„Frauen sind ein notwendiges Übel“ – Drama zeigt Hexenwahn in Ahaus an historischem Ort

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Ein Schauspiel ganz besonderer Art an einem ganz besonderen Ort bereitet Hermann Volmer vor. Am Steenern Crüce erinnert ein Hexendrama an ein grausames Kapitel Ahauser Rechtsgeschichte.

Ahaus

, 17.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor 411 Jahren spielten sich schreckliche Szenen in Ahaus ab. Die Hebamme und Witwe Hille Blomers wurde im September 1608 zwei Mal „peinlich befragt“. Mit anderen Worten: Sie wurde grausam gefoltert. Wenige Monate später starb sie im Ahauser Gefängnis. Ihr Nachbar Henrich Obertz hatte sie denunziert: Er sei von ihr derart verhext worden, dass ihm Fingernägel geborsten und die Haare ausgefallen seien. Nachbarn berichteten von weiteren Zaubereien. Krankheit, Tod oder Viehsterben, Hille Blomers wurde für jedes Unglück verantwortlich gemacht.

„Frauen sind ein notwendiges Übel“ – Drama zeigt Hexenwahn in Ahaus an historischem Ort

Dieser zeitgenössische Stich zeigt eine Hexenverbrennung zu Dernburg im Jahre 1555. Der Hexenwahn in Europa erreichte vor 400 Jahren einen traurigen Höhepunkt. © picture alliance / dpa

Hermann Volmer gerät heute noch in Rage, wenn er über die Hexenverfolgung nachdenkt. Beim Ortstermin am Steenern Crüce in Unterortwick, wo der Prozess gegen Hille Blomers stattfand, zitiert der pensionierte Lehrer kopfschüttelnd aus dem „Hexenhammer“, einer Schrift des Dominikaners Heinrich Kramer aus dem Jahr 1486: „Frauen sind ein notwendiges Übel.“ Und Kramers Zeitgenosse Papst Pius II. soll gesagt haben: „Wenn du eine Frau siehst, siehst du den Teufel.“ Zornig ruft der 79-Jährige den beiden Klerikern etwas nicht Zitierfähiges hinterher.

Künstlerisches Ventil für den Zorn

Hermann Volmer hat für seinen Zorn ein künstlerisches Ventil gefunden. „Das ist eine Charakterschwäche von mir: Ich bin eine Rampensau, ob als Nachtwächter oder als Lehrer“, sagt er augenzwinkernd. Hermann Volmer hat das in alten Gerichtsakten dokumentierte Geschehen in ein Drama gegossen.

Und er hat Mitstreiter gesucht und „ohne Schwierigkeiten gefunden“, wie er sagt: Darsteller der Plattdeutschen Bühne Ahaus, einen fünfstimmigen Frauenchor unter der Leitung von Andrea van der Linde und Musiker an der Posaune, Querflöte und Cello. Rund 35 Akteure proben seit Monaten für zwei Aufführungen des „dramatischen Schauspiels in sechs Akten“ am 30. August und am 1. September. Und das an einem ganz besonderen Ort: am Steenern Crüce.

Historische Gerichtsstätte am Steenern Crüce

Unter dem Kreuz des Gogerichts ton Steenern Crüce habe der Hexenprozess gegen Hille Bomers stattgefunden, sagt Hermann Volmer. „Hier wurde seit dem 12. Jahrhundert – und wahrscheinlich noch viel länger – bis zum Jahr 1815 Gericht gehalten.“

Das Originalkreuz der historischen Gerichtsstätte hat seinen Platz im Landesmuseum in Münster gefunden. Seit über 100 Jahren erinnert unweit der historischen Stätte eine Kopie des Steenern Crüce . „Die hat der Altertumsverein Ahaus 1909 unter maßgeblicher Beteiligung meines Großvaters Theodor Hocks aufgestellt.“

Blick in die Gegenwart

Geschichte ist aber für Hermann Volmer mehr als der Blick zurück. „Es geht in diesem traurigen Stück um ein sehr aktuelles Thema: Um die Würde, um die Achtung und Wertschätzung von Frauen in Kirche und Gesellschaft – gestern, heute, morgen.“ Dabei wirft Volmer auch einen kritischen Blick auf die katholische Kirche. „Es gab auch Päpste, Bischöfe und Priester, die dem Hexenglauben Vorschub geleistet haben.“

Insgesamt seien zwischen 1550 und 1650 rund 25.000 Menschen verurteilt worden. „Und in Westfalen gegen es besonders schlimm zu“, sagt Hermann Volmer. Auch heute noch, so kritisiert Hermann Volmer, seien die Frauen in der katholischen Kirche noch nicht gleichberechtigt. Darum ziehe er mit seinem Schauspiel auch eine Verbindung zur Aktion „Maria 2.0“.

Der Rest ist Schweigen

Eine für einen Dramaturgen ungewöhnliche Bitte hat Hermann Volmer an die Zuschauer: „Bitte keinen Applaus!“ Wenn im letzten Akt das Lied „Abendstille überall“ verklungen ist, dann wünscht sich Hermann Volmer Stille. Einen Moment des Innehaltens und des Gedenkens an Hille Blomers und an alle misshandelten Frauen der Welt.

Aufführungstermine

  • Freitag, 30. August, 19 Uhr
  • Sonntag, 1. September, 16 Uhr
  • Sitzbänke und Stühle stehen bereit
  • Ort: Gogericht „Ton Steenern Crüce, Unterortwick, Ottensteiner Weg/Raiffeisenstraße
  • Eintritt frei
  • Bei schlechtem Wetter wird die Aufführung in die Schirmschoppe auf dem benachbarten Hof Boyer, Unterortwick 6a, verlegt.
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