Der Ahauser Hausarzt Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus mit einem Fläschen des Biontech-Impfstoffs. In seinen Augen müsste mehr Impfstoff in die Praxen geliefert werden, um das Impftempo insgesamt zu beschleunigen. © Anne Winter-Weckenbrock (Archivbild)
Coronavirus

Ahauser Hausärzte wollen Impfungen schneller dezentral organisieren

Zu wenig Impfstoff in den Hausarztpraxen ist für zwei Mediziner aus Ahaus ein Problem. Sie würden die Impfungen lieber schnell dezentral organisieren. Doch noch sind ihnen die Hände gebunden.

Die Impfquote im Kreis Borken macht täglich Fortschritte. Stand Montag hatten 43,48 Prozent der Menschen im Kreis Borken – 161.442 Personen – ihre erste Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Doch niedergelassenen Ärzten in Ahaus geht das zu langsam.

Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus von der Praxis im Kreishaus ist einer von ihnen. Sein Problem: In seiner Praxis könne er im Moment viel Impfstoff von Astrazeneca, aber nur noch wenig Biontech verimpfen. Er macht eine Rechnung auf: Von zwölf gelieferten Flaschen Biontech-Impfstoff muss er aktuell acht Flaschen für anstehende Zweitimpfungen zurückhalten. Entsprechend weniger Termine kann er für Erstimpfungen vergeben.

Ältere Menschen bekommen im Impfzentrum Biontech

Und auch wenn mittlerweile die Akzeptanz des Astrazeneca-Impfstoffes deutlich gestiegen sei, kämpfe er immer noch mit Vorbehalten. Vor allem, weil in den Impfzentren auch die älteren Menschen – für die eigentlich Impfstoffe wie von Astrazeneca vorgesehen sind – nur mit Biontech geimpft würden. Diese Gruppe würde dann auch in der Praxis auf dem Biontech-Vakzin bestehen. Und das wiederum koste viel Zeit und Nerven in langen Gesprächen am Telefon.

Könnte er in der Praxis hingegen aus voller Kraft impfen, hätte er binnen acht Tagen alle seine Patienten, die eine Impfung haben möchten, mit dem Impfstoff versorgt. Doch die Verteilung des Impfstoffes ist vom Gesundheitsministerium vorgegeben. „Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, dass 2,25 Millionen Dosen des gelieferten Impfstoffs pro Woche in den Impfzentren verimpft werden. Was darüber hinaus geliefert wird, geht an die Arztpraxen“, heißt es von dort. Zusätzlich soll Astrazeneca-Impfstoff in die Praxen geliefert werden.

Impfdruck in den Praxen wird eher noch größer

„Es herrscht ein unheimlicher Impfdruck in den Praxen“, sagt Dr. Akin Yilmaz-Neuhaus. Die Hochrisikopatienten seien inzwischen versorgt. Aber allein in der Prioritätsgruppe 3 gebe es pro Praxis zwischen 100 und 1000 Patienten, die auf den Impfstoff warten. Und dabei seien ja die Menschen noch gar nicht mitgezählt, die noch zu keiner Priorisierungsgruppe gehören. Auch da stünden noch einmal tausende Menschen in Warteposition.

Sein eindringlicher Appell: Mehr Impfstoff muss in die Hausarztpraxen gelangen. Am Anfang hätten die großen Impfzentren Sinn ergeben. Nun aber solle das Impfen schnell dezentralisiert werden.

Hausärzte können Impfungen günstiger verabreichen

Am Ende sei das auch eine finanzielle Frage: Für beide Impfungen rechnet er mit der Kassenärztlichen Vereinigung insgesamt 40 Euro ab. „Eine einzelne Impfung kostet im Impfzentrum allerdings 260 Euro“, sagt er. Allein durch die umfangreiche Infrastruktur und das Personal, das im Impfzentrum vorgehalten werden müsse.

Dr. Dr. Heinz Giesen aus Wüllen sieht das ähnlich: Inzwischen gleiche das Impfen einem riesigen Chaos. „Die Politik will es allen recht machen, am Ende ist aber keiner mehr zufrieden“, sagt er. Auch weil das Impfzentrum für immer mehr Gruppen geöffnet wurde, obwohl die bestehenden Gruppen noch nicht zu Ende geimpft wurden. „Ein politisch motiviertes Chaos, das man medizinisch nicht begründen kann“, erklärt er.

Chaos beim Impfen ist medizinisch nicht zu erklären

Das jetzt in geordnete Bahnen zurückzuführen, sei kaum noch möglich. „Man dürfte nur noch die Unter-60-Jährigen mit Biontech oder mRNA-Impfstoffen impfen. Das wäre das Mindeste, was man verlangen kann“, sagt er. Ärzte und Helfer würden alles geben, um so viele Menschen wie möglich schnell zu impfen. „Das Problem bleibt die Verteilung“, erklärt er. Da jetzt die Zweit-Impfungen an der Reihe seien, könne er mit dem aktuell gelieferten Impfstoff kaum neue Erstimpfungen anbieten.

Das Bundesgesundheitsministerium argumentiert, dass es länger dauern würde, die Impfungen über die Hausarztpraxen abzuwickeln. Deswegen wurden die Impfzentren überhaupt eingerichtet. Für Akin Yilmaz-Neuhaus ist das aber kein Argument mehr. Nicht nur wegen möglicher digitaler Abläufe zur Vereinfachung der Terminvergabe oder Zusammenschlüssen von Ärzten, die gemeinsam etwa wie in der Disko Next impfen.

Impfungen sollen beschleunigt werden

„Das können die Hausärzte effektiver leisten“, sagt er. Und zwar auch was die Zeit angehe: „Ich kenne meine Patienten“, erklärt der Mediziner. Ein kurzes Gespräch, die Nadel in den Arm, fertig. So schnell sei eine Impfung in der Praxis erledigt. „Die Leute könnten sogar in der Mittagspause vorbeikommen, um sich ihre Impfung abzuholen“, macht er deutlich. Das habe bei einigen Terminen genau so auch schon funktioniert. Für eine Fahrt ins Impfzentrum müsse man sich hingegen schon einen Tag frei nehmen.

Eine Lösung sehen die beiden Ärzte noch nicht. Klar ist ihnen nur, dass die Impfungen schneller gehen müssen.

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Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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