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Interview mit Alexander Lebenstein: "Ich danke für die Ehre!

HALTERN Trauer und Freude liegen auf Alexander Lebensteins Reise nach Lettland und Deutschland ganz nah beieinander. Der neue Ehrenbürger sprach mit uns über die Suche nach dem Grab seiner Mutter, sein Vertrauen in die Jugend und die bedeutungsvolle Auszeichnung.

Lindsay Stone dokumentiert jeden Tag Ihrer Reise. Warum ist Ihnen diese Chronik wichtig?

Alexander Lebenstein: Die Realschule hat mit ihren Aktionen gegen das Vergessen und gegen Intoleranz das Bewusstsein der Halterner verändert. Das sollen die Menschen in Amerika wissen. Ich will ihnen zeigen, wo ich gelebt habe, wie ich nun empfangen werde und sollen vor allem sehen, dass es hier in dieser kleinen Stadt junge Menschen gibt, die nicht stillstehen, die große Welt ein bisschen besser zu machen.

Was bedeutet Ihnen die Ehrenbürgerschaft, und welche Verpflichtung sehen Sie in dieser Auszeichnung?

Alexander Lebenstein: Zur 700-Jahr-Feier der Stadt 1989 wäre es für mich noch unmöglich gewesen, nach Haltern zu kommen, geschweige denn eine Ehrung anzunehmen. Jetzt, da ich zum fünften Mal in Haltern bin und so viel Positives erfahren habe, ist das anders. Ich nehme diesen Willkommensgruß von Herzen gern an. Ich bin sehr stolz auf die außergewöhnliche Ehre, und ich werde sie als Verpflichtung annehmen, weiterhin für Frieden und Versöhnung einzutreten. Ich danke allen, die überzeugt sind, dass ich es wert bin, diesen Titel zu tragen. Außerdem bin ich sehr, sehr glücklich, dass die Realschule meinen Namen tragen wird. Ich hoffe, auch die künftigen Schülergenerationen werden genauso stark und engagiert gegen rassistische Gedanken agieren wie die jetzige.

Haltern hat Ihnen ein Denkmal gesetzt. Wie kann Ihr Wirken über Ihre Zeit hinaus bewahrt werden?

Alexander Lebenstein: Die Erziehung in der Schule ist der einzige Weg, auf dem wir weitergehen können. Die Aufarbeitung des Holocaust und das Unrecht gegen Andersdenkende und Andersgläubige ist eine nie endende Geschichte. Ich setze große Hoffnung in die Jugend und wünsche mir, dass die Halterner Schüler ihre Erfahrungen mitnehmen zu ihren neuen Lebensstationen in anderen Städten oder Ländern. Und ich wünsche mir, dass über fortlaufende Kontakte zwischen Haltern und Richmond mein Anliegen in die Zukunft hinein getragen wird. Richtig fröhlich wäre ich, wenn ein Halterner Realschüler Bundeskanzler oder Bundespräsident würde.

Es hat bezüglich der Ehrenbürgerschaft auch Ressentiments gegeben. Verletzt Sie das?

Alexander Lebenstein: Ich kann die Ablehnung verstehen und tolerieren, wenn sie nicht auf rassistischem Gedankengut basiert. Nie stimmen die Menschen einer Sache zu 100 Prozent zu. Vielleicht fühlen sich einige unangenehm berührt und erinnert. Ich fühle mich dennoch stark, weil die meisten Bürger hinter dieser Verleihung stehen. Ich will niemandem Schmerzen zufügen. Dazu bin ich nicht hier. Ich merke aber an den Bedenken, dass noch viel Arbeit gegen das Vergessen nötig ist. Es ist traurig und schmerzlich, was in der Vergangenheit passiert ist. Es wäre eine Sünde, das zu vergessen.

Sie haben sich viel zugemutet, indem sie vorab in Riga jenen Ort suchten, an dem Sie Ihre Mutter zuletzt sahen. Hat Ihre Seele dadurch Ruhe gefunden?

Alexander Lebenstein: Zur Ruhe werde ich nie kommen. Ich war das jüngste Kind und wuchs mit drei Schwestern auf. Zu meiner Mutter hatte ich eine besonders enge Verbindung. Während ich im Lager von Riga an einem Augusttag 1942 zum Torfstechen geschickt wurde, brachten die Nazis meine Mutter um. Sie erzählten mir, meine Mutter sei in ein anderes Lager gebracht worden. Ich wollte das glauben. Auch, dass ich sie in Haltern wiedersehe. 15 Kilometer außerhalb von Riga liegt sie in einem Massengrab beerdigt. Ich habe Flieder, den sie immer so gern mochte und den ich ihr oft brachte, niedergelegt und ein Gebet gesprochen. Ich dachte, heute zwitschern die Vögel, damals donnerten die Gewehrsalven. Als ich den Waldfriedhof verließ, wiegte sich am Ausgang ein Fliederbusch im Wind. Meine Freundin Celeste sagte: Deine Mutter grüßt Dich zum Abschied. Ich bin sehr traurig von diesem Ort fortgegangen. Nicht nur meine Mutter liegt dort begraben, sondern Tausende Kinder und Frauen, Juden wie Christen, die auf unmenschliche Weise ums Leben kamen.

Woher nehmen Sie mit 80 Jahren all die Kraft?

Alexander Lebenstein: Die Kraft nehme ich von Gott. So lange er mich lässt, werde ich als Botschafter in Kirchen, Schulen und Universitäten gehen. In diesem Sinne fühle ich mich auch als Ehrenbürger Halterns verpflichtet. Ich möchte gegen das Vergessen unterwegs sein.

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