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Demenzcafé in Bork

Singen gegen das Vergessen

Bork Wenn ein geliebter Mensch an Demenz erkrankt, ist das auch für seine Angehörigen nicht einfach. Sybille Müller fühlte sich zunächst allein, als ihr Mann die Diagnose bekam. Das ist jetzt anders.

Singen gegen das Vergessen

Im Borker Kaffeestübchen der Diakonie können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zweimal im Monat zusammen kommen. Zum Programm gehört zum Beispiel Singen. Foto: Sabine Geschwinder

Sybille Müller lebt mit ihrem Mann von Tag zu Tag. Zu viel planen funktioniert nicht, denn ganz genau sagen, wie es ihm gehen wird, das weiß sie nicht. „Manche Tage laufen fast normal und an manchen Tagen geht gar nichts“, sagt sie. Bei ihrem Mann wurde vor einigen Jahren eine Demenz diagnostiziert. Die Krankheit ist bei ihm noch nicht weit fortgeschritten. Er geht raus, ist im Vereinsleben aktiv und dennoch merkt man, dass er manchmal etwas vergisst. „Wenn wir über etwas gesprochen haben, ist das in fünf bis zehn Minuten weg“, sagt Sybille Müller. Sybille Müller heißt eigentlich anders. Für diesen Bericht bevorzugt sie es, anonym zu bleiben, auch, um ihren Mann nicht zu sehr in die Öffentlichkeit treten zu lassen. Aber es ist ihr wichtig, über das Thema zu reden. „Es kann jeden von uns treffen“, sagt sie, „es hilft keinem, Augen und Ohren zu verschließen.“ Das zeigen auch die Zahlen. Vor fünf Jahren gab es laut Alzheimer Gesellschaft 300.000 Demenzkranke in NRW. Die Zahlen steigen aber, auch, weil die Menschen immer älter werden.

Lange hätte ihr Mann nicht gewollt, dass sie überhaupt mit Freunden und Bekannten über seine Krankheit spricht. Inzwischen ist das anders und Sybille Müller sagt, dass das wichtig ist. „So verstehen sie, wenn er sich mal anders benimmt.“ Und auch für sie ist es eine große Entlastung, über ihre Gefühle zu reden.

Zwei Angebote

Seit etwa drei Jahren geht die 73-Jährige deshalb ins Café Atempause, das von der Diakoniestation Lünen, Selm, Bork organisiert wird. In dem Café bekommen Angehörige von Demenzkranken eine Beratung und können mit anderen Angehörigen ins Gespräch kommen.

„Zunächst habe ich mich nicht getraut“, sagt die 73-Jährige. Doch dann habe sie sich das Angebot mal angeschaut und sei seitdem regelmäßig dort zu Gast.

Seit diesem Jahr ist noch ein weiteres Angebot hinzugekommen: das Borker Kaffeestübchen. Es richtet sich direkt an Menschen, die von Demenz betroffen sind. Wobei auch hier die Angehörigen mitkommen können, wenn sie das möchten.

In Lünen gibt es ein ähnliches Angebot bereits seit zwölf Jahren und wird dort sehr gut angenommen, erzählt Marlene Triantafillou von der Diakonie Lünen Selm Bork. Sie ist Krankenschwester und Gerontopsychologische Fachkraft, Demenz ist ihr Fachgebiet. In Gesprächen mit Angehörigen und Erkrankten hat sie schon vieles mitbekommen: Ein Mann, der nicht mehr viel gesprochen hat, aber noch super Mundharmonika spielen konnte, oder die Frau, die alle Strophen eines Liedes konnte, als Triantafillou die Zettel mit den Liedtexten vergessen hatte. „Im Alltag ist es oft so, dass die Demenzkranken häufig nur ihre Defizite merken“, erklärt Triantafillou.

Bei dem Kaffeestübchen gehe es darum, den Betroffenen zu zeigen, was sie können, mit ihren Erinnerungen zu arbeiten und sie so positiv zu bestärken.

Wie ein Bücherregal

Um zu erklären, wie Demenz funktioniert, benutzt Triantafillou das Beispiel von einem Bücherregal. Jedes Buch steht für ein Kapitel des Lebens. Bei Menschen mit Demenz gehen Stück für Stück die neuesten Bücher verloren. Das heißt, zunächst geht das Kurzzeitgedächtnis verloren. Wer Demenz hat, kann dann auf diese Kapitel seines Lebens nicht mehr zugreifen. Stück für Stück werden es weniger. Deshalb denke eine demente Person, die nicht mehr Auto fahren könne, zum Beispiel, dass sie es noch tue, obwohl das schon zehn Jahre her sein mag.

Die Bücher, die weg sind, sind verschwunden. Aber dafür kann man sich auf die konzentrieren, die noch da sind. Dabei hilft zum Beispiel das Ergänzen von Sprichwörtern, Singen von alten Liedern oder Sprechen über ein vorgegebenes Thema. Zum Beispiel Garten oder Familie. „Es geht um Wertschätzung“, erklärt Triantafillou: Es gehe darum, zu zeigen, „dass das Leben, das der Mensch erlebt hat, etwas wert ist.“ Außerdem sollen diese Techniken helfen, die geistigen Fähigkeiten zu aktivieren. Soll heißen: die noch vorhanden Fähigkeiten einzusetzen und zu trainieren. „Umso mehr kann man das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern“, sagt Triantafillou, denn: „Wer rastet, der rostet.“ Das gilt auch für das Gehirn.

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