Richter Bernhard Rottstegge geht in den Ruhestand. 33 Jahre war er am Amtsgericht Ahaus tätig. Bereut hat er diese Entscheidung nie. Und auch wenn er sich auf den Ruhestand freut, geht er doch auch mit einer Träne im Auge. © Stephan Rape
Ruhestand

Richter Rottstegge legt nach 33 Jahren am Amtsgericht Ahaus die Robe ab

Ein ganzes Berufsleben lang hat sich Bernhard Rottstegge mit dem Verbrechen in Ahaus und Umgebung beschäftigt. Jetzt steht der Richter kurz vor dem Ruhestand. Und würde doch gerne weitermachen.

Im besten Fall hatte man in den vergangenen 33 Jahren nichts mit Bernhard Rottstegge zu tun. Zumindest nicht beruflich. Denn der 64-Jährige ist seit 1988 Richter am Amtsgericht in Ahaus. Jetzt steht er kurz vor seinem Ruhestand.

Wie viele Verfahren er in dieser Zeit als Strafrichter oder am Jugendschöffengericht in Ahaus geführt hat, kann er nicht sagen. Viele. Denn Kriminalität begleite jeden. „Da reicht ja schon eine einfache Beleidigung. Fehlverhalten ist menschlich“, erklärt er. Und damit hat er sich ein Berufsleben lang beschäftigt.

Ein Glücksgriff, wie er sagt. Denn den Weg zum Richteramt schlug er erst nach einer Ausbildung beim Kreis Borken und dann nach dem Referendariat im Jura-Studium ein. Bis dahin wollte er eigentlich noch in der Verwaltung arbeiten. Im Rückblick für ihn die richtige Entscheidung.

Donnernde Richterstimme sorgt für Ruhe im Gerichtssaal

Fehlverhalten leistete sich auch manch Angeklagter noch im Gerichtssaal. Den verwies Richter Rottstegge dann mit donnernder Stimme zügig in die Schranken. „Wenn ich das Gefühl habe, belogen zu werden, ist eine Grenze überschritten“, sagt der Gronauer.

Natürlich hat es in dieser Zeit viele Verfahren gegeben, die ihm länger im Gedächtnis geblieben sind. Fälle, in denen er gegen sieben, acht oder neun Leute gleichzeitig verhandelte. Das liege aber schon Jahre zurück. Auch der ein oder andere Fall von fahrlässiger Tötung habe ihn bewegt. Meist sei es dabei um schwere Verkehrsunfälle gegangen. „Da schläft man auch mal schlecht“, sagt er.

Fälle nach Möglichkeit nicht mit nach Hause genommen

Er habe immer versucht, die Fälle nicht mit nach Hause zu nehmen. Das sei ihm auch meist gelungen. Aber gerade bei Missbrauchsfällen, sei das natürlich nicht möglich. Da sei dann auch die Vorbereitung auf die Verfahren nur schwer zu ertragen gewesen.

Mittlerweile würde auch Kinderpornografie immer häufiger eine Rolle in den Gerichtsakten spielen. In seinen Augen ganz klar eine Folge der Verbreitung des Internets: „Dieses Medium gab es ja früher einfach nicht. Kinderpornografische Bilder oder Videos zu verbreiten, war damals nicht so leicht möglich wie heute“, sagt er.

Insgesamt habe sich jedoch die Kriminalität nicht verschlimmert: Hier und da sei die Strafverfolgung schärfer und die Aufklärung dadurch besser geworden. Etwa bei Gewaltdelikten. „Die Polizei sieht genauer hin“, erklärt er. „Das Dunkelfeld, also die nicht angezeigten oder ermittelten Taten, sehen wir nicht“, macht er deutlich. Ein Blick in die Kriminalitätsstatistik der Polizei genüge ja: Insgesamt gehe die Kriminalität zurück.

Die Bleistiftzeichnung vom Sensenmann

Stichwort Gewalt: Wurde er nach einem Urteil einmal bedroht? Bernhard Rottstegge denkt einen Moment nach. „Vor Jahren hab ich zusammen mit einem Kollegen einmal Bleistiftzeichnungen vom Sensenmann zugeschickt bekommen“, sagt er und muss schmunzeln. Dabei sei es geblieben. Ja, als seine vier Kinder noch klein waren, habe er sich schon Sorgen darüber gemacht. Und darauf geachtet, wo und wann er sich mit ihnen bewegt hat. Doch nie sei er bedroht worden.

Eher im Gegenteil: „Mit dem ein oder anderen Angeklagten habe ich mich auch auf der Straße freundlich begrüßt“, sagt er im Rückblick.

Gerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ob er in der ganzen Zeit immer gerecht war, mag er nicht beurteilen. Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Was ist gerecht?“ Das sei ja eine philosophische Frage. Er habe versucht, sich immer in den Grenzen der Verfahrensordnung, des Straf- und Zivilrechts zu bewegen. Dass derselbe Sachverhalt vor Gericht immer zum selben Ergebnis komme, sei wünschenswert, aber Fiktion. „Es hat sicher Verfahren gegeben, in denen ich zu einer falschen Entscheidung gekommen bin“, sagt er. Fehler, die dann in einer folgenden Instanz korrigiert werden müssen.

Er selbst habe sich aber über die Jahre verändert. „Als junger Richter war ich nach der Vorbereitung und nach Aktenlage voreingenommener“, gibt er zu. In der Verhandlung sei er dann oft von der Beweisaufnahme überrascht worden. „Da hat sich die Situation ganz anders dargestellt und ich musste umdenken“, erklärt er. Mittlerweile sei er da deutlich zurückhaltender.

Verständnis für Angeklagte

Einen Rat möchte er seinen Nachfolgern nicht mit auf den Weg geben. Die sollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Er wirbt aber darum, auch den Angeklagten Empathie und Verständnis entgegenzubringen. Gerade am Jugendschöffengericht: „Da gibt es viele schwere Biografien“, sagt er. Auch eine harte Strafe ändere daran nichts, befördere manchmal sogar einen Rückfall. „Man muss immer nach einer Erziehungsmöglichkeit suchen“, sagt er. Im Vergleich zu anderen stehe die deutsche Justiz gut da.

Doch was macht ein Richter, wenn er nach so langer Zeit im Gericht in den Ruhestand geht? Engagiert er sich als Schiedsmann? „Nein, das habe ich nicht vor“, sagt er ganz deutlich. Auch eine zweite Karriere als Anwalt, wie es einige seiner Kollegen tun würden, strebe er nicht an. „Nach so langer Zeit soll es in meinem Leben noch etwas anderes als Jura geben“, sagt er lachend. Auch wenn ihm der Beruf heute noch viel Spaß mache und er die Pensionierung durchaus zwiegespalten sieht.

Aber er denkt auch an seinen großen Garten, Reisen mit dem Wohnwagen oder auch sein ehrenamtliches Engagement in seiner Kirchengemeinde.

Ein paar Mal wird er die Richterrobe noch überstreifen. Seinen letzten Arbeitstag hat er am 7. Juni, offiziell pensioniert wird er Ende Juli. Nur einen großen Abschied wird es nicht geben. Die Pandemie. „Das hatte ich mir auch anders vorgestellt“, sagt er lachend.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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