CDU-Stadtverband-Vorsitzender Dr. Michael Räckers (M.) hält sowohl Armin Laschet (l.) als auch Markus Söder für geeignet, um bei der Bundestagswahl im September ein gutes Ergebnis einzufahren. © Grafik Nina Dittgen
Interview

Krise und Kanzlerkandidatur: Ahauser CDU-Chef sieht „Luxusproblem“

Die Union steckt in einer schweren Krise. Die K-Frage sorgt aktuell für große Diskussionen. Dr. Michael Räckers von der Ahauser CDU sieht dennoch Chancen, bei der Bundestagswahl gut abzuschneiden.

Die Christdemokraten stecken im Umfragetief. Die Sorgenfalten wachsen – auch an der Basis. Dr. Michael Räckers, Fraktionschef der CDU im Stadtrat und Vorsitzender des Stadtverbandes Ahaus, spricht im Interview unter anderem über die „K-Frage“, die Kritik an Jens Spahn und die Bundestagswahl im September.

Herr Räckers, die Negativ-Schlagzeilen rund um die Union reißen nicht ab: Korruptionsvorwürfe, Machtvakuum, Impfdebakel… Wie blickt die Basis auf das, was gerade auf Bundesebene passiert?

Wenn man auf die Maskendeals schaut, sind da Dinge passiert, die gar nicht gehen. Da mussten Konsequenzen gezogen werden. Wer eine solche Situation wie die Corona-Krise ausnutzt, um sich selbst zu bereichern, hat im Parlament nichts verloren. Wichtig ist mir, dass nicht pauschal geurteilt und dass jeder Fall differenziert betrachtet wird. Aber keine Frage, solche Vorfälle werfen ein schlechtes Licht auf die gesamte Partei.

Sie sagen, es wird pauschal geurteilt. Müssen auch Sie und Ihre Ahauser Kollegen sich rechtfertigen?

Ja, wir werden viel darauf angesprochen. Egal ob auf der Straße oder dem Wochenmarkt. Manchmal ist das frustrierend. Es gibt auch einige in unseren Reihen, die keine Lust mehr haben, ihr Gesicht für die Fehler von anderen hinhalten zu müssen.

Es sind nur noch fünf Monate bis zur Bundestagswahl. Der CDU/CSU droht ein historisches Debakel. Was muss jetzt passieren, damit genau das abgewendet wird?

Es ist Fluch und Segen zugleich, dass wir derzeit das Land regieren. Als es gut lief, schossen die Umfragewerte nach oben. Jetzt hinken wir aus den genannten Gründen hinterher. In beide Richtungen kann es schnell kippen. Klar ist: Wer nicht handelt, kann auch keine Fehler machen. Es muss nun das oberste Ziel sein, so schnell wie möglich den Impfstoff in die Fläche zu bekommen. Nur das ist der Weg zurück zur Normalität.

Ein Problem, das viele potenzielle CDU-Wählerinnen und -Wähler sehen, ist das fehlende Profil der Partei. Dazu haben auch 16 Jahre Angela Merkel beigetragen. Wofür stehen die Christdemokraten eigentlich, außer für Machterhalt?

Für eine ideologiefreie Politik; eine Politik der Notwendigkeiten. Unter Angela Merkel wurden zum Beispiel die Aussetzung der Wehrpflicht und die Ehe für alle beschlossen. Das waren pragmatische, nicht-ideologische Entscheidungen. Wenn die Gesellschaft sich entwickelt, muss auch die Politik sich entwickeln. Die Zielgruppe der CDU ist und bleibt die viel zitierte Mitte.

Natürlich muss sich Politik, unabhängig von den genannten Beispielen, entwickeln. Aber läuft die CDU mit diesem Kurs nicht auf Dauer Gefahr, wie ein Fähnlein im Wind wahrgenommen zu werden? Eigentlich steht die CDU, allein schon durch das „C“ im Namen, für bestimmte Werte.

Es ist ein schmaler Grat, keine Frage. Hier und da ist es Auslegungssache. Die Aussetzung der Wehrpflicht und die Ehe für alle waren keine einfachen Entscheidungen für uns, ganz sicher aber keine Trends oder Hypes. Angela Merkels Stärke war und ist es, zu sehen, wie sich eine Gesellschaft langfristig entwickelt. Sie hat viele Dinge auf den Weg gebracht, ohne die Prinzipien der CDU dafür über den Haufen zu werfen. Armin Laschet hat es seit 2017 in NRW ähnlich gehandhabt und das Land damit auf einen guten Weg gebracht.

Apropos Armin Laschet. Die berühmte „K-Frage“ wird gerade hoch und runter diskutiert. Braucht es nun eine schnelle Entscheidung?

Klar ist: Wir haben keine vier bis sechs Wochen mehr Zeit. Es ist wichtig, dass zeitnah entschieden wird, wer für die Union als Kanzlerkandidat ins Rennen geht.

Wer ist Ihr persönlicher Favorit?

Als CDU-NRW-Mitglied sehe ich, dass Armin Laschet gute Arbeit leistet. Wir haben aber den Luxus, dass beide Kandidaten – Markus Söder und Armin Laschet – bewiesen haben, dass sie es können. Am Ende ist mir aber Düsseldorf näher als München.

Vor wenigen Monaten haben wir noch darüber diskutiert, ob Jens Spahn zum Kanzlerkandidaten werden könnte. Seitdem ist vieles auf den gebürtigen Ahauser eingeprasselt: ominöses Spenden-Dinner, Millionen-Villa, Fehler im Umgang mit der Pandemie. Steht er zu Recht in der Kritik?

Ich finde, der Umgang mit Jens Spahn war nicht immer fair, da wird vieles auch über-moralisiert. Natürlich waren da teilweise Summen im Spiel, die für den normal arbeitenden Menschen irritierend wirken. Aber wer in dieser Position steht und eine solche Verantwortung trägt, hat meiner Meinung nach auch dieses Einkommen verdient. Dass die Presse mit Argusaugen jeden seiner Schritte verfolgt, zeigt meiner Meinung nach nur, wie wichtig und bedeutsam Jens Spahn geworden ist. Alles in allem betrachtet, macht er einen guten Job. Schon vor der Pandemie gehörte er mit Abstand zu den fleißigsten Ministern. Als Gesundheitsminister hat er viele Gesetze auf den Weg gebracht. Wenn es um die Bekämpfung der Pandemie geht, müssen am Ende den Worten einfach Taten folgen. Wenn Jens Spahn das schafft, hat er die Leute schnell wieder hinter sich versammelt.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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