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Eine der brutalsten Mordserien Deutschlands begann in Dortmund-Syburg. Fünf Morde, diverse Raubüberfälle und zwei Gefängnisausbrüche beging Norman Franz. Eine Chronologie des Schreckens.

Dortmund/Schwerte

, 14.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Noch ist Norman Volker Franz kein Mörder, aber das wird sich am Abend des 15. Mai 1995 ändern. Bis dahin hat er sein Geld mit Banküberfällen, Zigarettenschmuggel und Waffenhandel verdient sowie Verbindungen in die Zuhälterszene gepflegt. Das sind alles andere als Kavaliersdelikte. Aber was am Abend jenes Tages geschehen sollte, hat Dortmund in der Nachkriegsgeschichte noch nicht gesehen. „Ich kann mich an keinen vergleichbaren Fall erinnern“, sagt Oliver Peiler, Pressesprecher der Polizei Dortmund.

Norman Franz trifft sich mit Komplizen und Zigarettenschmugglern einer rivalisierenden Gang, auf einem Parkplatz im Dortmunder Süden, nahe der Kreuzung Reichsmark-/Wannestraße, im Stadtteil Syburg. Die verfeindete Gruppe erpresst einen aus Franz‘ Bande, Bandenchef Christian K. Sie wissen von einem Banküberfall. Norman Franz lässt die Forderung nach Schweigegeld nicht auf sich sitzen. Er ist zum Äußersten bereit und wirft eine scharfe Handgranate durchs Seitenfenster in das Auto der Erpresser.

Szenen wie aus Scarface

Die Explosion reißt einen Insassen sofort in den Tod. Ein zweiter flüchtet verletzt aus dem Auto, doch Norman Franz hat kein Erbarmen. Er zückt seine Waffe und richtet ihn mit mehreren Schüssen in den Kopf im Dunkeln hin. Ein Dritter überlebt schwer verletzt, nicht etwa weil Franz Gnade hat walten lassen, sondern weil er entkommen konnte. Diese Szene erinnert an Mafiafilme wie „Der Pate“ oder „Scarface“, aber es geschah mitten in Dortmund. Und der Täter kommt nicht etwa aus Sizilien oder Kuba, sondern aus Arnsberg. Um genau zu sein, aus dem ehemaligen Neheim-Hüsten, jetzt Stadtteile von Arnsberg.

Dort ist Norman Franz am 30. Januar 1970 geboren. Er besucht die Realschule und macht anschließend eine Lehre als Elektriker. Danach leistet er seinen Wehrdienst in der Bundeswehr und kommt mit Waffen in Berührung. Die erlernten Fähigkeiten sollten ihm später noch nützlich sein.

Norman Franz: Ein eiskalter Mörder aus dem Ruhrgebiet ist seit 20 Jahren auf der Flucht

In diesem Golf starben zwei Menschen durch die Explosion. Ein dritter wurde durch Schüsse schwer verletzt. © Archiv: dpa


Nach der Schule beginnt die kriminelle Karriere

Zunächst möchte Franz sein Abitur in Dortmund nachholen, aber er bricht seine Schullaufbahn vorzeitig ab. Stattdessen beginnt er eine kriminelle Karriere Anfang der 1990er Jahre. Er schließt sich der Bande um Christian K. an. Der lebt offiziell von der Sozialhilfe, spielt Fußball in Schwerte-Ost und organisiert Waffenhandel, Zigarettenschmuggel und Banküberfälle. „Ein mehr als talentierter Fußballer“, sagt Vereinschef Hans Habeschuss. „Der hat uns damals in die Landesliga geköpft.“ Beinahe hätte Christian K. einen Vertrag in der US-Hallenliga bekommen, aber eine Verletzung verhinderte das. Aber Christian K. war auch ein Mann, der Kriminelle um sich scharte. Zu denen gehört der damals 25-jährige Franz, der schon damals von seinen Komplizen als eiskalt beschrieben wurde. Damals stand er noch am Anfang einer kriminellen Karriere, die gipfelte in Sachen Brutalität und Skrupellosigkeit vorerst im Handgranatenanschlag.

Die Tat beging Franz nicht im Affekt, sie war eiskalt geplant. Seiner Freundin soll er vor dem Anschlag gesagt haben: „Was ich jetzt machen werde, das werde ich mein ganzes Leben lang bereuen.“ Ob er es aus moralischen Gründen bereuen sollte oder weil er die Verfolgung fürchtete, ist nicht bekannt. Fakt ist: Im Anschluss folgte eine Großfahndung in ganz Europa und Norman Franz wurde zum Gejagten.

Flucht und Festnahme des Norman Franz

Seine Freundin Sandra, die er im Umfeld der Clique um Christian K. kennengelernt hat, folgte ihm auf der Flucht über Spanien und die Niederlande, bis beide wieder deutschen Boden betreten. Beide galten als die moderne Version von Bonny & Clyde. In Osnabrück erkennt ein Fußgänger den mittlerweile berühmt berüchtigten Franz. Kurze Zeit später erfolgt die Festnahme durch Kripo-Beamte.

Wie nicht anders zu erwarten, wird er wegen Doppelmord und einem weiteren Mordversuch vom Dortmunder Schwurgericht im März 1996 zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Freundin bleibt auf freiem Fuß. Das ist mehr als eine Fußnote, denn das sollte wenig später noch zu einer unerwarteten Wende führen.

Norman Franz: Ein eiskalter Mörder aus dem Ruhrgebiet ist seit 20 Jahren auf der Flucht

Die Polizeifotos zeigen die Dortmunder Norman und Sandra Franz. © dpa

Trotz der Gefängnisstrafe heiraten Norman und Sandra Franz, zwei Monate nach dem Schuldspruch, in der JVA Wuppertal. 1997 wird der Zweifachmörder ins Gefängnis nach Hagen überstellt. Das Ehepaar sieht sich jedoch nur zu den Besuchszeiten. Sandra Franz schmuggelt bei den Begegnungen Sägeblätter in die JVA, mit denen ihr Mann die Gitterstäbe seiner Zelle durchsägt. Sandra Franz wartet zu diesem Zeitpunkt in einem Kleinwagen vor dem Gefängnis, um mit ihrem Ehemann in einer Nacht- und Nebelaktion am 11. März 1997 zu flüchten.

Zwei Überfälle und drei Tote

Der Schwerkriminelle hat da gerade mal ein Jahr seiner lebenslangen Haftstrafe abgesessen. Schon ist er wieder auf der Flucht und wird nur 15 Tage später erneut zum Mörder. In Weimar überfällt das Paar einen Geldtransporter und erschießt den 54-jährigen Beifahrer am helllichten Tage. Die Beute beträgt gerade mal ein paar Tausend Euro.

Am 21. Juli 1997 schlägt das Räuberduo wieder zu - und tötet weiter. Mehrere Kugeln treffen zwei Wachleute eines Geldtransporters, beide sterben. Das Ehepaar Franz kann mit einer halben Millionen D-Mark entkommen.

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Relativ schnell ist den Ermittlungsbehörden klar, dass Norman Franz hinter den Morden steckt. Das Fluchtfahrzeug, das an den Tatorten gesichtet wurde, verrät ihn. Das Paar schafft es trotz einer internationalen Fahndung, über Frankreich und Spanien bis nach Portugal zu flüchten. Die Rolle der Gejagten zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.

Neues Leben mit neuer Identität

Nach den drei Morden lässt sich das Paar im portugiesischen Albufeira an der Algarve nieder. Anscheinend möchten sie die kriminelle Karriere hinter sich lassen. Unter einer neuen Identität ist Norman Franz in der Immobilienbranche tätig. Wahlweise tritt er als Michael Stuever oder Carsten Müller auf. Das Ehepaar hat mittlerweile ein gemeinsames Kind, aber das Familienglück währt nicht lange.

Am 24. Oktober 1998 wird das Ehepaar von deutschen Zielfahndern in ihrem Apartment festgenommen. Sandra Franz wird von einer Jugendstrafkammer zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt, weil sie zum Tatzeitpunkt noch eine Heranwachsende war. Der Vorwurf: Komplizin von Norman Franz bei Raubüberfällen mit Todesfolge. Mittlerweile hat sie sich von ihrem einstigen Ehemann scheiden lassen und ihre Strafe abgesessen.

Norman Franz: Ein eiskalter Mörder aus dem Ruhrgebiet ist seit 20 Jahren auf der Flucht

Sandra Franz im Hochsicherheitstrakt des Justizzentrums. © Volontaer DigitalDesk

Ganz anders Norman Franz: Er sitzt seine Strafe nicht ab, sondern bricht erneut aus: Am 28. Juli 1999 –  kurioserweise auf die gleiche Weise, wie beim ersten Mal. Er durchsägt die Gitterstäbe seiner Zelle in Lissabon und seilt sich an Bettlaken ab. So entging er seiner Auslieferung nach Deutschland und ist bis heute seit fast zwanzig Jahren untergetaucht.

Norman Franz ist immer noch auf der Flucht

Wo, da tappet die Polizei weiterhin im Dunkeln. Franz spricht Portugiesisch, denkbar ist alo ein Land mit dieser Landessprache. Die Polizei hat indes die Hoffnung nicht aufgegeben. Erst im Januar 2018 wurde der Fall erneut bei „Aktenzeichen XY... ungelöst“ im ZDF vorgestellt. Unter anderem wurde diese Stimmfrequenz abgespielt:

30 Hinweise gingen daraufhin bei der Polizei ein. Zum Fahndungserfolg führten sie nicht. Oliver Peiler, der Pressesprecher der Dortmund Polizei, kontert die Presseanfrage mit der Gegenfrage: „Wissen Sie, wo Norman Franz steckt?“ Hinter seiner Frage verbirgt sich eine Mischung aus Hoffnung und Ironie. Laut einem Fahndungsaufruf der Polizei werden Hinweise auf den Aufenthaltsort des Fünffachmörders und Räubers mit bis zu 25.000 Euro belohnt.

Gleichzeitig warnt die Polizei: „Franz ist gewalttätig und bewaffnet. Er macht rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch“. Daran kann niemand zweifeln.

Norman Franz: Ein eiskalter Mörder aus dem Ruhrgebiet ist seit 20 Jahren auf der Flucht

Der Fahndungsaufruf warnt vor dem Mörder Norman Franz. © BKA

Serie: Tatort

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