Ambulante Pflegedienste sind nicht auf schwerkranke Kinder eingestellt

hzSchicksalsschlag

Das Kind von Christina Hessel (21) und Marten Otto (25) ist schwerkrank. Sie suchen nach einem Pflegedienst. Dass sie in Ahaus wohnen, macht es nicht einfacher.

Ahaus

, 01.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der kleine Elias leidet am hypoplastischen Linksherzsyndrom. Eine Fehlbildung, die überhaupt erst seit kurzem erfolgreich behandelt werden kann.

„Vor 20 Jahren hätten diese Kinder keine Überlebensschance gehabt“, sagt Prof. Dr. Hans-Gerd Kehl, Direktor der Pädiatrischen Kardiologie am Uniklinikum Münster. Dort wird Elias, seit er im März 2019 geboren wurde, behandelt. Neun Mal wurde er in seinem kurzen Leben bereits operiert.

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Auch nach den schweren OPs hatte Elias es nicht leicht. „Es kam immer wieder zu Undichtigkeiten an der Herzklappe“, sagt Kehl. Nun hat sich sein Zustand stabilisiert. Elias nimmt langsam zu. Trotzdem wird er inzwischen künstlich beatmet.

Für Langzeitprogrnose ist es noch zu früh

Für eine Langzeitprognose sei es aber im Moment noch zu früh. Natürlich ist die Familie von Elias froh darüber, dass es dem kleinen Jungen langsam besser geht. Gerne würden sie ihn auch nach Hause holen. Doch der Wunsch, gemeinsam zuhause Weihnachten zu feiern, scheint sich nicht zu erfüllen. Ein möglicher Pflegedienst hat kurzfristig abgesagt.

Ambulante Pflegedienste sind nicht auf schwerkranke Kinder eingestellt

Christina Hessel (21) und Marten Otto (25) mit ihrem schwerkranken Sohn Elias. Der neun Monate alte Säugling leidet am hypoplastischen Linksherzsyndrom und ist zurzeit auf künstliche Beatmung angewiesen. Ein Problem für ambulante Pflegedienste. © privat

Auch der Mediziner sieht das Problem mit den ambulanten Pflegediensten: „Das müssen schon speziell geschulte und erfahrene Kräfte sein“, erklärt er.

Es gibt mehr schwerkranke Kinder, die bis vor Kurzem nicht überlebt hätten

Denn: So gut die bessere Therapie einerseits ist, sie stellt die Pflegedienste vor ungeahnte Aufgaben: „Die Pflegedienste müssen sich darauf einstellen, dass es in Zukunft mehr schwerkranke Kinder gibt, die noch vor kurzem einfach nicht überlebt hätten“, sagt auch Christine Göring vom Sozialdienst des Uniklinikums Münster. „Das will aber im Moment anscheinend noch niemand so richtig sehen“, schiebt sie dann noch hinterher.

Pflegedienste für Kinder gebe es nur wenige. Im ganzen Kreis Borken beispielsweise kann sie keinen Dienst nennen, der sich auf Kinder geschweige denn auf schwerkranke Kinder, spezialisiert hat. Die nächsten Angebote gibt es in Nordhorn, Bielefeld, Herford oder im Ruhrgebiet. „Für Familien ist das natürlich eine Katastrophe“, sagt sie.

Pflegemöglichkeiten zu finden ist „total schwierig“

Sie ist täglich damit befasst, für schwerkranke Kinder Pflegemöglichkeiten zuhause zu finden. „Das ist total schwierig“, sagt sie. Schon ein komplizierter Verbandswechsel sei oft nur sehr schwer zu vermitteln. Auch weil er für die Pflegedienste finanziell nicht attraktiv seien.

Ambulante Pflegedienste sind nicht auf schwerkranke Kinder eingestellt

Andrea Hessel (48), die Großmutter von Elias und sein Vater Marten Otto (25) hoffen, einen ambulanten Pflegedienst zu finden. © Stephan Teine

Denn diese Komponente kommt eben immer dazu: das Geld. „Pflegedienste sind ja darauf angewiesen, dass sie rentabel arbeiten“, erklärt Christine Göring und hat durchaus Verständnis für die Pflegedienste. „Um eine 24-Stunden-Bereitschaft zu gewährleisten, braucht man ja bis zu sechs Pflegekräfte“, sagt sie. „Und bei dem aktuellen Mangel an Pflegekräften...“, den Satz lässt sie unvollendet.

Dienste sagen oft kurzfristig wieder ab

Auch das Problem der kurzfristigen Absagen ist ihr bekannt. „Es kommt immer wieder vor, dass Dienste erst zusagen, dann aber kurz vor Beginn der Pflege wieder absagen“, erklärt sie.

Das gebe es sogar bei Familien, die schon länger 24 Stunden am Tag durch einen ambulanten Pflegedienst versorgt werden. „Wenn dort dann eine Pflegekraft ausfällt oder kündigt, sind diese 24 Stunden nicht mehr abgedeckt und es entstehen riesige Lücken“, sagt sie. Für Familien, die auf einen Pflegedienst angewiesen sind, bedeute das dann oft einen Sturz ins Nichts.

Die Alternative zur häuslichen Pflege: betreute Wohngruppen oder Pflegeheime, die sich auf Kinder spezialisiert haben. Aber auch dort sind die Plätze rar. „Es gibt lange Wartelisten“, schildert die Sozialarbeiterin. Zwei bis drei Monate Wartezeiten seien keine Seltenheit.

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