidung: Mitte 2000 holt er An-dreas Möller von Borussia Dortmund. Es gibt zu diesem Zeitpunkt für S04-Fans wohl keine größere Reizfigur als Möller. Wütende Schalker verbrennen vor der Geschäftsstelle ihre Mitgliedsausweise, zerreißen Dauerkarten. Obwohl der Transfer mit dem Gesamt-Vorstand abgesprochen war, bekommt vor allem Assauer den Fan-Protest ab. Peter Peters: „Das muss man Rudi schon lassen: In solchen Fällen hat er sich nicht weggeduckt, sondern ist raus zu den Leuten gegangen und hat den Kopf hingehalten.“

Reizfigur Möller nach Schalke geholt

Als der Sturm vorüber ist, wirbelt nur noch einer: Möller. Seine Verpflichtung gehört mit zu den genialsten Ideen, die Assauer – der, was nicht verschwiegen werden sollte, auch Fehlentscheidungen traf – hatte. Mit einem in dieser Saison überragenden Möller und einer Top-Truppe wird Schalke 2001 Vize-Meister und 2001 sowie 2002 DFB-Pokalsieger.

In vielleicht keinem Moment ist Rudi Assauer authentischer als am 19. Mai 2001. Ein Tag, der für immer ein Gänsehaut-Tag bleiben wird. Schalke nimmt Abschied vom Parkstadion und ist am Ende des Tages Deutscher Meister. Aber nur für 4:38 Minuten, weil in Hamburg Unfassbares passiert, was die schon feiernden Schalke-Fans live auf einer Leinwand mitbekommen. Ganz Schalke weint, Rudi Assauer mittendrin. Der „Bundesliga-Macho“ heult hemmungslos, bricht sogar offiziell mit einer Institution: „Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott. Weil er nicht gerecht ist.“ Für Szenen und Sätze wie diesen wird Assauer von den Fans verehrt.

Assauer wird zur eigenen „Marke“

Assauer ist auf dem Höhepunkt, seine eigene Marke, wird zur Werbe-Figur, bewegt sich nicht mehr nur auf dem Fußball-Parkett. Mit der Arena-Eröffnung am 13. August 2001 ist nach der Lizenz-Rettung und dem Uefa-Cup-Sieg „sein“ dritter Meilenstein auf Schalke vollendet.

2006 zum Rücktritt gezwungen

Ab 2004/05 zieht sich Assauer aus dem operativen Geschäft zurück, baut Andreas Müller zu seinem Nachfolger auf. Assauers Abschied auf Schalke hatte seine Gründe, bleibt stiltechnisch aber unwürdig. Einstimmig zwingt ihn der Aufsichtsrat im Mai 2006 quasi zum Rücktritt.

2012 macht Rudi Assauer seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich: „So eine Scheiße!“ Für seinen langjährigen Wegbegleiter Werner Hansch ist das Assauers größte Lebens-Leistung: „Denn durch Rudi wurde Alzheimer aus der Tabu-Zone geholt.“

Ein Meilenstein, der bleibt.

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