Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

hzTrockener Wald

Der Augustregen lässt den Wald aufatmen, aber er kommt zu spät. Viele Buchen in Ahaus sind dem Tod geweiht. Und Fichten haben kaum eine Zukunft. Ein Waldspaziergang mit der Revierförsterin.

Ahaus

, 22.08.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der nasse Wald in Averesch duftet erdig schwer. Die glatten Buchenstämme glänzen dunkel im Regen. Hier und da in den Baumkronen sprießen sogar wieder frische Buchenblättchen an jungen Zweigen. So macht ein Waldspaziergang Spaß.

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Der Blick in die lichten Baumkronen verheißt in diesem Sommer nichts Gutes. Hitze und anhaltende Trockenheit lassen nicht wenige Buchen absterben. © Stefan Grothues

Revierförsterin Christina Frost schreitet voran, mit kniehohen grünen Gummistiefeln durch den Farn. Die Fachfrau sieht weniger das Idyll, sie sieht die traurige Realität: Der Wald stand zu lange unter Hitze- und Dürrestress. Viele Buchen sind dem Tod geweiht.

100-jährige Buchen sind verdurstet

Die Försterin bleibt an einem stolzen Baum stehen. Rund 120 Jahre ist diese Buche alt, schätzt Christina Frost. Sie zeigt in die lichte Baukrone. Mitten im Sommer ist sie an den meisten Ästen winterkahl. Und am Stamm zeigen sich kahle Flecken. handtuchgroße Stücke der Rinde sind zu Boden gefallen.

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Dürregeschädigte Buchen verlieren große Teile ihrer Rinde und sterben ab. © Stefan Grothues

„Für diese Buche kommt der Regen zu spät“, sagt Christina Frost. Wassermangel, hohe Temperaturen und ein „Sonnenbrand“ auf dem Stamm lassen den Baum sterben. Mit einem weißen Sprühstrich auf der Rinde hat Christina Frost sein Schicksal besiegelt. Die Waldarbeiter wissen nun, dass sie diesen Baum fällen müssen.

Fünf bis zehn Prozent der Buchen betroffen

Die Buche ist kein Einzelfall. Rund 50 einhundertjährige Bäume hat Christina Frost allein in diesem etwa vier Hektar großen Waldstück mit der Spraydose markiert. Das sind etwa fünf bis zehn Prozent der Bäume.

Für die Revierförsterin Christina Frost ist die wirtschaftliche Nutzung des Waldes ein wichtiger Teil ihres Berufs. Für Waldromantik bleibt da wenig Raum. Dennoch sagt sie: „Das ist irgendwie schon traurig, diese Bäume vor ihrer Zeit sterben zu sehen. In diesem Ausmaß habe ich das noch nicht erlebt. Es gibt für einen Förster schönere Arbeiten.“

Tote Bäume auch am Karnickelberg

Das Buchensterben kann der Laie besonders augenfällig am „Karnickelberg“ besichtigen. Das beliebte Ausflugsziel für Spaziergänger, Radfahrer und Kindergärten im Norden der Stadt Ahaus wird wohl stark ausgelichtet werden müssen.

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Dem Tode geweiht: Kahle Buchenkronen am Karnickelberg © Stefan Grothues

„Hier spielen auch Fragen der Verkehrssicherung eine Rolle“, sagt Christina Frost mit einem skeptischen Blick in die kahlen Kronen. „Aus vertrockneten Buchen brechen schnell dicke Äste heraus“, erklärt die Försterin.

Fichten gehören nicht mehr ins Münsterland

Ortswechsel. Anderthalb Kilometer entfernt steht Christina Forst nun auf einer Lichtung. Hier stand vor anderthalb Jahren noch ein stolzer Fichtenwald. Dann wütete im Januar 2018 das Orkantief Friederike. Ihm folgten die Waldarbeiter. Nun säumen nur noch rund 100 Fichten das freie Areal.

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Zuerst hat Orkantief Friederike dem Fichtenbestand zugesetzt. Nach der Durchforstung folgten die anhaltende Trockenheit und der Borkenkäfer. In diesem Waldstück im Thiebrink sollen nun auch die restlichen Fichten bis auf wenige junge Fichten gefällt werden, sagt Försterin Christina Frost. © Stefan Grothues

Auch sie werden nun fallen. „Diese Bäume sollten eigentlich stehen bleiben“, sagt Christina Frost. Doch dann kam die Trockenheit und schwächte die Fichten, die nun dem Borkenkäfer nichts mehr entgegenzusetzen haben. „Es war so trocken, dass sich die Fichten nicht mit Harzfluss gegen die Käfer wehren konnten.“

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Borkenkäfer © dpa

Angesichts des spürbaren Klimawandels zieht Revierförsterin Christina Frost nun den Schluss: „Die Fichte ist kein Baum fürs Münsterland. Hier ist es zu warm und zu trocken.“ Sie rät den Waldbesitzern bei der Wiederaufforstung zu anderen Baumarten. Folgen die Waldbesitzer ihrem Rat? „Die meisten schon, aber nicht alle“, sagt die Försterin. Schließlich gelte die Fichte vielen Waldbesitzern als ertragreicher „Brotbaum“ – auch wenn der Holzpreis derzeit im Keller ist.

Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

Stamm einer vom Borkenkäfer befallenen Fichte © dpa

In wenigen Wochen geht Christina Frost in Mutterschutz. Bis dahin hat sie noch alle Hände voll zu tun, deutlich mehr, als sie in diesem Frühjahr ahnte. Sie markiert die Bäume, die gefällt werden müssen, plant mit den Waldbesitzern die Wiederaufforstung, koordiniert die Unternehmen, die das umsetzen müssen.

Wald ist ein Mehrgenerationen-Projekt

„Wir treffen jetzt mit den Neuanpflanzungen Entscheidungen für die übernächste Generation“, sagt Christina Frost. Sie rät daher den Waldbesitzern, nicht alles auf eine Karte zu setzen. „Den einen idealen Baum gibt es nicht“, sagt die Försterin. Vielfalt mache den Wald stark. Aber sie hat auch konkrete Empfehlungen, die je nach den spezifischen Lagen und Bodenverhältnissen variieren können.

  • Die Eiche ist der Baum Nummer 1 in den Wäldern rund um Ahaus, sagt Christina Frost. Der tiefwurzelnde Baum ist mit den trockenen Sommern 2018 und 2019 relativ gut klar gekommen.
    Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

    Eichenstamm © dpa


    Auch der massenhaft auftretende Eichenprozessionsspinner habe den Eichen keinen ernsthaften Schaden zufügen können. Die Anpflanzung neuer Eichen hält Christina Frost für uneingeschränkt empfehlenswert.

  • Die Buche ist trotz ihres großen Wasserbedarfs ein Zukunftsbaum im Münsterland.
    Später Regen rettet sterbende Buchen und Fichten nicht mehr

    Buchenstamm © Stefan Grothues


    Jüngere Buchen kommen mit den Folgen des Klimawandels besser zurecht als ältere Exemplare in exponierten Lagen. Naturverjüngung, also die natürliche Saat, ist ein gutes Mittel, widerstandsfähige Wälder zu fördern.

  • Aber auch Nadelbäume haben im Münsterland eine Zukunft. Kiefern, Douglasien und Lärchen kommen mit den wärmeren und trockeneren Sommern besser klar als die Fichte.

  • Auch Bäume aus dem Mittelmeerraum oder aus Amerika können aus Sicht der Försterin geeignet sein, die neuen klimatischen Verhältnisse zu meistern: Edelkastanie, Hemlocktanne, Küstentanne oder Weißtanne.

Ist die Lage im Wald derzeit katastrophal? Christina Frost überlegt kurz. Das Wort scheint ihr nicht zu gefallen. „Der Wald ist immer ein Mehrgenerationen-Projekt. Es gab auch in den vergangenen Jahrhunderten viele kritische Situationen. Es hilft ja nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen uns den Herausforderungen des Klimawandels stellen, nicht mit dem einen richtigen Baum, sondern mit einer vielfältigen Mischung in einem gesunden Ökosystem.“

Wald in Gefahr

  • 940.000 Hektar von insgesamt 3,4 Mio. Hektar in NRW sind bewaldet. Der Wald ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Wirtschaftsfaktor, Erholungsraum.
  • Die Fichte ist mit einem Anteil von 338.850 Hektar (37 Prozent) die häufigste Baumart in NRW.
  • Eiche und Buche sind mit 16 Prozent im Land gleich stark vertreten.
  • Einen Anteil von 11 Prozent haben Kiefer, Lärche und Douglasie am Waldbestand.
  • Weitere Laubholzsorten kommen auf 20 Prozent Fläche.
  • Seit 2018 sind bereits Millionen von Bäumen in NRW abgestorben. Durch Sturm und Trockenheit.
  • Die Kommunen haben die Verantwortung der Verkehrssicherung und müssen kranke Bäume fällen. In Ahaus sind hiervon 70 Bäume betroffen.
  • Qelle: Internetseite Wald und Holz
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