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Altpapier-König und Recycling-Pionier

Schwerter organisiert 100. Sammlung für Pater Beda

Von Umweltschutz und Wiederverwertung sprach noch so gut wie keiner, als Eberhard Vickermann 1963 erstmals Altpapier für Pater Beda sammelte. Sein System erinnert die alten Ägypter.

Schwerte

von Reinhard Schmitz

, 08.06.2018
Altpapier-König und Recycling-Pionier

An die zwölf Meter lang ist die Papierrolle, auf der Eberhard Vickermann jeden Schritt und jede Aufgabe der Sammlung notiert und abhakt. © Foto: Reinhard Schmitz

Ein Zug mit 420 Großraum-Güterwaggons, alle rappelvoll bis unters Dach mit ausgedienten Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und Pappkartons. „Da stehst du lange im Rot an der Schranke“, sagt Eberhard Vickermann. Der Ergster hat dafür gesorgt, dass all diese Altpapierberge für Hilfsprojekte in Brasilien zu Geld gemacht werden konnten. Natürlich nicht auf einmal. Die ungeheure Menge ist das Ergebnis von 50 Jahren Engagement für den Aktionskreis Pater Beda. An diesem Samstag, 9. Juni, organisiert der ungekrönte Altpapier-König der Republik seine 100. Sammlung im Schwerter Raum.

Eigentlich ist der Bruder von Pater Beda, der vor dem Eintritt in den Franziskaner-Orden Linus Vickermann hieß, mit seiner Leistung auch ein Pionier des Recyclings. Dieses Wort kannte zumindest in Westeuropa noch so gut wie keiner, als er 1963 erstmals mit seinem Trecker und Ackeranhänger durchs Sauerland tuckerte, um Altpapier zu sammeln und zur Wiederverwertung an die Papierfabriken zu verkaufen. Damals wurden ausgediente Blätter eher dazu verwendet, um Kartoffelschalen und andere Küchenabfälle einzuwickeln oder vielleicht den Kohleofen in der Stube damit anzufeuern. Der Rest flog in die Aschetonne.

Die zündende Idee beanspruchten Pater Beda und sein Bruder nie für sich. Sie stammte – so verriet der Brasilien-Missionar einmal bei einem Redaktionsbesuch – von Jugendlichen, mit denen er bei einem Heimaturlaub durchs Hönnetal bei Menden-Lendringsen gefahren war. „Das könnten wir doch auch“, entfuhr es ihnen, als sie die Altmaterialstapel vor einer Papierfabrik entdeckten. Gesagt, getan. Und von der ersten Stunde an packte Eberhard Vickermann kräftig mit an.

Der jetzt 75-Jährige ist der Kopf und Motor der Sammlungen im Ruhrtal, wofür er schon mit der Stadtmedaille und der Pannekaukenfrau der Nachbarschaften ausgezeichnet wurde. Er hört aber nicht auf zu betonen, dass viel wichtiger die zuverlässigen Mitstreiter sind: „Es muss ein `Wir´ geben.“ Bei 75 Namen ist sein Kugelschreiber auf der Liste diesmal angekommen.

Sie ist Teil einer Papierrolle, auf der Vickermann im Stil der alten Ägypter alle Aufgaben notiert, die für die Organisation der nächsten Pater-Beda-Aktion nötig sind. Von der ersten Ankündigung in der Zeitung bis zu den Gesprächs-Protokollen mit den Betrieben, die die 26 Fahrzeuge unentgeltlich für einen Samstag ausleihen. Wann kann der Schlüssel abgeholt werden? Wann muss der Wagen zurück sein? Hunderte Kleinigkeiten wollen bedacht werden.

AAm Freitag klemmte bei der Probe noch die Ladeklappe eines Containers, den die Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft an der Laderampe am Bahnhof bereitgestellt hatte. Also wurde rasch die Rolle abgewickelt, auf der Name und Telefonnummer des Ansprechpartners bei dem Entsorger natürlich auch irgendwo vermerkt waren.

Ständig neue Notizzettel – oft aus ausgedienten Kalenderseiten zurechtgeschnitten – klebt Vickermann an das ungewöhnliche Aufgabenbuch, das zu seinem Markenzeichen geworden ist. „Die Rolle ist inzwischen zehn bis zwölf Meter lang“, schätzt er.

Ganz schlank war sie damals noch, als Vickermann im Januar mit den ersten Vorbereitungen begonnen hat. Mittlerweile passt sie kaum noch unter den Arm, aber wird geprägt von ganz vielen grünen Leuchtstift-Kreuzchen. „Das bedeutet erledigt, da bin ich froh“, erklärt Vickermann.

Die 11.000 Handzettel sind rechtzeitig vier bis sechs Wochen vor dem Termin in die Hausbriefkästen verteilt worden, die 26 Sammelbezirke mit jeweils zwei bis drei Helfern und einem Wagen besetzt: „Es ist wichtig, dass immer die gleichen Kräfte in die gewohnten Bezirke kommen – sonst wird zu viel vergessen.“

Auuf seine Mitstreiter kann Vickermann bauen. „Die sagen alle: Wir machen mit, weil du vorangehst“, berichtet er. Auch für Nachwuchs wird gesorgt. Als Jüngster schmeißt ein 16-Jähriger die Altpapier-Kartons auf die Ladefläche. Der Älteste ist 75. Sie alle bei der Stange zu halten, dafür hat der Cheforganisator sein eigenes System: „Die direkte Ansprache. Alles Auge in Auge.“ Was so abgemacht werde, sei wesentlich verlässlicher als eine bloße Zusage am Telefonhörer, wie die Erfahrung zeigt.

Zuversichtlich blickt Vickermann auf den heutigen Samstag. Egal, ob das Wetter mitspielt oder nicht, sollen wieder die Container auf der Margott-Röttger-Rath-Straße und auf dem Parkplatz des Zapp-Stahlwerks Ergste gefüllt werden. Nicht nur mit Papier.

Einen guten Teil des Erlöses spielen auch abgelegte Textilien ein. Insgesamt 1200 Tonnen Altkleidung hat der Altpapier-König in den Jahrzehnten so nebenbei mitgesammelt. Das wäre eine Schlange von 300 großen 40-Tonner-Sattelzügen. Und die bräuchte auch etliche Ampelphasen, um über die Schwerter Kreuzungen zu rollen.

Pater Beda wurde 1934 in Opherdicke geboren und auf den Namen Linus Vickermann getauft. In Schwerte-Ergste leben seine Brüder Eberhard und Bernhard Vickermann. Nach einer Gärtnerlehre trat er 1956 in den Franziskaner-Orden ein, der ihn nach Brasilien schickte. 1962 wurde er zum Priester geweiht. In Brasilien kämpfte Pater Beda gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit. Er gründete 26 Dörfer, in denen Bauern ein Stück Land zur Selbstversorgung erhielten, sowie viele Kinder- und Jugendprojekte. 2015 starb Pater Beda. Der gleichnamige Aktionskreis, ein Verein, führt seine Sammlungen für die Brasilienhilfe weiter. Er ist in vielen Städten in Nordwest-Deutschland tätig.