Tonnenweise verschwindet der Stahlschrott beim Unternehmen Sandkuhle in Ahaus in einer der großen Stahlscheren. Das Entsorgungsunternehmen kann in diesem Jahr auf 100 Jahre Geschichte zurückblicken. © Stephan Rape
Firmenjubiläum

100 Jahre Geschichte: Sandkuhle kriegt auch den härtesten Stahl klein

100 Jahre Firmengeschichte können nicht viele Unternehmen feiern. Bernhard Sandkuhle kann. Seit 1921 gibt es das Entsorgungsunternehmen am Ahauser Bahnhof. Ein besonderer Spezialist.

Als Hermann Sandkuhle 1921 den Grundstein für das Entsorgungsunternehmen Sandkuhle legte, hatte er nicht viel mehr als ein Pferdefuhrwerk. Er sammelte alles, was sich irgendwie noch verwerten ließ. Holz, Papier, Knochen…

Heute, 100 Jahre später, führt Bernhard Sandkuhle, der Enkel des Gründers, das Kommando auf dem Gelände an den Bahngleisen in Ahaus. Die Zeiten in denen Knochen verladen wurden, hat er selbst noch mitgemacht. „Per Hand haben wir 30-Tonnen-Waggons be- und entladen. Das war eine Mordsarbeit“, sagt er im Rückblick. Etliche Jahrzehnte ist das schon wieder her. Heute ist die Arbeit körperlich einfacher, aber nicht weniger anspruchsvoll. In der Regel arbeitet er von einem Platz mehrere Meter über dem Boden: Er bedient einen der Greifbagger, um die großen Stahlscheren mit Altmetall zu füttern. Zehn Mitarbeiter hat er.

Bernhard Sandkuhle (62) führt das Unternehmen in dritter Generation. Die vierte Generation soll einmal übernehmen. Noch ist es aber längst nicht soweit.
Bernhard Sandkuhle (62) führt das Unternehmen in dritter Generation. Die vierte Generation soll einmal übernehmen. Noch ist es aber längst nicht soweit. “Unser ältester Mitarbeiter hat gearbeitet, bis er 89 war”, sagt der Chef. Die Arbeit halte fit. © Stephan Rape © Stephan Rape

Über wenig Arbeit kann er sich heute aber auch nicht beklagen. Gerade ist er aus dem großen Greifbagger gestiegen. Mehrere Tonnen Stahlschrott aus einem Chemieunternehmen muss er gerade zerkleinern. Ein Auftrag, der spontan dazwischen gekommen ist.

Riesige Stahlscheren sind das Besondere

Das Besondere an dem Unternehmen sind die großen Stahlscheren, die von außen an große Container erinnern. Tonnenschwere Hightechmaschinen. Eine von ihnen wiegt 550 Tonnen. Allein die Muttern, die sie an den Bolzen im Fundament festhalten, wiegen 500 Kilo. Die Hydraulik, die die Scheren betreiben, sprengen dann endgültig die Dimensionen: 7500 Liter Hydrauliköl werden von den Pumpen bewegt – pro Minute. Dabei herrscht in den Leitungen ein Druck von 350 Bar. Zum Vergleich: In einem normalen PKW-Reifen steht die Luft unter zwei Bar Druck. Ein Hochdruckreiniger für den Garten aus dem Baumarkt schafft 20 Bar.

Trotz der riesigen Dimensionen seien die Maschinen hochpräzise: „Wenn neue Messer eingesetzt werden, ist die Toleranz gerade einmal so groß, wie eine Papierseite dick ist“, erklärt Bernhard Sandkuhle. Diese Scheren sorgen für Kleinmetall: Zuletzt waren es beispielsweise große Entsorgungscontainer, so genannte Mulden. „Die schneide ich so klein, dass sie bequem in den Kofferraum eines Kleinwagens passen“, sagt Bernhard Sandkuhle lachend.

Lieferungen kommen aus ganz Europa

Vier dieser Maschinen gebe es in ganz Europa. Zwei stehen in Ahaus. Entsprechend groß ist das Einzugsgebiet. „In der Regel arbeiten wir mit Entsorgungsunternehmen zusammen, die uns beliefern“, erklärt Bernhard Sandkuhle. Aus ganz Europa kommen Stahlteile nach Ahaus, um hier zerkleinert zu werden. Teile der alten Jachmannbrücke aus Wilhelmshaven etwa wurden in Ahaus verschrottet. Oder Poller aus Häfen. Oder Teile der Stahlkonstruktion des Kasseler Bahnhofs.

Zum Firmenjubiläum gab's Kuchen von der Verwaltung: Bürgermeisterin Karola Voß (r.) und Wirtschaftsförderin Katrin Damme (l.) überreichten Torte und Glückwünsche an Bernhard und Christine Sandkuhle.
Zum Firmenjubiläum gab’s Kuchen von der Verwaltung: Bürgermeisterin Karola Voß (r.) und Wirtschaftsförderin Katrin Damme (l.) überreichten Torte und Glückwünsche an Bernhard und Christine Sandkuhle. © Stadt Ahaus © Stadt Ahaus

Bei den hochfesten Stahlteilen komme es auf die Präzision an. Nur so lassen sie sich zerkleinern. „Einen kompletten Mähdrescher zu zerkleinern ist praktisch wie Urlaub“, sagt Bernhard Sandkuhle.

Verwaltung gratuliert zum hundertjährigen Bestehen

Ein hundertjähriges Firmenbestehen ist in Ahaus etwas besonderes. Deswegen brachte Bürgermeisterin Karola Voß persönlich zusammen mit der Wirtschaftsförderin Katrin Damme einen Geburtstagskuchen vorbei.

Ob damit auch das Kriegsbeil zwischen dem Unternehmen und der Verwaltung begraben ist, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich gibt es bei der stählernen Grenzmauer zwischen dem Unternehmen und dem Ahauser Bahnhof grundsätzlich andere Ansichten.

Noch ist die Entscheidung nur im Eilverfahren gefallen. „Ich bewege mich in meinen Rechten“, sagt Bernhard Sandkuhle. Und von diesem Standpunkt will er keinen Millimeter abweichen. Auch abseits der Mauer: Vor Jahren sei einmal eine Umsiedlung des Betriebs im Gespräch gewesen. Mit Bernhard Sandkuhle nicht zu machen: „Mein Betrieb ist durchgenehmigt“, betont er. Sowohl was Betriebszeiten als auch Umweltschutzvorschriften angeht. Er liege schließlich im Industriegebiet.

Umwelt-, Gewässer- und Lärmschutz waren früh ein Thema

„Ich habe mit dem Gewässerschutz in den 1980er-Jahren und den Lärmschutz-Messungen in den 1990er-Jahren angefangen, als davon noch nirgendwo die Rede war“, sagt er. Die Gutachten und Genehmigungen lägen vor. Ihm sei es immer darum gegangen, nicht die aktuell nötigen Genehmigungen zu bekommen, sondern die, die das Unternehmen in der Zukunft gebrauchen könne. Das habe sich bewährt. Dennoch: „Um einen Konflikt bin ich nie verlegen“, sagt er und grinst wieder.

Vierte Generation soll einmal übernehmen

Bernhard Sandkuhle ist heute 62. Ein Alter, über das er eigentlich nicht gerne spricht. Er selbst sei fast schleichend in den Betrieb eingestiegen. „Nach der Schule habe ich geholfen. Waggons be- oder entladen“, sagt er im Rückblick. Wie lange er selbst noch auf dem Bagger sitzt, beantwortet er nicht. Auch nicht, wie lange er täglich arbeitet. „Bis ich fertig bin“, erklärt er verschmitzt lächelnd. Aber auch nach ihm soll das Familienunternehmen fortbestehen: „Ich hoffe und denke, dass die vierte Generation weitermacht“, sagt er. Dann muss er zurück auf seinen Bagger. Die Zeit drängt.

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Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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