Caritas schlägt Alarm: Vorräte an Schutzausrüstung gehen zur Neige – Nachschub kommt nicht an

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30.000 Mundschutz-Masken hat der Caritasverband Ahaus-Vreden bestellt – 188 sind geliefert worden. Bei der Schutzbekleidung sieht es nicht besser aus: 20.000 bestellt – 75 bekommen.

Ahaus

, 26.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Sorge um die betreuten Menschen und die eigenen Mitarbeiter steigt bei der Caritas in der Diözese Münster von Tag zu Tag. Die Vorräte an Schutzausrüstung gehen zur Neige, die versprochenen Lieferungen von Bundes- und Landesregierung bleiben bislang aus.

Anfang März hatte unsere Redaktion mit Matthias Wittland gesprochen, Vorstand für das Ressort Pflege beim Caritasverband im Dekanat Ahaus-Vreden. Der Verband betreibt mehrere Seniorenheime und ist auch in der häuslichen Pflege aktiv. Damals sah sich der Caritasverband gut aufgestellt, was zum Beispiel die Versorgung der eigenen Häuser mit Desinfektionsmitteln zum Schutz vor Virusübertragungen angehe.

Aktuell sei der Bestand hingegen deutlich geschrumpft, berichtet Matthias Wittland am Donnerstag in einem Telefonat. „Das Problem sind Schutzmasken und Schutzbekleidung.“ Er habe eine Mitarbeiterin abgestellt, die sich nur noch um die Beschaffung kümmere und täglich stundenlang mit Lieferanten telefoniere.

Preise verdreifacht

„Meist werden Margen von 50 bis 100 Stück angeboten. Bei größeren Mengen wird bis zum Liefertermin die Zusage wieder einkassiert oder die Preise verdoppeln oder verdreifachen sich binnen weniger Stunden“, berichtet Matthias Wittland. „Es ist unglaublich, was da passiert.“

Die Notwendigkeit für eine längerfristige Vorratshaltung habe es in dieser Dimension bislang nicht gegeben, erklärt Hans-Peter Merzbach, Vorstand der Caritas Ahaus-Vreden, in einer Pressemitteilung. Bis Jahresende seien Bestellungen in der Regel immer kurzfristig ausgeliefert worden. Jetzt sei „trotz massiver eigener Bemühungen“ fast nichts mehr zu bekommen. Auch am Wochenende seien die stationäre und ambulante Altenhilfe des Verbandes leer ausgegangen.

Jochen Albers kümmert sich beim Caritasverband Ahaus-Vreden aktuell um den zentralen Einkauf. In Sachen Desinfektionsmittel ist das Lager noch ausreichend gefüllt, anders sieht es bei Schutzbekleidung und Schutzmasken aus.

Jochen Albers kümmert sich beim Caritasverband Ahaus-Vreden aktuell um den zentralen Einkauf. In Sachen Desinfektionsmittel ist das Lager noch ausreichend gefüllt, anders sieht es bei Schutzbekleidung und Schutzmasken aus. © Caritas Ahaus-Vreden

Als Vorstand für das Ressort Pflege schaut Matthias Wittland täglich auf den Lagerbestand beim Caritas-Verband und auf zugesagte und eingehaltene Lieferungen. „Wir haben vor zwei Wochen eine Bestellung für 20.000 Schutzkleidungen abgeben – und 75 bekommen. Wir haben 30.000 Mundschutz-Masken bestellt – 188 sind geliefert worden. Wir haben 12.000 FFP2-Schutzmasken bestellt – es gab eine Lieferzusage. Aber geliefert wurden sie noch nicht. Wir haben 700 vor Ort liegen.“ Ähnliche sehe es bei Desinfektionsmitteln aus. „Wir haben bestellt, aber wann geliefert wird, ist unklar.“

Hans-Peter Merzbach beklagt, dass der Weg der Verteilung nicht transparent sei. Ebenso sei nicht klar, welche Mengen an Schutzausrüstung die Einrichtungen überhaupt konkret erhalten sollen.

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Gerade in der ambulanten Pflege seien die Mitarbeiter in großer Sorge. Dabei seien die ambulante Pflege und die stationäre Altenhilfe wichtige Bereiche, die durch gute Hygiene und ausreichende Schutzausrüstung verhindern können, dass ältere und vorerkrankte Menschen sich infizierten und in Krankenhäusern aufgenommen werden müssten.

„Erst hieß es, die Dienste sollten sich bezüglich ihres Bedarfs beim NRW-Gesundheitsministerium melden“, erklärt Matthias Wittland. „Bitte keine Meldung mehr, wir nehmen die Verteilung vor“, hieß es dann vom Ministerium. Stand Mittwochabend wisse der Caritasverband nicht, „wie viel an wen verteilt wird“. Auch der Verteilungsschlüssel werde sich wohl noch ändern.

Bedarf gemeldet

Gemeldet hatte der Caritasverband Ahaus-Vreden für seine Einrichtungen einen 90-Tage-Bedarf: 28.000 FFP2-Schutzmasken, 14.000 Schutzanzüge, 200.000 Handschuhe und 20.000 Mund-Nasen-Schutz.

Im Zentrallager des Caritasverbandes Ahaus-Vreden gibt es derzeit noch ausreichend Schutzbekleidung und Masken, um die Mitarbeiter bei der direkten Versorgung von Corona-Patienten zu schützen. Wann aus „ausreichend“ aber wieder „jede Menge“ wird, das vermag Matthias Wittland nicht zu sagen.

„Der Kreis tut sein Bestes“

Das NRW-Ministerium in Düsseldorf ist weit weg, die Probleme gibt es vor Ort. Doch bei aller Malaise, sagt Matthias Wittland, „wir arbeiten sehr gut mit dem Kreis Borken zusammen. Der tut sein Bestes.“ Doch Schutzmasken und Schutzbekleidung kann auch der Kreis Borken nicht aus dem Hut zaubern.

Für den Engpass an Schutzartikeln gebe es mehrere Gründe, weiß Matthias Wittland. „Unsere Lieferanten melden oft, dass die Paletten an der Grenze stehen und die Lieferung vom Ausland wegen Eigenbedarfs festgesetzt wurde.“ Ein weiterer Grund: In Deutschland seien Schutzmasken und –bekleidung kaum noch produziert worden.

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Matthias Wittland: „Weltweiter Handel ist gut. Aber in Krisensituationen ist auf Länderebene jeder sich selbst oft der nächste.“ Das Caritas-Vorstandsmitglied freut sich umso mehr über die Hilfsbereitschaft aus der Region. „Ein Handwerksbetrieb hat uns zehn FFP2-Schutzmasken geschenkt. Andere Firmen stellen uns kostenlos Desinfektionsmittel zur Verfügung. Ein Dank an die, die es verstanden haben.“

Dr. Thomas Bröcheler ist Direktor der Stiftung Haus Hall, die auch in Ahaus und weiteren Orten des Kreises vertreten ist. Haus Hall ist mit 2000 Mitarbeitern die größte Behinderteneinrichtung der Caritas in der Diözese Münster. „Was noch auf Lager ist, reicht trotz eingeleiteter Sparmaßnahmen nur noch für wenige Tage“, schickt Thomas Bröcheler einen dringenden Appell an die Landes- und Bundesregierung. „Dann ist es vorbei mit Schützen“.

Vorräte schnell aufgebraucht

Gerade im Bereich der Menschen mit schweren Behinderungen bestehe ein mit Pflegeeinrichtungen vergleichbarer Bedarf. Schon jetzt sei der Verbrauch gestiegen wegen vorsorglicher Hygienemaßnahmen. Dringe das Virus erst in eine Wohngruppe vor, wären die Vorräte ganz schnell aufgebraucht. In Haus Hall werden inzwischen selbst Atemschutzmasken genäht. „Aber wir schaffen nicht die benötigte Menge“, sagt Bröcheler.

Nach der Krise müsse dringend darüber nachgedacht werden, ob nicht das Land selbst im Sinne einer Katastrophenvorsorge Schutzausrüstungen vorhalten müsse. „Sinnvoll wäre auch eine regionalere Produktion, um sich weniger abhängig von Lieferungen aus China zu machen“, sagt Matthias Wittland.

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