290PS, sechs Zylinder und zahllose Knöpfe gegen einen kleinen braven Deutz

hz#teinetuckert

Mit dem Deutz D15 von 1962 bin ich am Mittwoch auf den Hof von Landmaschinen Greving in Sabstätte getuckert. Dort wartete ein echtes Monster auf mich. Und fahren durfte ich auch ein Stück.

Ahaus

, 11.09.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vier hohe Stufen sind es bis in die Kabine des John Deere D6250R. Ein Traktor, Baujahr 2019, der als aktuelles Topmodell auf dem Hof von Landmaschinen Greving in Sabstätte steht.

Die Sechs-Zylinder-Maschine lässt sich noch ganz normal mit einem Zündschlüssel starten, doch dann hören die Gemeinsamkeiten mit einem normalen Fahrersitz auch schon auf.

Ein Joystick statt drei Pedalen

Er hat zwar noch die üblichen Pedale, doch eigentlich braucht die der Fahrer gar nicht mehr. Der ganze Traktor lässt sich bequem mit einem Joystick steuern. Eine manuelle Gangschaltung hat die Maschine sowieso schon längst nicht mehr. Ein Knopfdruck und eine Bewegung nach links und vorne, schon setzt sich der 9,2-Tonnen-Koloss ganz langsam in Bewegung. Elektronisch geregelt hält er seine Geschwindigkeit bei.

290PS, sechs Zylinder und zahllose Knöpfe gegen einen kleinen braven Deutz

Blick aus dem Cockpit des modernen Traktors: Die ganze Steuerung ist mit einem einzigen Joystick möglich. © Stephan Teine

Meine Hände werden schweißnass. Der Hof des Unternehmens ist eng, überall sind Maschinen abgestellt. Einige Kunden haben ihre Autos dazwischen geparkt.

Ich zirkele das riesige Schlachtschiff um die Häuserecke und kann noch einen Blick auf meinen Deutz werfen. Von hier oben sieht er aus wie ein kleines Spielzeugauto.

Azubi rät mir, nicht so zaghaft zu sein

Christoph Schulze Twenhöven macht bei Greving gerade seine kaufmännische Ausbildung. Er sitzt neben mir auf dem Klappsitz und passt auf, dass ich den rund 200.000 Euro teuren Schlepper nicht unbedacht gegen eine Wand setze oder den nächsten abgestellten Traktor schwungvoll mitnehme. „Nur nicht so zaghaft, das passt schon“, sagt er, als ich auf eine besonders enge Stelle zwischen einer Halle und dem Parkplatz durchschlüpfe. „Außerdem bist du doch wohl gut versichert“, schiebt er gut gelaunt hinterher.

Der hat gut reden. An meinen kleinen Deutz habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich weiß, wann er wo wie viel Gas braucht, wie ich mit möglichst viel Schwung um die Kurve komme und wann ich die Drehzahl besser nicht ausreize.

290PS, sechs Zylinder und zahllose Knöpfe gegen einen kleinen braven Deutz

Azubi Christoph Schulze Twenhöven hat mit mir eine Runde im John Deere über den Hof gedreht. © Stephan Teine

Christoph Schulze Twenhöven neben mir erklärt mir, wie sich zusätzlich zum Fahren auch die Anbaugeräte vorne und hinten mit zwei Fingern steuern lassen. Schon von der einfachen – und vor allem langsamen – Vorwärtsfahrt auf dem Parkplatz fühle ich mich mittelschwer überfordert.

Joysticks kenne ich nur von früher vom Flugsimulator am Computer. Hier halte ich mich krampfhaft daran fest und versuche halbwegs in der Bahn zu bleiben.

Gangwechsel per Knopfdruck

Ein Knopfdruck und der Traktor wechselt vom Vorwärts- in den Rückwärtsgang. Noch eine Bewegung und ich wechsele in einen besonderen Rangiergang. Dabei begrenzt der Traktor seine Geschwindigkeit automatisch auf zwei Kilometer in der Stunde. „Ideal, um vor Anbaugeräten zu rangieren“, erklärt mir mein Beifahrer. Wenn er das sagt, wird er Recht haben. Immer wieder steige ich aber aus Reflex auf die Fußbremse. „Kein Problem. Ist ein Traktor. Der wackelt immer“, heißt es vom Klappsitz.

Na denn. Ich stelle den Traktor wieder ab. Klettere die vier Stufen hinunter und fühle mich gleich deutlich wohler.

290PS, sechs Zylinder und zahllose Knöpfe gegen einen kleinen braven Deutz

Josef Greving (76, l.), Senior-Chef bei Landmaschinen Greving und Redakteur Stephan Teine mit dem alten Deutz. © Greving Landmaschinen

Josef Greving (76), Seniorchef bei Landmaschinen Greving, lächelt, als er aus dem Haus kommt und meinen Deutz sieht. „Die haben wir früher viel verkauft“, sagt er. Früher, das war vor 1978. Da hat Greving von Deutz auf John Deere umgestellt. Die amerikanischen Traktoren passten den Sabstättern besser ins Konzept.

Auch wenn er den alten Deutz liebevoll tätschelt und auch noch ein paar lobende Worte für die alte Technik hat, so richtig kann er damit nichts mehr anfangen. „Damit wird heute das Geld verdient“, sagt er und deutet auf die Maschinen, die im Hof stehen. Und natürlich mit Ersatzteilen. „Die haben uns groß gemacht“, sagt er.

Klettertour durch das Ersatzteillager bis unter den Giebel

Ich soll mal mitkommen. Josef Greving nimmt mich mit auf eine Klettertour quer durch das Ersatzteillager. In jeden freien Winkel des Gebäudes haben die Grevings hohe Regale gequetscht. „Mit den Ersatzteilen sind wir groß geworden“, erklärt mir der Senior-Chef. Wenn ein Kunde ein Teil brauche, dürfe der nicht lange warten. „Die Maschinen müssen ja laufen“, sagt er.

Was auf den ersten Blick nach einem heillosen Durcheinander aus Fächern, Regalen und kleinen wie großen Teilen aussieht, folgt einem strengen System. „Alles vom Computer verwaltet“, sagt er und deutet auf die vielen kleinen Nummern an den Fächern und Regalen. Etwas weiter hinten suchen gerade zwei Angestellte nach einem bestimmten Teil. „Hier ist es nicht“, ruft der Eine dem Anderen zu. Laut Computer müsste aber noch mindestens eins da sein. Das will Josef Greving genauer wissen.

290PS, sechs Zylinder und zahllose Knöpfe gegen einen kleinen braven Deutz

Ersatzteile bis unter den Giebel: In jedem freien Winkel des Gebäudes in Sabstätte werden die unterschiedlichsten Teile gelagert. © Stephan Teine

„Nicht da?! Dann hat das wohl jemand falsch abgelegt“, sagt er mit einem leicht tadelnden Unterton in der Stimme. Die beiden Angestellten nicken. Der Gedanke war ihnen wohl auch schon gekommen. Doch darum kümmert sich Josef Greving jetzt nicht weiter. Er will mir noch die anderen Lagerstellen und Werkstätten zeigen.

Nach einer dreiviertel Stunde komme ich am anderen Ende des Gebäudes wieder heraus. Auf dem Hof rangieren gerade mehrere Maishäcksler, ein Tieflader und einige Traktoren hin und her.

Ich schnappe mir den Deutz und mache mich tuckernd aus dem Staub. Moderne Landwirtschaft ist mir dann doch zu kompliziert.

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