Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

Appell einer trauernden Halternerin an ihre Mitmenschen

„Traut Euch, auf Trauernde zuzugehen“

Haltern Nach dem Tod ihres Mannes war Claudia N.* enttäuscht von Menschen, die sie und ihre Trauer ignoriert haben. Nun – mit etwas Abstand – richtet sie einen Appell an alle Menschen, die Trauernden begegnen.

„Traut Euch, auf Trauernde zuzugehen“

Für viele Menschen ist der Tod immer noch ein Tabuthema. Sie vermeiden, Trauernde darauf anzusprechen. Für Betroffene kann aber gerade das sehr schmerzhaft sein.dpa Foto: picture alliance / dpa

Vor einem Jahr starb ihr Ehemann an einem Gehirntumor. Danach erlebte die Halternerin Claudia N. hautnah, warum der Tod in unserer Gesellschaft häufig noch ein Tabuthema ist. Denn bekannte Menschen sprachen sie gar nicht darauf an. „Und das tut mir richtig weh“, sagt sie. Was sie stattdessen von Menschen erwartet, die trauernden Menschen begegnen, erklärt sie im Interview mit Benjamin Glöckner.

Woran ist ihr Mann gestorben?

Mein Mann war seit 2012 krank. Er hatte damals Herzkammerflimmern bekommen und musste reanimiert werden. Dadurch trug er jedoch einen schweren Gehirnschaden davon. Die Ärzte haben ihn dann zwar soweit wieder hinbekommen, dass er mithilfe von Therapeuten gehen, sprechen und essen konnte. Er war jedoch desorientiert, weil sein Kurzzeitgedächtnis ausgefallen war. Wenn ich ihn irgendwo allein gelassen hätte, hätte er nicht mehr gewusst, wie er nach Hause kommt. Außerdem war er nicht mehr in der Lage, seinen Alltag selbst zu gestalten.

2016 hat er sich plötzlich beim Gehen, in der Sprache und auch in seinen Gedanken sehr verändert. Die Ärzte stellten dann nach einem MRT im Dezember 2016 einen 6,5 Zentimeter großen, unheilbaren Gehirntumor fest. Sie wollten ihn auch operieren. Aber nach Rücksprache mit unserem Sohn und unserer Tochter habe ich entschieden, keine Operation machen zu lassen. Stattdessen wurde mein Mann palliativ begleitet. Als es hieß, er wird von uns gehen, waren meine Kinder und ich eine Woche lang Tag und Nacht an seiner Seite. Er starb im April 2017.

Berührendes Gedenken in Haltern drei Jahre nach Flugzeugabsturz

Tastend nach Hoffnung suchen

Haltern 24. März, 10.42 Uhr: Die Glocken läuten, in der Mitte Halterns hat die Trauer um die Opfer des Flugzeugabsturzes wieder ihren Ort und ihre Zeit. Sie hat es auch in der Sixtus-Kirche, aber nach drei Jahren ganz anders.mehr...

Konnten Sie sich innerlich auf das Unvermeidbare vorbereiten?

Der Kopf sagt: Dein Mann wird sterben. Aber als es dann so weit war, war es nicht fassbar. Ich fühlte mich wie unter einer Käseglocke. Ich glaube, unser Körper hat ganz viele Fähigkeiten, um sich zu schützen, damit wir so eine Situation aushalten können. Und die Bilder von dieser Zeit beschäftigen mich auch heute noch sehr.

Was passierte nach dem Tod Ihres Mannes?

Meine engsten Freunde, die uns auch schon während der Zeit der Krankheit begleitet hatten, und bei denen unsere Lebenssituation auch besprochen werden konnte, haben mir sehr geholfen. Andere Menschen, auch aus kirchlichen Gruppen, sprachen mich gar nicht darauf an. Sie taten so, als sei nichts passiert. Das tat sehr weh. Denn Trauernde sind sehr empfindsam. Ich sage extra nicht empfindlich. Aber das darf uns zugestanden werden. Ich war mit meinem Mann 35 Jahre verheiratet. Er war ein großer Teil meines Lebens und den kann ich nicht einfach wegwischen.

Ihr Mann ist jetzt zehn Monate tot. Gehen diese Menschen nun anders auf Sie zu?

Nein, sie sprechen nicht darüber. Das ist ein Tabuthema. Es hat keinen Raum. Und das tut mir richtig weh. Die Menschen sollten auf Trauernde zugehen. Denn man fühlt sich sonst wie aussätzig und sagt sich: Ich passe nicht in diese Welt.

Woran, glauben Sie, liegt es, dass manche Menschen Sie und Ihre Situation ignoriert haben?

Weil sie mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert wurden. Aber auch weil sie denken, dass sie nicht die richtigen Worte finden. Dabei ist es gar nicht so schwer. Manchmal muss man gar nichts sagen, sondern einfach nur mal die Hand des Trauernden nehmen oder ihn in den Arm nehmen, wenn man ihn gut kennt. Oder aber genau das Problem benennen: Ich weiß gar nicht, was ich dir sagen soll. Es ist einfach wichtig, dass die Menschen ein echtes Interesse am Trauernden zeigen.

Haben Sie professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Ja. Schon während der Krankheit meines Mannes bekam ich Unterstützung. Denn nicht alles kann man seiner Familie oder den Freunden zumuten. Da muss auch einfach mal ein Profi ran. Ich habe auch Hilfe im Palliativnetz gesucht, zudem auch immer eine Hospizgruppe gehört. Insgesamt kann ich nur empfehlen, jede Hilfe in Anspruch zu nehmen, die man bekommen kann.

Wie oft gehen Sie zum Grab Ihres Mannes?

Das ist unterschiedlich. Zurzeit zweimal in der Woche. Im Sommer war ich jeden Tag da. Ich habe jetzt ein Lämpchen auf das Grab gestellt, das fünf Tage am Stück brennt. Denn mir ist es sehr wichtig, dass immer ein Lämpchen brennt. Ich brauche diesen Ort einfach, um trauern zu können.

Man sagt: Die Zeit heilt Wunden. Wie geht es Ihnen jetzt?

Mein Mann war fünf Jahre geistig behindert. Und gerade merke ich, dass ich wieder mehr an den gesunden Mann denke und eher um ihn trauere. Ich habe noch eine Kuscheljacke von ihm. Die ziehe ich manchmal über, um darüber die Nähe zu ihm zu haben. Ich lasse jetzt auch aus einigen Kleidungsstücken von ihm ein sogenanntes „Mapapu“, ein Stofftier, machen. Ich habe auch Kontakt zu anderen Frauen, die schon länger Witwe sind, und die sagen, es ändert sich was. Ich glaube das auch.

Zeit hilft. Aber sie heilt nicht alle Wunden. Eine Frau, die ihren Mann vor 14 Jahren verloren hat, sagte mir einmal, dass die Trauer auch heute noch manchmal aus dem Stand kommt und sie weinen müsse. Trauer ist sowieso unberechenbar. Ich bin eigentlich eine reflektierte und kontrollierte Frau, aber ich merke, dass Trauer nicht steuerbar ist und sich einfach ihren Raum nimmt. Das ist eine ganz neue Erfahrung mit mir selbst.

Sythener Ruheforst ist vertraglich abgesichert

Im Linnert soll ein Bestattungswald entstehen

Sythen Bisher stimmten Halterns Politiker immer einmütig für einen Bestattungswald im Sythener Linnert, den Carl Otto Graf von Westerholt betreiben will. Die Grünen allerdings haben jetzt Bedenken. Unsere Karte zeigt, wo der Ruheforst entstehen soll.mehr...

Was raten Sie Menschen, die in die gleiche Lebenssituation kommen wie sie?

Man soll sich trauen, sich den anderen Menschen auch zuzumuten und sich nicht verstecken. Selbst wenn man denkt, dass die anderen meine Situation nicht aushalten können. Trauerbegleitung und Trauergruppen sind ebenfalls wichtig. In meinem Fall waren dort allerdings Menschen, die ein ganzes Stück älter waren als ich. In der Gruppe Jung verwitwet, die sich in Dülmen trifft, habe ich aber Menschen im ähnlichen Alter getroffen. Und wenn es passt, gehe ich dort einmal im Monat hin. Dann gibt es immer eine Gesprächsrunde zu einem Thema - zum Beispiel Wut in der Trauer - und anschließend wird Kaffee getrunken und dabei geredet.

Dort sind dann Menschen, die wissen, wovon ich spreche. Dann gibt es noch Bücher, in die man Erinnerungen eintragen kann. Eins habe ich auch. Und das Internetforum www.verwitwet.de zum Beispiel, wo sich Trauernde austauschen. Daraus hat sich auch der Verein „Jung verwitwet“ entwickelt. Mein Rat ist einfach, sich mit Menschen in gleicher Situation zu treffen und sich auszutauschen. Und natürlich auch mit Familie und Freunden über die Trauer reden. Denn das Allerwichtigste ist: Das muss einfach alles raus.

Und an die Menschen, die Trauernden begegnen, geht die Einladung: Traut Euch, auf die Trauernden zuzugehen. Wir müssen alle feinfühliger werden und hingucken. Wir können uns alle so sehr gegenseitig stützen. Denn man darf auch nicht vergessen: Wir kommen alle mal in diese Situation.

*Name von der Redaktion geändert.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Camping-, Caravan- und Automobilausstellung in Haltern

Eine Messe mausert sich zum Erfolgsmodell

Haltern Aus „Haltern Mobil“ wurde 2017 die CCA, die Camping-, Caravan- und Automobilausstellung. Die Zweitauflage bietet weitere Neuerungen.mehr...

Ampelschaltung an Halterns Römerstraße unverändert

Rote Ampel trotz gesperrter Straße

HALTERN Die Umleitungen wegen der Sperrung der Weseler Straße in der Halterner Innenstadt funktionieren weitgehend reibungslos. Lediglich an einer Stelle hakt es ab und zu: Beim Linksabbiegen von der Römer- in die Lavesumer Straße bilden sich gelegentlich Rückstaus.mehr...

Das Cheatday-Streetfood-Fesitval kommt nach Haltern

Originelle Burger und süße Snacks

Haltern Schon bald können die Halterner wieder ausgefallene Burger und süße Überraschungen ausprobieren. Denn das Cheatday-Streetfood-Festival kommt nach seiner Premiere im vergangenen Oktober wieder zurück in die Seestadt.mehr...

Hunderte Strandgäste schon am Halterner Silbersee

Drei Freibäder warten noch auf den Saisonstart

HALTERN 26 Grad, die Sonne brennt vom Himmel – und das Mitte April. Der Frühling zeigt sich in der Seestadt von seiner allerbesten Seite und das schöne Wetter soll bis Sonntag bleiben. Zu den ersten richtig warmen Tagen des Jahres haben wir uns umgehört, wie es mit den Bademöglichkeiten in Haltern aktuell aussieht.mehr...

Halternerin (13) ist erfolgreiche Hundesportlerin

Ein starkes Duo auf insgesamt sechs Beinen

HALTERN Sie ist erst 13 Jahre alt. Lorena Hackenberg ist mit ihrem Hund Lola erfolgreich in der Sportart Rally Obedience, nun hat sie sich eine besondere Auszeichnung erarbeitet. Im Video zeigen wir einen Ausschnitt ihres Trainings.mehr...