EUTB-Berater lotsen Menschen mit Behinderungen in selbstbestimmtes Leben

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Als Lotsen im System verstehen sich die Berater der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung. Seit 2018 liefern sie Ratsuchenden mit Behinderungen ein Angebot, das es so noch nicht gab.

Ahaus

, 29.09.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Artikel in der Münsterland Zeitung über die Geschichte von Gaby Wigber, die nach einem Schlaganfall heute selbst Arbeitgeberin für fünf Assistenten, die sie pflegen, ist, hat beim EUTB, der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung, für viele Rückmeldungen gesorgt. Denn geschafft hatte die Vredenerin den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben unter anderem mithilfe der EUTB. „Das Feedback war enorm“, berichtet Clemens Sprey, der im EUTB-Büro in Ahaus eine ganze Stelle besetzt.

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Eng arbeitet er mit dem Team im Büro in Borken zusammen, das von Doris Pennekamp und Detlef Deing geleitet wird. „Im Kreis Borken haben wir einen Sonderfall mit zwei Büros, dem Flächenkreis geschuldet“, erklärt Clemens Sprey. Eingerichtet wurden die Büros mit Aufstellung des Bundesteilhabegesetzes am 1. Oktober 2018. Gefördert wird die EUTB vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Ziel ist es, in jedem Kreis eine Anlaufstelle zu installieren. Ein großes Netzwerk, das eng verknüpft ist.

Beratung ist ergänzend und unabhängig

Die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung unterstützt Ratsuchende in allen Fragen zur Teilhabe. „Sie ist ergänzend, weil alle bestehenden Beratungsangebote bestehen bleiben“, so Sprey. Und sie sei unabhängig, da die Angebote kostenlos seien. Das bedeutet auch, dass die Beratung beeinträchtigungs- und ortsübergreifend erfolgt. Träger ist der LAG Selbsthilfe NRW e.V. „Verpflichtet sind wir nur einer Person: der, die bei uns Rat sucht“, betont Clemens Sprey. Und Ratsuchende können Menschen mit allen Arten von Behinderungen und Beeinträchtigungen oder von einer Behinderung bedrohte Menschen sein – so auch depressive, taube und blinde. Aber auch deren Verwandte und Angehörige.

„Eine für alle“ lautet das Motto, eine Beratungsstelle für alle. Und viele Probleme seien vielschichtig, so kämen zu körperlichen Behinderungen oft auch psychische Probleme hinzu. Clemens Sprey selbst kann aus eigener Erfahrung davon berichten als chronisch depressiver Mensch: Peer Counseling ist der Fachausdruck, wenn Betroffene Betroffene beraten. „Detlef Deing hat zum Beispiel einen Schlaganfall erlitten“, ergänzt Clemens Sprey.

Betroffene beraten Betroffene

Hilfe wird zum Beispiel geboten, wenn Ratsuchende mit der Frage kommen, wie man an sein Geld und Leistungen, die einem zustehen, kommt oder wie man sich im Behörden-Dschungel zurechtfindet. Themen können Leistungen zur medizinischen Rehabilitation oder die Teilhabe am Arbeitsleben sein. „Wir verstehen uns als Lotsen durch das System der Sozialversicherungen“, erklärt Clemens Sprey. Dabei arbeitet die EUTB auch mit anderen Beratern und Anlaufstellen zusammen, verweist im Einzelfall auch an diese.

„Unser Angebot ist bewusst niederschwellig, es muss keiner Angst haben, zu uns zu kommen. Wir holen den Ratsuchenden dort ab, wo er gerade steht, und zeigen ihm, dass er nicht allein ist“, sei es ein erster wichtiger Schritt, Berührungsängste ab- und Vertrauen aufzubauen. Der gesamte Beratungsprozess geschehe auf Augenhöhe. Ganz wichtig: „Das Tempo gibt allein der Ratsuchende vor“, so Sprey.

Clemens Sprey ist der Berater vor Ort im Ahauser Büro. Der ehemalige kaufmännische Leiter findet in seinem zweiten Beruf die Erfüllung, die er sich immer gewünscht hat.

Clemens Sprey ist der Berater vor Ort im Ahauser Büro. Der ehemalige kaufmännische Leiter findet in seinem zweiten Beruf die Erfüllung, die er sich immer gewünscht hat. © Michael Schley

Wie bei Gaby Wigber ist es den Beratern ein Hauptanliegen, dass den Ratsuchenden ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird, zum Beispiel mithilfe des sogenannten Persönlichen Budgets. „Dazu zählt auch, dass sie Entscheidungen selbst treffen sollen“, sagt Clemens Sprey.

Hilfe zur Selbsthilfe, das Motto der Selbsthilfegruppen, passe sehr gut. „Wir versuchen, das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, um den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu finden“, so Sprey. Dabei ist jeder Weg, jede Geschichte, individuell. Bei dem einen benötige es mehr Anlaufzeit, bei dem anderen weniger.

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Einst war Clemens Sprey kaufmännischer Leiter, die richtige Erfüllung erfährt er nun in seinem zweiten Beruf: „So viel, wie in den vergangenen beiden Jahren, habe ich noch nie gelernt. Ein unheimlich vielfältiger, spannender Beruf.“ Er berichtet von einem „lernenden System“, in dem auch die Berater einmal an ihre Grenzen stießen und sich selbst stets fortbilden müssten, um zu helfen. In zwei Dingen beraten sie Ratsuchende aber nicht: in Widerspruchsverfahren und auf dem Rechtswege. „Das gehört in die Hände von Fachleuten.“

Corona verhindert aufsuchende Beratung

Zum erfüllenden Beruf zähle auch das Feedback der Ratsuchenden. „Oft melden sich Ratsuchende auch nach Jahren noch, um uns zu sagen, dass der aufgezeigte Weg der richtige war“, berichtet Sprey. Aber auch das Lächeln beim Verlassen des Büros an der Josefstraße, „gebe schon so viel zurück“.

Clemens Sprey freut sich auch schon wieder auf die Zeit, wenn Corona auch die aufsuchende Beratung womöglich wieder möglich macht. Dann holt er seine Ratsuchenden sprichwörtlich wieder dort ab, wo sie gerade stehen: vom dreimonatigen Kind bis zur 95-jährigen Seniorin. Denn: „Eine Behinderung macht vor keinem Alter Halt, sie kann jeden treffen.“

Kontakt und Öffnungszeiten

  • Das EUTB-Büro in Ahaus befindet sich an der Josefstraße 27.
  • Die Sprechzeiten sind: dienstags von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr; donnerstags von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 19 Uhr; freitags von 9 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung.
  • Das Büro ist erreichbar unter Tel. (02561) 44 81 82 8 und E-Mail: info@eutb-kreis-borken.de – das Büro in Borken, Butenwall 63, ist erreichbar unter Tel (02861) 92 97 52 4.
  • Weitere Infos: www.eutb-kreis-borken.de und www.teilhabeberatung.de
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