Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

Wer kümmert sich um minderjährige Flüchtlinge?

Junge Menschen zwischen Ankommen und Abschiebung

Dortmund Im südpfälzischen Kandel ersticht ein junger Afghane mutmaßlich ein Mädchen. Nach dem Fall rücken minderjährige Flüchtlinge in den Blick der Medien. In Dortmund leben 490 minderjährige Flüchtlinge, die elternlos vor Krieg und Terror geflohen sind. Wer kümmert sich um sie? Wir haben einige besucht.

Junge Menschen zwischen Ankommen und Abschiebung

490 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt leben in Dortmund. 2015 waren es noch 1050. Viele sprechen inzwischen gut Deutsch und hoffen, sich hier ein neues Leben aufbauen zu können. Foto: dpa

Ali ist ein aufgeweckter Junge. Mit einem schelmischen Lächeln als Markenzeichen. Welche Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat er in Syrien miterlebt hat, überspielt er scheinbar leicht. „Mein Vater hat mich nach Deutschland geschickt, weil bei uns Krieg und Terror herrschen.“ Am Morgen nach einem Gespräch saß Ali dann in einem Bus zur türkischen Grenze, mit nicht viel mehr als einer vagen Hoffnung und seinem Handy im Gepäck. Er war 16. 2015 war das.

Mit Ali wohnt Eyad in einer Einrichtung der St. Elisabeth Jugendhilfe im Dortmunder Süden. Dass Eyad wieder lachen kann, ist ein Wunder. Er war 14, als sich im syrischen Bürgerkrieg ein Bombensplitter in seinen Fuß bohrte. „Ich bin dann mit meiner Familie nach Jordanien geflüchtet. 28 Mal wurde ich dort am Fuß operiert. Man hat mir gesagt, der Fuß müsse amputiert werden. Dann bin ich quasi auf Krücken von Jordanien über die Türkei mit Bussen, Eisenbahnen, Taxis und zu Fuß nach Deutschland unterwegs gewesen.“

Die lange Odyssee führte erstmal nicht ins Paradies

Monate vergingen, bis er im Oktober 2015 mit Tausenden weiterer Flüchtlinge erst im Münchner Hauptbahnhof und später in Dortmund ankam. Heute lächelt er das Leid dieser Odyssee weg. All die Schmerzen und die Verzweiflung, die mit unterwegs gewesen sein müssen, lassen sich nur erahnen. Eyad zeigt auf seinen linken Fuß. „Er ist noch dran. Ich kann zwar noch nicht Fußball spielen, aber Fußball gucken“, sagt er –und lacht herzhaft.

Ins Paradies sind Ali und Eyad 2015 nicht gekommen. „Am Anfang“, sagt Dirk Meier, Erziehungsleiter der St. Elisabeth Jugendhilfe, wurden diese Kinder und Jugendlichen nur irgendwo hin verteilt und geparkt. „Wir haben 16-Jährige alleine in Wohnungen untergebracht, weil es anders gar nicht ging. Viele waren auch auf einer falschen Schule. Was sollte zum Beispiel jemand mit wenig Schulbildung in der 9. Klasse eines Gymnasiums!?“

Sehnsucht nach den Eltern

Daniela Schneckenburger war als Jugenddezernentin erst wenige Wochen im Amt, als die Züge mit den Flüchtlingen ankamen. „Abrupt gab es einen steilen Anstieg bei den unbegleiteten Minderjährigen. Wir waren darauf nicht vorbereitet, es gab Tage, da wussten wir nicht, wo wir diese Kinder und Jugendlichen unterbringen sollten“, erinnert sie sich. „Es drohte Obdachlosigkeit. Wir mussten die minderjährigen Flüchtlinge in Mehrbettzimmern einquartieren und hatten längst nicht ausreichend Personal für die Betreuung.“

Spricht man mit Sozialpädagogen, war dieser Zustand wahnsinnig. Er produzierte weiteres Elend und Enttäuschungen. „Die jungen Menschen, die verzweifelt hier ankamen, mussten dringend aufgefangen werden und Menschen finden, zu denen sie Vertrauen aufbauen konnten“, sagt Simone Bastian, Sozialpädagogin und Leiterin der St.-Elisabeth-Jugendhilfe-Station.

Rettung kam „in letzter Sekunde“, wie Daniela Schneckenburger sagt. Zum 1. November 2015 trat eine Änderung in der Jugendhilfe in Kraft, nach der die jungen Flüchtlinge nicht mehr da bleiben mussten, wo sie angekommen waren. Sie konnten jetzt auf andere Städte verteilt werden. Dazu muss man wissen, dass nur 30 Prozent der 6818 unbegleiteten jungen Menschen (vorwiegend junge Männer), die von 2015 bis Ende 2017 in Dortmund ankamen, auch in Obhut genommen und nach dem Jugendhilfe-Gesetz betreut wurden. 70 Prozent wurden nach einer „qualifizierten Alterseinschätzung“ als „Über 18“ eingestuft und ins normale Asylverfahren geschickt.

Das Leben in Syrien ist schon so weit weg

Heute sind Dirk Meier und Daniela Schneckenburger froh, dass die Standards der Jugendhilfe längst wieder gut gewährleistet werden. Denn das Bündel an Herausforderungen, das es bei der Begleitung der jungen Schutzbedürftigen gibt, ist groß: Bildungschancen eröffnen, Integration und Erziehung leisten, Traumata behandeln.

Natürlich gibt es da Probleme. Wie andere Jugendliche auch, haben die unbegleiteten Flüchtlinge mit 15 und 16 Jahren nur wenig Lust auf Schule und tun sich schwer, ihr Zimmer aufgeräumt zu halten. „Vieles sind Probleme von normalen Jugendlichen – nur unter erschwerten Bedingungen“, sagt Dirk Meier. „Und ja, es ist passiert, dass sie aufgrund ihrer Erziehung einer Frau hier erst mal nicht die Hand gaben. Aber sie sind in Deutschland und da gehört es sich, sich die Hand zu geben“, so Simone Bastian.

Eine Chance auf Familiennachzug

Ali hat in dieser Woche nach mehreren Monaten erstmals wieder mit seinen Eltern gesprochen. „Bei ihnen ist Krieg, deshalb erreiche ich sie nur selten. Aber man braucht doch seine Eltern, weil sie einem bei vielem helfen. Ich vermisse die“, sagt er. Seine Stimme ist jetzt etwas zittrig und er trägt Trauer in seinem ansonsten so strahlend heiteren Gesicht. Bei dem Telefongespräch hat er sich dabei ertappt, wie er mit seinen Eltern Deutsch gesprochen hat. Das Leben in Syrien ist inzwischen so weit weg.

Näher gerückt ist in dieser Woche Alis Chance, seine Eltern wiederzusehen. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs über einen großzügigeren Familiennachzug macht ihm Mut. Obwohl Ali inzwischen volljährig ist, soll er seine Familie nachholen dürfen. War dies bis dato nur bei Minderjährigen möglich, so ist es nun auch bei Volljährigen denkbar – es zählt das Alter bei der Einreise in die EU. „Darüber freuen sich Ali und viele andere. Diese Entscheidung nimmt den Jugendlichen auch den Stress vor ihrem 18. Geburtstag und dient dem Ziel, hier Kraft zu finden und zu haben für ihren Lebensweg“, sagt Dirk Meier.

Jungen Irakern droht die Abschiebung

Alis Freunde Mohammad und Sajad kommen aus dem Irak. Auch für sie ist ihr Heimatland nach drei Jahren verdammt weit weg. Genauso wie die Hoffnung auf Familiennachzug. Sie werden nicht als Kriegsflüchtlinge mit Bleiberecht eingestuft, sie sind nur geduldet in Deutschland.

„Ich habe Abschiebung“, sagt Sajad so unbekümmert, wie es geht. Als würde er sagen: „Ich habe eine Erkältung“. Auch Mohammad soll zurück in den Irak. Dort wurden seine zwei älteren Brüder vom IS getötet. „Ich kann nicht zurück. Ich habe dort nichts mehr. Dort werden sie mich töten“, sagt Mohammad. Er hofft mit Sajad, dass die Anwälte ihre Abschiebung abwenden können. Er möchte hier einen Schulabschluss machen, „Flugzeugmechaniker werden und Steuern zahlen“. Sajad besucht das Robert-Schuman-Berufskolleg, will im Sommer den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 in der Tasche haben und dann eine Ausbildung beginnen. Ein Praktikum als Altenpfleger hat er schon gemacht. „Gas geben“, sagt er. Ein Ausbildungsplatz könnte sie jeweils vor der Abschiebung bewahren.

Die vollstationäre Jugendhilfe kostet für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling rund 50.000 Euro im Jahr. In Dortmund wurden 2017 26,6 Millionen Euro ausgegeben und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Rechnung gestellt. „Aber wir sollten nicht gucken, was diese Menschen uns kosten. Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass sie willkommen bleiben und getragen werden. Wenn wir ihnen Zugehörigkeit bieten, dann profitieren wir von diesen Menschen“, sagt Dirk Meier.

„Manche machen Scheiße, aber wir sind nicht alle so“

Dezernentin Schneckenburger weiß, dass noch mehr getan werden könnte, um die Jugendlichen zu stabilisieren. So fehlt es für viele von ihnen an Psychotherapie-Plätzen zur Traumata-Behandlung. „Ansonsten aber stehen in Dortmund gute Strukturen, und das Personal ist da. Die jungen Menschen sind gut begleitet. Was nie heißt, dass es eine 100-prozentige Sicherheit dafür gibt, dass nicht doch einer straffällig wird.“ Nennenswerte Probleme sind ihr nicht bekannt. Die Polizei führt keine Statistik über Straftaten minderjähriger unbegleiteter Jugendlicher.

Die Jungs aus Syrien und dem Irak reflektieren und erfahren durchaus, welche Vorurteile und Fremdenangst es in der deutschen Gesellschaft gibt. „Manche Flüchtlinge machen Scheiße, aber wir sind nicht alle so“, sagt Sajad. „Es nervt“, ergänzt Ali, „wenn Leute denken, wir sind nur wegen des Geldes hier und machen Stress auf der Straße. Wir wollen uns einfach nur ein neues Leben aufbauen.“ Ali möchte vor allem bald seine Mama wiedersehen, von der er sich mit 16 so Hals über Kopf verabschieden musste.

Rund 160 unbegleitete Flüchtlinge werden in Dortmund auch mit 19 und 20 Jahren noch betreut.

Ohne Eltern eingereiste Zuwanderer dürfen über das 18. Lebensjahr hinaus in der Jugendhilfe bleiben, wenn ein besonderer Bedarf festgestellt wird. „Je länger wir helfen dürfen, desto stabiler kommen die jungen Menschen in ihrem Leben an“, sagt Sozialpädagogin Simone Bastian.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

SuS Hörde möchte Sportplatz gerne modernisieren

Beim Sportplatz am Schallacker fehlt die Planungssicherheit

Hörde Eine der traditionsreichsten Sportanlagen in Hörde steht vor einer ungewissen Zukunft. Auf dem Platz von SuS Hörde an der Straße Am Schallacker ist die Situation so verworren wie nirgendwo sonst.mehr...

Dortmunder Witwe verklagte Steinmetz wegen Grabstein

Grab ihres Mannes war Witwe nicht schwarz genug

Dortmund/Castrop-Rauxel Weil einer Witwe aus Dortmund das prunkvolle Grab ihres Mannes in Castrop-Rauxel nicht schwarz genug war, wollte sie ihr Geld zurück und verklagte den Steinmetz.mehr...

Stadt räumt illegale Unterkunft im Dortmunder Westen

Mutmaßliches „Matratzenlager“ war von Kakerlaken befallen

Dortmund Viel zu viele Menschen auf engem Raum. Dazu Müll und Schrottautos. Lange herrschten chaotische Zustände in einer illegalen Unterkunft an der Westerfilder Straße. Nun zog die Stadt Dortmund die Reißleine und räumte das Gelände.mehr...

A2 nach Verkehrsunfall teilweise gesperrt

Eine Spur der A2 in Richtung Dortmund bleibt gesperrt

Dortmund Nach einem Verkehrsunfall am Donnerstagmorgen war die A2 in Richtung Dortmund zeitweise komplett gesperrt. Inzwischen sind alle bis auf eine Spur wieder freigegeben. Die Arbeiten dauern aber an. Ein Auto war von hinten in einen Tanklaster gefahren.mehr...

Sperrungen auf der B1 wegen Bauarbeiten

In zwei Nächten streckenweise nur eine Fahrspur

Dormund Auf der B1 wird es in den Nächten von Donnerstag auf Freitag und von Freitag auf Samstag eng. In Fahrtrichtung Bochum wird die Fahrbahn erneuert. Dafür werden streckenweise Fahrspuren gesperrt.mehr...