„Konzept 2020“ soll Trinkwasserbelastung reduzieren

Stadtwerke Ahaus

Das Trinkwasser in Ahaus ist gesund - noch. Der Betriebsleiter der Stadtwerke Ahaus warnt: "Es wird ganz einfach zuviel auf die Felder gebracht." Die Belastung mit Nitrat und Abbauprodukten von Pflanzenschutzmitteln hat stetig zugenommen. Mit dem "Konzept 2020" setzen die Wasserversorger im Kreis Borken auf eine Kooperation mit den Landwirten in den Wasserschutzgebieten, um gegenzusteuern.

AHAUS

, 23.05.2015, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vielleicht wird er einmal als Diplomat in die Geschichte der lokalen Wasserversorgung eingehen: Johannes Stentrup muss so viele widerstreitende Interessen berücksichtigen bei seiner Arbeit, dass es fast an ein Wunder grenzt, wenn dabei am Ende sauberes Trinkwasser aus den Leitungen der Ahauser Haushalte kommt.

Verbraucher klagen über steigende Preise, von der Politik wird den Wasserversorgern vorgeschrieben, für gesundes Trinkwasser zu sorgen. Gegenüber den Hauptverursachern der Grundwasserbelastung aber fehlt ihnen die Handhabe. Stentrup setzt daher auf eine "Taktik der kleinen Schritte".

Geringe Tiefe

"Alles, was oben gemacht wird, finden wir im Wasser wieder", erklärt der Betriebsleiter der Ahauser Stadtwerke. Besonders im Einzugsgebiet des Wasserwerks Ortwick zeigt sich das sehr schnell, denn hier sammelt sich das Wasser in unterirdischen Klüften im Kalkgestein. Die Brunnen haben mit 60 bis 100 Meter eine vergleichsweise geringe Tiefe.

Die Brunnenanlagen in Düstermühle und Heek holen das Wasser aus Tiefen bis fast 300 Meter. Dort wurde das Wasser im Erdreich gefiltert, weshalb es dort kein Nitrat aufweist - im Gegensatz zu dem im Wasserschutzgebiet von Ortwick. Stentrup: "Wenn Sie Klüfte haben, wird nichts gefiltert."

Nitrat, Nitrit, Nitrosamine

Problematisch ist Nitrat im Trinkwasser, weil es vom Organismus in toxisches Nitrit oder krebserregende Nitrosamine umgewandelt werden kann. In aller Regel stammt das Nitrat im Boden aus der Landwirtschaft, weil Nitrat von Pflanzen als Nährstoff verwertet werden kann.

Tatsächlich sei die Entwicklung besorgniserregend, meint Stentrup. Seit 1997 schon setzen die Wasserversorger im Kreis Borken auf eine Kooperation mit den Landwirten. Seit 2011 geht es darum, die Nitratbelastung zu senken. "Konzept 2020" heißt das Konstrukt, das einerseits auf Freiwilligkeit der beteiligten Landwirte basiert, andererseits eine schrittweise Absenkung von Belastungswerten vorsieht.

Anlass zum Optimismus

Definiertes Ziel: 2020 soll beim Sickerwasser der Wert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter nicht mehr überschritten werden. Zuletzt waren bis zu 580 Milligramm gemessen worden. "Das sind Welten von dem, wo wir 2020 sein wollen."

Auf der anderen Seite hätte eine erste Evaluierung des Konzepts, an dem neben den Wasserversorgern auch die Landwirtschaftskammer beteiligt ist, Anlass zu Optimismus gegeben: "Etwa ein Drittel der beteiligten Landwirte konnte die festgelegten Grenzwerte erreichen." Außerdem setzt Stentrup auf einen Generationswechsel. Und auf das bisher erarbeitete Vertrauensverhältnis. "Das werden wir nicht gefährden wollen." Sollte die Kooperation aber langfristig nicht zum Erfolg führen, "wird der Gesetzgeber tätig werden müssen."

Noch immer Überdüngung

Im Einzugsbereich des Wasserschutzgebiets Ortwick beteiligen sich von 52 Landwirten aktuell 37 an dem Programm. Etwa 500 Hektar von insgesamt 720 Hektar werden so erfasst und kontrolliert. "Der Punkt ist pflanzenbedarfsgerechte Düngung", erklärt Stentrup. Noch immer werde überdüngt, speziell beim Mais.

"Bis zu 20 Kilo Stickstoff werden zuviel aufgebracht. Es sind Zahlen in den Köpfen, die die vor 30 Jahren gelernt haben, obwohl mittlerweile nachgewiesen ist, dass weniger ausreicht, um den gleichen Ertrag zu erreichen." Die Landwirtschaftskammer stellt Berater, um die Landwirte bei einer neuen Düngestrategie zu unterstützen - bezahlt von den Wasserversorgern.

Problem Metabolite

"Wir dürfen nur einen gewissen Druck aufbauen, sonst springen die uns ab", sagt Stentrup. Die Landwirte bekommen allein für die Teilnahme am Konzept 2020 einen Grundbetrag. Erreichen sie die vorgegebenen Zielwerte, gibt es eine Prämie. Wichtig dabei: Das Ziel wird ohne Ertragsverluste erreicht. Dass es dabei häufig allein darum geht, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, quittiert Stentrup mit Schulterzucken. "Es gibt Auflagen, aber wir können es nicht prüfen." Erst die Teilnahme am Konzept 2020 ermöglicht die Installation von Messstellen durch die Wasserwerke auf dem Grund der Landwirte.

Dabei zeigt sich ein zweites Problem: So genannte "Metabolite", Abbauprodukte von Pflanzenbehandlungsmitteln. In den Brunnen seien diese bisher nicht feststellbar, aber das sei nur eine Frage der Zeit, meint Stentrup. 44 verschiedene Stoffe zähle diese Gruppe. "Die meisten resultieren aus dem Maisanbau."

Besorgniserregend

Das sei besorgniserregend, betont er, ändere aber nichts an seiner Strategie. "Wir sind heute nicht weiter als vor zehn Jahren, dennoch denke ich, es ist der einzig richtige Weg, den wir gehen können." 170000 Euro geben allein die Stadtwerke Ahaus jedes Jahr für den Gewässerschutz aus. Bei einem Verbrauch von etwa zwei Millionen Kubikmetern mache das 8,5 Cent je Kubikmeter aus, rechnet Stentrup vor.

Gehe das Konzept nicht auf, müssten irgendwann so genannte "Denitrifikationsanlagen" gebaut werden. "Das kostet 50 bis 80 Cent je Kubikmeter, nur weil sich eine bestimmte Klientel nicht an die Auflagen hält." Langfristig müsse man auch damit rechnen, "wenn weiter so gewirtschaftet wird", dass in den tieferen Brunnen von Heek und Düstermühle Schadstoffe ankommen.

Weitere Schutzgebiete

Von Resignation aber will Stentrup nichts wissen. "Wir werden auch versuchen, dort ein Schutzgebiet auszuweisen", erklärt er. Dieser Prozess dauere fünf bis zehn Jahre. "Es ist nicht alles in Ordnung, wir müssen ständig daran arbeiten. Wir werden immer genügend Wasser haben, aber ob wir die Qualität so halten können, kann ich nicht sagen."

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