Kritik am Rückholflieger: Flughafenverband sieht angemessene Maßnahmen

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Auch Kritik hat die Reportage von Madlen Gerick über die Rückholaktion aus Bolivien hervorgerufen: nämlich an den Sicherheitsvorkehrungen an deutschen Flughäfen. Wir haben nachgehakt.

Ahaus

, 06.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf großes Interesse war die Reportage unserer Reporterin Madlen Gerick über ihren Rückholflug aus Bolivien gestoßen. Durchaus für Irritationen hatte die Schilderung ihrer Ankunft am Flughafen Frankfurt gesorgt – ein Leser vermutete, Madlen Gerick habe „massive Mängel im Sicherheitssystem deutlich entlarvt“, was auf deutschen Flughäfen bezogen auf Corona-Prävention passiere, sei „ein Skandal“; dort würden „dem Virus Tür und Tor geöffnet“.

Unterstützt wurde diese These von Medienberichten, dass sich Mitarbeiter des Fraports beschwert hatten, dass es dort so gut wie keine Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel vorrätig gebe.

Keine besonderen Kontrollen nach Ankunft

„Wir haben uns schon ein wenig gewundert, dass es für uns keine weiteren Kontrollen am Flughafen gab“, berichtet Madlen Gerick auf Nachfrage. „In Bolivien wurde das Thema Schutzausrüstung schon großgeschrieben, dort ist aber sicher die Angst vor der Pandemie ungleich größer“, so Gerick.

In Deutschland angekommen, seien diese Vorkehrungen nicht so ausgeprägt gewesen – organisatorisch waren aber schon Maßnahmen ergriffen worden wie Abstandsregelungen, die Bildung von kleineren Gruppen oder auch getrennte Gepäckbänder. Und: „Es gab unterwegs Abfragen, ob ein Fluggast Symptome aufweise“, so Gerick. „Es war insgesamt aber auch sehr leer am Flughafen.“

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So ist es an den meisten Flughäfen derzeit. Was muss denn umgesetzt werden und wo liegt die Zuständigkeit? Auf Nachfrage beim nächstgelegenen Verkehrsflughafen, dem Flughafen Münster-Osnabrück (FMO), konnte Pressesprecher Andrès Heinemann allein an den Flughafenverband ADV verweisen: „Wir haben aktuell gar nicht den Verkehr, um die Maßnahmen umzusetzen. Es starten und landen nur noch kleine Privatflieger. Als wir die letzten Rückkehrer von Großmaschinen hatten, wurden die Maßnahmen gerade erst hochgefahren.“

Abgestimmte Maßnahmen deutschlandweit

Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des ADV, erklärt grundsätzlich: „Die deutschen Flughäfen haben sich in Abstimmung mit den Behörden auf eine Reihe von Maßnahmen verständigt. Gemeinsam werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, die gesundheitsschützenden Regelungen mit sofortiger Wirkung in den operativen Bereichen an den Flughäfen umzusetzen.“

Dazu zählten Vorgaben und Informationen zu Hygiene- und Verhaltenshinweisen, regelmäßige Terminaldurchsagen, Abstandsregelungen, aber auch Bodenmarkierungen sowie Prozessanpassungen bei Kontrollen. Die Anordnung von Schutzausrüstungen oder auch Desinfektionsmaßnahmen obliege dem Betreiber.

Konkret: Lägen Verdachts- oder bekannte Infektionsfälle vor – auch wenn sich diese auf dem Flug erst ergäben –, so dürften die Kapitäne nur noch die sogenannten IGV-Flughäfen gemäß den Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) anfliegen.

Dazu zählt neben Düsseldorf, Hamburg und München eben auch Frankfurt am Main. „Dann erfolgt umgehend die Meldung direkt an die zuständige Gesundheitsbehörde, die dann übernimmt“, erklärt Sabine Herling, Pressesprecherin beim ADV.

Zuständigkeit liegt bei den Behörden

Die Bundesministerien des Innern und der Gesundheit hätten zudem tiefgreifende Maßnahmen angeordnet: So dürfen Flugreisende aus Nicht-EU-Staaten nicht mehr in den Schengenraum einreisen, gleichlautende Regelungen gelten auch für ankommende Reisende aus Risikogebieten innerhalb der EU.

Auch die sogenannten Aussteigekarten kommen zum Einsatz, um die Kontaktdaten von Passagieren im Infektionsfall zur Eindämmung und Nachverfolgung von Infektionsketten nutzen zu können.

Hinzu kommt eine im Anschluss angeordnete verpflichtende oder empfohlene Quarantäne. „Die Entscheidung dazu liegt bei den zuständigen Gesundheitsbehörden der Länder“, ergänzt Herling. Weiter: „Wenn es keinen Verdacht gibt und der Flug nicht aus einem Risikogebiet kommt, ist Quarantäne zunächst unbegründet", so Sabine Herling. Bolivien gilt aktuell nicht als internationales Risikogebiet.

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An den deutschen Flughäfen gebe es für den Ernstfall detaillierte Notfallpläne mit klaren Prozessabläufen. Dazu arbeiten die WHO, das Robert-Koch-Institut sowie die Bundes- und Landesgesundheitsbehörden eng und abgestimmt mit den Flughäfen zusammen.

Keine Anordnung für Fieber- und Gesundheitschecks

Die Situation einer möglichen Einschleppungsgefahr hierzulande wird durch die zuständigen Behörden fortlaufend neu bewertet. „Die Maßnahmen halten wir aktuell für angemessen“, so Ralph Beisel.

Anpassungen obliegen den Gesundheitsbehörden. Es gebe derzeit keine Anordnung, dass alle ankommenden Fluggäste in Deutschland sich einem Fieber- oder Gesundheitscheck unterziehen müssen, so Sabine Herling: „Der Pilot muss über alle in Deutschland landenden Flüge eine Meldung über die Herkunft seines Fluges sowie den Zustand der Passagiere an Bord geben. Danach entscheidet das zuständige Gesundheitsamt über das weitere Vorgehen und die Notwendigkeit einer gesundheitlichen Betreuung.“ Letztlich sei man auch auf die Verlässlichkeit der Fluggesellschaft angewiesen.

Das Corona-Krisenkabinett der Bundesregierung hat sich übrigens nicht auf eine bundeseinheitliche Verpflichtung zur häuslichen Quarantäne nach Einreise aus einem Nicht-EU-Staat verständigt. In Regierungskreisen hieß es, ein entsprechender Vorschlag aus dem Innenministerium sei auf wenig Resonanz gestoßen.

Da für die meisten Nicht-EU-Bürger – wie gesagt – derzeit ein Einreiseverbot gilt, hätte dies im Wesentlichen Deutsche und Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis und Wohnort in Deutschland betroffen.

  • Update Montagnachmittag: Deutsche, EU-Bürger und langjährig in Deutschland lebende Ausländer sollen künftig grundsätzlich für zwei Wochen in häusliche Quarantäne, wenn sie aus dem Ausland in die Bundesrepublik zurückkehren. Auf diese Empfehlung an die Bundesländer einigte sich das Corona-Krisenkabinett in Berlin. Wie aus dem Beschluss hervorgeht, gilt die neue Regelung aber erst ab dem 10. April und nur für Menschen, die sich für mehrere Tage im Ausland aufgehalten haben – und damit nicht für Berufspendler. Außerdem gibt es Ausnahmen für bestimmte Gruppen wie etwa Lastwagenfahrer und medizinisches Personal.
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