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Neuer Trainer der BVB-Handballfrauen: „Schwerpunkt auf den Angriff“

hzNorman Rentsch im Interview

Seinen größten Erfolg feierte er ausgerechnet gegen seinen neuen Verein: 2016 gewann Norman Rentsch als Trainer des HC Leipzig den DHB-Pokal - im Finale gegen den BVB. Ab Sommer coacht er nun die Schwarzgelben.

Dortmund

, 16.04.2018

Herr Rentsch, seit Anfang des Jahres haben Sie Gespräche mit dem BVB geführt. Was hat Sie letztlich überzeugt?
Am Ende war es das Gesamtpaket. Man findet hier eine tolle Basis, einen sehr gut aufgestellten Verein mit einer großartigen Mannschaft. Und unsere Ansichten und Zielsetzungen waren sehr deckungsgleich. Zwischendurch sind die Gespräche sicherlich auch mal ein wenig ins Stocken geraten aufgrund meiner familiären Situation, die für mich sehr wichtig ist. Aber wir haben dann einen sehr guten Konsens gefunden, um hier eine erfolgreiche Arbeit am 1. Juli zu beginnen.


Sie haben die Zielsetzung angesprochen. In Dortmund will man sich unter den Top drei etablieren, gleichzeitig aber auch den Nachwuchs verstärkt einbauen. Kann das funktionieren?
Das ist sicherlich ein schwieriger Spagat, wenn man sieht, wie sich die Topteams der Liga aufstellen. Da wird weniger auf den Nachwuchs geschaut als vielmehr auf internationale Erfahrung oder Titel. Ich denke dennoch, dass die Zielsetzung des Klubs absolut gerechtfertigt ist, wenn man sich die Strukturen beim BVB anschaut. Der Verein hat eine sehr gute Jugendarbeit mit vielen Jugend- und Juniorennationalspielerinnen. Diese gilt es nun, konsequent in den Bundesliga-Kader einzubauen, ohne sie dabei zu verheizen. Dazu braucht es sicherlich auch Geduld, aber es ist unsere Philosophie. Und es ist auch meine Philosophie.


Wie schätzen Sie den aktuellen Kader ein - gerade auch im Vergleich zu den anderen Topteams der Liga?
Ich denke, dass wir grundsätzlich über eine sehr hohe Qualität und neben den Talenten auch über viel Erfahrung verfügen. Das spielt aus meiner Sicht ebenfalls eine sehr gewichtige Rolle. Wenn es uns dann gelingt, alle Spielerinnen, also erfahrene und junge, auf einen gemeinsamen Weg zu bringen, können wir auch die komplette Qualität der Mannschaft abrufen.


Der BVB hat sich in der Vergangenheit vor allem über die Abwehr definiert. Wie sieht Ihre Spielidee für die Mannschaft aus?
Wir möchten künftig ein schnelleres Tempospiel aufziehen und uns für diese intensive Defensivarbeit entsprechend belohnen. Daher werden wir den Schwerpunkt zunächst auf den Angriff legen - ohne dabei die Defensive zu vernachlässigen. Es geht darum, mit klugen Auslösehandlungen die einzelnen Qualitäten der Spielerinnen in der Offensive besser zu nutzen. Wenn wir dann nicht nur hinten gut stehen, sondern auch vorne unsere Stärken ausspielen, wird unser Spiel auch attraktiver werden.

Der BVB will sich neu aufstellen und neue, professionellere Strukturen gerade zwischen Bundesliga-Mannschaft und Nachwuchs schaffen. Unter anderem ist die Position eines Nachwuchskoordinators geplant. Der richtige Weg?
Ich denke schon. Die Bundesliga-Mannschaft agiert ja nicht allein für sich. Wir haben uns als BVB das Ziel gesetzt, den Nachwuchs zunächst auszubilden und dann auch in den Kader der ersten Mannschaft zu integrieren. Da ist es wichtig, dass es zwischen Teams, Trainern und Spielerinnen eine sehr enge Verzahnung gibt. Dass eine gemeinsame Spielphilosophie von oben nach unten getragen wird.


Gerade im Frauen-Handball scheint in Sachen Professionalisierung grundsätzlich Luft nach oben. Wie bewerten Sie den Stand der Dinge?
Bei den Topteams herrschen aus meiner Sicht schon sehr professionelle Bedingungen. Die Klubs ermöglichen es ihren Spielerinnen mittlerweile, sich vor allem aufs rein Sportliche zu konzentrieren und sich nebenbei - und das ist aus meiner Sicht der absolut richtige Weg - noch ein berufliches Standbein aufzubauen. Und zwar ohne, dass es den Leistungssport beeinträchtigt. Da sind wir auf einem ganz guten Weg. Aber mit Blick auf den gesamten „Apparat“, von der Spitze der ersten über die zweite Liga bis hinein in den Jugendbereich, ist sicherlich noch viel Luft nach oben.


Bundestrainer Henk Groener sagt, dass sich die Spielerinnen rein auf den Handball fokussieren und alles andere beiseiteschieben sollen, um ihr Potenzial voll zu entwickeln. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, nicht allein auf den Sport zu setzen?
Für mich ist der ausschlaggebende Grund, dass man sich nur so als Persönlichkeit weiterentwickelt. Dass man einen anderen Blick auf Dinge erhält und auch Prioritäten anders setzen kann. Wenn ich „nur“ Handball spiele und darauf warte, ein- oder zweimal zum Training zu gehen, dann fördert das meine Persönlichkeit nicht. Und wir brauchen auf der Platte Persönlichkeiten, wir brauchen Typen, die ganz genau wissen, wofür sie etwas machen. Natürlich darf es die reine Leistungsfähigkeit nicht beeinflussen. Aber sich breit aufzustellen im Leben, ist aus meiner Sicht nie verkehrt.


Wie sieht Ihr Umgang mit der Mannschaft dabei aus?
Ich bin jetzt seit mehr als zehn Jahren im Trainergeschäft, und ich denke, dass ich meine Linie mittlerweile gefunden habe. Die war in der Vergangenheit eher dominant. Aber ich lasse mich gerne auch auf leistungssportorientierte Diskussionen ein.


Trotz Ihres noch jungen Alters sind Sie bereits relativ lange als Trainer tätig. Das hat einen dramatischen Hintergrund, da Sie im Alter von 25 Jahren ein Kammerflimmern mit anschließendem Herzstillstand hatten. Was macht so etwas mit einem Menschen?
Man lernt, gewisse Prioritäten wie Familie, Freunde oder einfach die Menschen, die man um sich herum hat, viel mehr zu schätzen. Es dauert seine Zeit, bis man so etwas verarbeitet hat, aber dann kehrt auch wieder ein gewisser Rhythmus in den Alltag ein und man kämpft weiter für all diejenigen Dinge, für die man bereits früher im Leben gestanden hat und für die man weiter steht.


Sie mussten Ihre Karriere als aktiver Handballer beim EHV Aue beenden …
Wahrscheinlich ist mir damals der Einstieg ins Profiwesen verwehrt worden. Ich stand jedenfalls knapp davor. Doch mir war klar, dass ich dem Handballsport verbunden bleiben wollte. Es ergab sich dann kurzfristig die Möglichkeit, als Co-Trainer in der zweiten Liga in Aue einzusteigen. Und dabei hat sich relativ schnell herauskristallisiert, dass ich auch in die Verantwortung gehen möchte. Die Umstände, die sich letztlich aus dieser Geschichte entwickelt haben, sind großartig. Deswegen habe ich es schließlich auch so akzeptiert, wie es gekommen ist.


Wie groß war die Umstellung, nicht mehr als Spieler auf dem Feld mitmischen zu können, sondern das Spiel von außen zu betrachten?
Die ersten zwei Jahre als Co-Trainer in Aue waren sicherlich nicht einfach. Anders wie etwa als Spieler oder auch als hauptverantwortlicher Trainer hat man einfach nicht die Möglichkeiten, direkt ins Spielgeschehen eingreifen zu können. Man steht beratend zur Seite und kann individuell vielleicht ein bisschen was machen. Daher wollte ich auch mehr Verantwortung übernehmen. So wie jetzt auch beim BVB. Eine solche Aufgabe angehen zu können, erfüllt einen mit viel Freude.

DHB-Pokal-Sieger mit dem HC Leipzig
Norman Rentsch wurde am 22. November 1979 in Frankfurt (Oder) geboren. Als aktiver Handballer (Rückraum) spielte Rentsch zunächst beim ESV Frankfurt. Weitere Stationen waren USV Cottbus (1997-2000 und 2002-2003) sowie Dessauer HV (2000-2002). Von 2003 bis 2005 stand der 38-Jährige beim Zweitligisten EHV Aue unter Vertrag. Mit 25 Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen seine Karriere beenden und arbeite danach drei Jahre als Co-Trainer beim EHV. 2005 übernahm Rentsch als Cheftrainer den ESV Lokomotive Pirna. 2011 ging es in die 2. Liga zum BSV Sachsen Zwickau. Von 2014 bis 2017 trainierte der Familienvater den Erstligisten HC Leipzig, den er 2016 zum DHB-Pokal-Sieg führte - im Finale gegen den BVB.