Spazieren gehen am Industriepfad, wo früher Tausende Ahauser täglich zur Arbeit gingen

hzIndustriepfad Ahaus

Am Weg entlang der Aa kann sich jeder über die Geschichte des Ortes informieren: Vier große Unternehmen gab es dort rund um den Industriepfad. Auch ein dunkles Kapitel wird nicht ausgespart.

Ahaus

, 18.12.2019, 11:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

An der Aa spazieren gehen und etwas über die Stadtgeschichte erfahren – das ist in Ahaus möglich. Schon seit einigen Monaten stehen fünf Tafeln am Wegesrand, nun ist die sechste und letzte auch aufgestellt worden und der „Industriepfad“ ist komplett. Die kleine Geschichtsmeile ist am Dienstag offiziell eingeweiht worden.

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An der Straße Hovesaat, wo es an der Ecke des Netto-Parkplatzes hinunter geht zum Fuß- und Radweg entlang der renaturierten Aa, steht an der Ruhebank das neueste Schild – dort versammelten sich Vertreter der Stadtverwaltung, der Kommunalpolitik und des Heimatvereins. Das Schild gibt einen Überblick über die Standorte der vier seinerzeit großen Industriebetriebe der Stadt: Die Tabakfabrik Oldenkott im Schloss (gegründet 1819), die Schuhfabrik Dües (gegründet 1820), die Westfälische Zündwarenfabrik (gegründet 1881) und die Westfälische Jutespinnerei und Weberei van Delden (1883).

Spazieren gehen am Industriepfad, wo früher Tausende Ahauser täglich zur Arbeit gingen

Zur offiziellen Einweihung des Industriepfads fanden sich Vertreter der Stadtverwaltung, der Kommunalpolitik und des Heimatvereins am Industriepfad ein. Auf Metalltafeln wird über die Geschichte von vier Ahauser Industrieunternehmen informiert. © Anne Winter-Weckenbrock

„Wenn man sich umsieht, fast nur Wohnhäuser“, sagte Werner Leuker mit Blick auf das Wohngebiet Jutequartier. „Und früher sind hier viele Menschen Tag für Tag zur Arbeit gegangen.“ Um die Erinnerung daran wachzuhalten, sei nach vielen Diskussionen die Idee für den Industriepfad entstanden. „Viele haben sich eingesetzt und viele Infos gesammelt“, blickte der Beigeordnete zurück. Er nannte besonders Rudolf Hegemann vom Heimatverein. „Rudi könnte hier bis zum Dunkelwerden referieren, ohne sich zu wiederholen“, lobte er schmunzelnd das große Wissen des Ahausers um die Industriegeschichte der Stadt.

Wo Tausende früher zur Arbeit gingen in Ahaus

Dr. Margret Karras vom Fachbereich Bildung, Kultur und Sport der Stadt Ahaus brachte es in ihrer kurzen Rede auf den Punkt: „Da haben fast alle Ahauser ihr Brot verdient.“ Die vier Betriebe rund um die Aa hätten viele Arbeitsplätze in Ahaus geboten. Zunächst auch Heimarbeit, zum Beispiel wurden für die Schuhfabrik das Holz und das Leder für die Schuhe vielerorts in Wohnstuben zusammengesetzt. „Aber nach und nach hat sich die Industriearbeit durchgesetzt“, erläuterte sie.

Spazieren gehen am Industriepfad, wo früher Tausende Ahauser täglich zur Arbeit gingen

Die letzte Edelstahltafel, die vor kurzem aufgestellt wurde, macht den Industriepfad komplett: Auf dieser gibt es eine Übersicht über die Standorte der Unternehmen. © Anne Winter-Weckenbrock

Die Jutefabrik war mit rund 1500 Arbeitsplätzen seinerzeit der größte Arbeitgeber. Die Tabakfabrik schloss im Jahr 1929, aber auch die Zündholz- und die Schuhfabrik waren über lange Zeit große Arbeitgeber. Ahaus wuchs an Einwohnern, Betriebswohnungen wurden gebaut, neue Siedlungen entstanden wie etwa Oldenburg, wie Dr. Karras im Gespräch mit der Redaktion ergänzte.

Außer einiger Straßennamen wie Stikkenweg oder Jutestraße erinnere im Stadtbild nichts mehr an die Betriebe. Im März 2010 war der Schornstein der Zündholzfabrik gesprengt worden – damit verschwand der letzte weithin sichtbare Zeuge der Ahauser Industriegeschichte aus dem Ortsbild. Der Industriepfad solle die Erinnerung wach halten.

Spazieren gehen am Industriepfad, wo früher Tausende Ahauser täglich zur Arbeit gingen

Auf den Tafeln entlang des Industriepfads werden die vier Unternehmen mit einer Abbildung und einem kurzen Text porträtiert. © Anne Winter-Weckenbrock

Auch an ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte wird erinnert, an die Zeit des Nationalsozialismus. „Eine schlimme Zeit, die auch an den Industriebetrieben nicht vorbei gegangen ist“, so Margret Karras. Auf halber Strecke des Industriepfads ist auf einer Texttafel vom Schicksal der Zwangsarbeiter in Ahaus zu lesen. „3500 Zwangsarbeiter sind namentlich bekannt“, sagte Karras.

Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter

Unter einem symbolhaften Stacheldrahtkranz sind auf der Metalltafel die Informationen zusammengefasst. Auch das Schicksal einer jungen Frau, die im Erziehungslager für Frauen misshandelt wurde und an den Folgen starb, sowie viele Zwangsarbeiter, die bei den Bombardierungen ums Leben kamen, wird erinnert.

Auf den weiteren Tafeln gibt es jeweils kurze Porträts und Abbildungen der vier Unternehmen.

Der Industriepfad

  • Die Edelstahltafeln am „Industriepfad“ sind entlang der Aa von der Straße Hovesaat bis zur van-Delden-Straße aufgestellt.
  • Die Jan-van-Delden-Stiftung für Denkmalschutz und Kultur hat das Projekt mit 5000 Euro unterstützt und damit das Projekt nahezu ganz finanziert. Den Restbetrag trägt die Stadt Ahaus.
  • Die Stadt Ahaus, gegründet im Hochmittelalter um einen kleinen Herrensitz an der Aa, erlebte nach einer langen Blütezeit als fürstbischöflich-herrschaftlicher Mittelpunkt im Westmünsterland in der Frühzeit der Industrialisierung einen neuen Aufschwung.
  • Das 19. Jahrhundert war geprägt von der Ansiedlung erster Großbetriebe. Nicht mehr die vielen kleinen Handwerksbetriebe, sondern die industriell arbeitenden Firmen waren Motor für die boomende Wirtschaft.
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