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20 Jahre nach „(K)ein Schild in Selm“

Die Woche, in der die ganze Stadt gelb sah

Selm Im Kampf gegen den Schilderwald hat die Stadt Selm mit dem ADAC vor 20 Jahren rund 600 Verkehrsschilder verhüllt. Eine Aktion, die sogar in Japan für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Die Woche, in der die ganze Stadt gelb sah

Auf einem Berg abgebauter Verkehrsschilder posierten sie nach der Aktion für die Fotografen: Selms Verkehrsplaner Gerhard Werminghaus (v.l.), ADAC Westfalen-Vorstand Horst Bremer und Günter Trunz vom ADAC. Foto: Foto: ADAC Westfalen

Die Aktion startete am Sonntagnachmittag des 10. Mai 1998. Es ist wenig Verkehr und so ziehen die Helfer los, um Selms Verkehrszeichen mit gelben Tüten zu Leibe zu rücken. Um 23 Uhr ist es geschafft: Rund 600 Schilder sind verhüllt. Damit beginnt die Aktionswoche „(K)ein Schild in Selm“, die die Stadt bundesweit bekannt macht.

Die Idee zu der Aktion hatte Günter Trunz, der damals beim Allgemeinen Deutschen Automobil Club (ADAC) Westfalen in Dortmund arbeitete. Hintergrund waren Forschungserkenntnisse, dass Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer nur eine begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit haben. Ein bis zwei Informationen können sie pro Sekunde verarbeiten, so Trunz. Stehen zu viele Schilder an einer Stelle, kann der Autofahrer sie nicht alle auf einmal sehen. „Viele, teils auch wichtige Informationen wurden nicht wahrgenommen“, sagt Trunz über Schilderwälder in den 90er-Jahren.

Der Wille, die Verkehrszeichen zu reduzieren war da. Doch Verkehrskommissionen, die diese Schilder aufstellten, auch überlegen zu lassen, welche wieder wegsollen, das versprach wenig Erfolg, erzählt Trunz. Schließlich gab Verpackungskünstler Christo, der 1995 den Reichstag in Berlin verhüllte, Trunz die zündende Idee: Wenn doppelte oder überflüssige Zeichen einmal völlig anders aussehen würden und die Bürger mit einbezogen würden, könnte die Aufmerksamkeit nachhaltig auf das Problem Schilderwald gezogen werden.

Wie Selm ausgewählt wurde

Zwei bis drei Jahren hat der ADAC dann das Projekt vorbereitet. Auch eine passende Stadt musste gefunden werden. „Selm war gar nicht mal eine Stadt, die besonders viele Schilder hatte“, erinnert sich Trunz, der seit zwei Jahren im Ruhestand ist. Aber Selm war überschaubar klein und die Verwaltung habe mitziehen wollen. Der damalige Stadtdirektor Peter Vaerst habe sofort zugesagt, als die Anfrage kam, sagt Gerhard Werminghaus, langjähriger Stadtplaner von Selm. Viele andere Städte in der Umgebung hätten abgelehnt. „Es hat ja auch enorm viel Arbeit gemacht“, erzählt Werminghaus. Im Nachhinein hätten aber alle Beteiligten eine Menge gelernt

Die Woche, in der die ganze Stadt gelb sah

Dieses Schild, ist ein Relikt der Aktion. Es wurde abgesägt und lagerte jahrelang bei Initiator Günter Trunz. Nun soll es Teil einer Kunstaktion werden.

Zunächst aber musste viel vorbereitet werden. „Wir haben ja keine Anarchie geschaffen“, sagt Werminghaus. Grundregeln der Straßenverkehrsordnung wurden nicht verletzt. Aber Schilder für die Parkregelung, doppelte Vorfahrtsschilder obwohl rechts vor links gilt, überflüssige Überholverbotsschilder bei durchgezogener Mittellinie – sie alle könnten gespart werden. Dann bliebe dem Autofahrer Zeit und Aufmerksamkeit für die wichtigen Verkehrsregeln.

Bürger diskutieren auf den Straßen

Am 10. Mai 1998 geht es dann los: Zusammen mit dem Motorsportclub MSC Bork ziehen Teams durch den Ortsteil Selm und suchen Schilder aus, die verhüllt werden sollen. Am nächsten Tag, ein Montag, so hält es der ADAC in einer Dokumentation fest, diskutieren die Bürger auf den Straßen. Die gelben Säcke im Straßenbild fallen auf. In den folgenden Tagen besuchen Dutzende Verkehrsfachleute Selm, informieren sich vor Ort über (K)ein Schild.

Die Woche, in der die ganze Stadt gelb sah

Goße Säcke verhüllten einige Straßenschilder. Verpackungskünstler Christo inspirierte zu der Aktion. Foto: Foto: ADAC Westfalen

Am vierten Aktionstag fängt der Abbau an. Eine Verkehrskommission entscheidet bei jedem verhüllten Schild: Soll die Hülle wieder weichen? Kann das Schild gleich abgebaut werden? Die Experten zeigen so auch den Bürgern gleich an Ort und Stelle, dass über die Schilder nachgedacht wird, sie nicht willkürlich verhüllt wurden. Am Ende der Aktionswoche stehen an Selms Straßen 471 Schilder weniger, wie der ADAC festhält. Unfälle habe es laut Polizei dadurch nicht gegeben. Auch die Selmer hätten sich vorbildlich verhalten – Chaos, etwa beim Parken, habe es nicht gegeben.

Fernsehsender interessierten sich

Was für Wellen die Aktion schlagen sollte, damit hatte man weder in Selm noch beim ADAC gerechnet. „Unter Fachleuten kennt die Aktion jeder“, sagt Dr. Peter Meintz, Pressesprecher beim ADAC in Dortmund. ARD und ZDF waren schon am ersten Aktionstag in Selm, um bei der Verhüllung dabei zu sein. Radiointerviews folgten. „Selbst das japanische Fernsehen hatte Interesse“, erzählt Meintz. „Das war schon erstaunlich.“ Für Selm war (K)ein Schild eine riesige Werbeaktion und hat jede Menge mediale Aufmerksamkeit gebracht.

Die Aktion hat Selms Verkehrsplanung länger geprägt. Er habe viel gelernt, sagt Gerhard Werminghaus im Rückblick. Wie viele Schilder es heute in der Stadt gibt, darüber gibt es bei der Verwaltung zwar keine Statistik, da Stadt, Kreis, Land und Bund für Straßen verantwortlich sind. Doch in den vergangenen Jahren wurden einige Schilder neu aufgebaut, da sich gezeigt habe, dass Verkehrsteilnehmer etwa an bestehende Parkverbote an mehreren Stellen erinnert werden müssen, heißt es auf Anfrage aus der Stadtverwaltung.

Auswirkungen bis heute

Man könne aber auch den Straßenraum anders gestalten als mit Schildern, so Werminghaus. „Wir haben nie wieder so viele Zeichen aufgestellt.“ Man könne auch den Straßenraum ohne Schilder so gestalten, dass sich die Verkehrsteilnehmer verantwortungsbewusst verhalten können, so Werminghaus.

Aktion zu „(K)ein Schild in Selm

Abgesägtes Schild wird zur Aktionskunst

Selm Ein Schild, das kein Mensch mehr braucht. Auch, wenn es mal Teil einer Aktion war, die bundesweit für Schlagzeilen gesrogt hat. Was soll mit so einem Relikt passieren? Schmeißt man es weg, lässt man es in der Garage liegen? Der Künstler Heinz Cymontkowski hat sich Gedanken gemacht.mehr...

So würde eine schmalere Straße für geringeres Fahrtempo sorgen. In den Jahren nach der Aktion habe Selm „die Schilder immer relativ reduziert gehalten“, sagt Werminghaus. Dabei hatte der Bauhof nach der Abbauaktion mehr als genug Schilder auf Lager. Einiges sei mit den Jahren aussortiert worden, erzählt Werminghaus. „Es hat riesen Spaß gemacht“, sagt Selms ehemaliger Verkehrsplaner über die Aktion. Ein kleiner Höhepunkt seines Berufslebens sei (K)ein Schild gewesen. Und ganz sicher richtig viel Werbung für die kleine Stadt Selm.

(K)ein Schild in Selm macht Schule:

  • Der ADAC Westfalen hat nach der Aktionswoche Bilanz gezogen und war hoch zufrieden.
  • 471 abgebaute Zeichen und Zusatzzeichen hat der ADAC gezählt. Bei konsequenter Anwendung der Straßenverkehrsordnung seien im Schnitt ein Drittel aller Verkehrszeichen überflüssig, hieß es damals.
  • Die Polizei habe keine Unfälle im Zusammenhang mit der Aktion gemeldet.
  • Auch in den Medien gab es ein großes Interesse. Der ADAC zählte elf Fernsehbeiträge. Im Rundfunk gab es über 40 Interviews.
  • Nach der Aktion in Selm hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe auch Bundes- und Landesstraßen überprüft. In mehreren Orten von Lüdenscheid bis Paderborn haben die Verantwortlichen sich entschieden, Schilder abzubauen.

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