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Dortmunder sammelt Geräusche

Der Mann, der den Klang des Ruhrgebiets festhält

Dortmund Im Dezember 2018 schließt mit Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Damit aber die Bergbaugeräusche nicht gänzlich verschwinden, hat der Dortmunder Richard Ortmann sie archiviert. Er ist Geräuschesammler.

Der Mann, der den Klang des Ruhrgebiets festhält

Mit diesem alten Tonbandgerät fing es an. Seit 1981 dokumentiert Richard Ortmann den Strukturwandel und die Industriegeschichte des Ruhrgebiets akustisch. Foto: Christin Mols

Da ratterten die Waggons, da knallte und zischte es. Als Kind „sang“ die Zeche Shamrock Richard Ortmann in den Schlaf. Aufgewachsen 500 Meter vom Steinkohle-Bergwerk in Herne entfernt, lässt ihn der Klang des Ruhrgebiets auch heute nicht los. Seit 1981 sammelt Ortmann, der heute in der ehemaligen Schule am Buddenacker in Dortmund-Neuasseln lebt und arbeitet, Geräusche.

Anfangs – noch mit einem schweren, sperrigen Tonaufnahmegerät unterwegs – sammelte er die Töne für die Hörspiel-Redaktion des WDR und für seine eigene Musik; Richard Ortmann spielt in der Band „schwarz/rot Atemgold 09“, die sich selbst die Dorfkapelle des Ruhrgebiets nennt, Saxophon.

Viele Töne drohten zu verschwinden

1983 dann entdeckte der Musiker und Klangkünstler den Wert dieser Aufnahmen: „Ich wollte in einer kleinen Hinterhofwerkstatt, die Spezialteile für den Bergbau anfertigte, die Geräusche beim Fräsen, Schweißen und Hämmern aufnehmen, doch plötzlich wurde die Firma abgerissen. Wohnungen sollten dort entstehen“, erinnert sich Ortmann. Da wurde ihm klar, dass der Strukturwandel die Klanglandschaft des Ruhrgebiets verändern werde.

Ob Klänge in einem Bergwerk oder der Fabriklärm – viele Töne drohten langsam aber allmählich zu verschwinden. „Da hab‘ ich mir gedacht, jetzt muss ich das alles aufnehmen, bevor sie es abstellen, und bin losgegangen“, berichtet Ortmann. Das sei nicht aus einer Art Leidenschaft zum Ruhrgebiet geschehen, vielmehr sah es der heute 63-Jährige als seine Pflicht an, die Geräusche für die Nachwelt zu bewahren – als Dokumentarist.

Zunächst nahm sich Richard Ortmann die Zechen vor. „Viel Ahnung hatte ich anfangs davon nicht, aber ich habe viel gelesen und gelernt“, sagt er. Drei Tage war er im Bergwerk Walsum am Niederrhein unter Tage.

Töne der Hermannshütte oft angefragt

„Das war sehr spektakulär und beeindruckend. Dort habe ich alles aufgenommen, was ich kriegen konnte. Zum Beispiel auch die Grubenfahrt.“ Nach den Zechen nahm sich Ortmann die Stahlwerke vor.

Seine Tonaufnahmen aus der Hermannshütte, die einst dort stand, wo heute der Phoenix-See ist, wären sehr beliebt und würden häufig angefragt. Interesse an seiner Arbeit haben Künstler, Theatermacher, Studenten, Museen. Seinen Durchbruch hatte Richard Ortmann während der Internationalen Bauausstellung Emscher-Park von 1989 bis 1999.

Oft bei Sprengungen im Einsatz

Die IBA war ein Zukunftsprogramm des Landes NRW zur Bewältigung der Strukturkrise im nördlichen Ruhrgebiet. „Für unterschiedlichste Projekte wurden immer wieder Töne gebraucht, denn Bildmaterial hatten viele, aber den Ton dazu hatte nur ich.“ Auch 2010, als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war, konnte sich Ortmann „nicht vor Arbeit retten“. Er habe mit seiner Sammlung „gutes Geld“ verdient, sagt er.

Früher war Richard Ortmann häufiger im Jahr unterwegs, um neue Klänge aufzuzeichnen. Oft war er bei Sprengungen im Einsatz, etwa beim Gasometer in Eving 2003 oder 2004 bei der Hörder Fackel, dem 98 Meter hohen Schornstein auf Phoenix-Ost. Mittlerweile habe er fast alles, sodass er heute nur noch zwei- bis dreimal im Jahr unterwegs ist.

Der Mann, der den Klang des Ruhrgebiets festhält

Am Mischpult in seinem Tonstudio bearbeitet Richard Ortmann die Töne. Er wertet sie tontechnisch auf, mischt sie zusammen oder erstellt Collagen. Foto: Christin Mols

„Aber Achtung! Sobald irgendwo was verschwindet, komme ich gerne vorbei und nehme den Ton auf, bevor er weg ist.“

Längst hat sich Richard Ortmann von seinen Tonbändern, mit denen er nur 90 bis 120 Minuten Material aufnehmen konnte, abgewandt und ist zu moderneren Speichermedien übergegangen. Auf etwa 6000 Minuten Sound kann er mittlerweile zurückgreifen. Die Länge reicht dabei von ganzen Prozessen bis hin zu einzelnen kurzen Tönen. „Manchmal war ich für einen kurzen Ton stundenlang vor Ort. Nämlich dann, wenn ich ihn verpasst oder verpegelt hatte und er erst Stunden später wiederkehrte.“

Sammlung ist der „Schatz“ der Familie

Auf dem Dachboden der Familie Ortmann lagern drei Koffer mit 120 DAT-Kassetten voller Geräuschmaterial und sind der „Schatz“ der Familie Ortmann. Seine Frau, Historikerin und ständig zum Thema Ruhrgebiet unterwegs, und seine Söhne teilen Richard Ortmanns Interesse an der Tonsammlung: „Der Große nutzt die Aufnahmen für seine Techno-Musik, und der Kleine hat kürzlich sein Schulpraktikum bei mir gemacht“, sagt der Familienvater stolz. Der Fortbestand des Geräuscharchivs scheint also gesichert.

Ausstellungen mit Richard Ortmanns Tönen:

Aufnahmen aus Richard Ortmanns Geräuscharchiv sind aktuell zu hören in der Ausstellung „Opel Werk Stadt“ im Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte, Wittener Straße 47. Sie geht bis November 2018.

Seine Toncollagen sind außerdem Bestandteil der Ausstellung „Von Kohle gezeichnet – Frauen im Bergbau“ im Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten, Nachtigallstraße 35. Zu sehen bis zum 2. Dezember.

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