Stoffmasken für den guten Zweck genäht – und Beschwerde eingehandelt

hzCoronavirus in Ahaus

Ulrike Beckering und einige Mitstreiterinnen lassen seit Wochen die Nähmaschinen rattern. Sie nähen Behelfsmasken aus Stoff. Diese finden reißenden Absatz. Das führte zu einer Beschwerde.

Ahaus

, 22.04.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

An diesem Dienstagvormittag um kurz nach 11 Uhr – noch vor Verkündung der ab 27. April geltenden Maskenpflicht – stehen zehn Menschen

im Schatten vor dem Haus am Markt 2 Schlange. Mit genügend Abstand zueinander.

Infos

  • Der Preis pro Mundschutz beträgt vier Euro – drei Masken gibt es für zusammen zehn Euro.
  • Das Verkaufsfenster am Markt 2 ist täglich von 11 bis 12 Uhr geöffnet.
  • Aus hygienischen Gründen sind die Masken vom Umtauch ausgeschlossen.
  • Der gebrauchte Mundschutz kann mehrmals täglich, spätestens abends, in die Kochwäsche (60 oder 90 Grad) gegeben werden.
  • Dieser Behelfs-Mundschutz ist mehr als „Schutz für die anderen“ gedacht. Wichtiger ist, den nötigen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen zu halten und vor allem oft die Hände mit Seife zu waschen.

Alle wollen Behelfsmasken aus Stoff kaufen, die Mund und Nase bedecken, und haben beim Warten Zeit, die Aushänge zu lesen, die Ulrike Beckering an das Gebäude gehängt hat. Unter anderem ist zu lesen „Stück vier Euro, drei Stück zehn Euro, Einnahmen für einen humanitären Zweck“.

Stoffmasken für den guten Zweck – und dann eine Beschwerde

Den „humanitären Zweck“ hat ihr jemand wohl nicht abgenommen, meint Ulrike Beckering und lehnt sich beim Besuch der Redaktion für einen Augenblick von der Nähmaschine zurück. „Ich habe eine Anzeige bekommen“, sagt sie. Eine Abmahnung von einer Firma, die richtige Schutzmasken herstellt? Eigentlich nicht vorstellbar, weil Ulrike Beckering als ehemalige Krankenschwester in unserem Artikel über ihr Engagement betont hat, dass es sich um Behelfsmasken handelt. „Nein“, sagt die Ahauserin. Jemand aus der Nachbarschaft hatte wohl das Ordnungsamt informiert.

Eines Tages habe sie einen Anruf bekommen, und dann seien Mitarbeiter der Stadt bei ihr am Verkaufsfenster am Markt gewesen. Es habe eine Beschwerde gegeben, und man müsse der Sache nachgehen. Jemand hatte im Rathaus angerufen, weil seiner Meinung nach der Sicherheitsabstand nicht eingehalten worden war. Ob in der Schlange der Wartenden oder beim Verkauf?

Ordnungsamt hat sich Situation vor Ort angesehen

Als die Mitarbeiter vor Ort waren, bestand auf jeden Fall kein Handlungsbedarf, weder am Fenster noch in der Schlange noch sonstwie. Das bestätigt Stefan Hilbring, Pressesprecher der Stadt Ahaus, auf Anfrage. „Das Ordnungsamt hat sich das vor Ort angesehen und hatte nichts zu beanstanden. Es wurden keine weiteren Schritte eingeleitet.“

Ulrike Beckering hatte die Stadt-Mitarbeiter auch noch über die Adressaten der Spenden informiert. Und überhaupt könne sie nachweisen, dass alles seine Richtigkeit habe. Sie arbeitet ehrenamtlich für den guten Zweck, und nicht gewerblich, das sei alles belegt. „Gott sei Dank habe ich alles aufgeschrieben.“

Erst habe sie sich schon über die Beschwerde geärgert, aber die große Resonanz, der Zuspruch, die Hilfsbereitschaft der Menschen und zuletzt ein Anruf von Bürgermeisterin Karola Voß, die ihr sagte, sie solle sich nicht entmutigen lassen, ließen sie den Ärger vergessen.

Auch auf Nachfrage der Redaktion lobt die Ahauser Bürgermeisterin noch mal die rührige Bürgerin: „Nach meiner Kenntnis werden in der Privatinitiative – und dies schon ganz frühzeitig – selbst genähte „Mund- und Nasenmasken“ zu Gunsten eines guten Zwecks verkauft. Ich habe mich über das Engagement gefreut.“

Welle der Hilfsbereitschaft: „So was habe ich noch nicht erlebt“

Insgesamt überwiegen bei Ulrike Beckering ja auch die positiven Gefühle. Die Welle der Hilfsbereitschaft für ihr Projekt „So was habe ich noch nicht erlebt“, sagt sie. Der kleine Aufruf in der Münsterland Zeitung, dass ihr das Gummiband ausgehe, habe riesige Resonanz gehabt. Überhaupt: Nicht nur aus Ahaus, sondern auch aus Oeding und Vreden sei Material gespendet worden. „Von Firmen, aber auch ganz viel von privat.“

MASKENPFLICHT IN NRW

Das Land NRW hat jetzt auch eine Maskenpflicht eingeführt: Ab Montag, 27. April, ist das Tragen einer Maske beim Einkaufen sowie in Bussen und Bahnen verpflichtend. Das wurde am Dienstagvormittag bekannt.

So manches gute Stück aus der Aussteuer verarbeitet Ulrike Beckering nun zu Behelfsmasken. Baumwolle oder reines Leinen, manchmal auch Flanell. Sie hat einige Helferinnen an der Nähmaschine. Von der letzten Märzwoche an bis jetzt hat sie – oder auch ihr Bruder Dirk Beckering, der den Verkaufsdienst am Fenster mal übernimmt – 5000 Stoffmasken ausgegeben. Die 72-Jährige schaut selbst ungläubig, als sie die Zahl nennt.

Ein Foto vom Start des Verkaufs: Marion Bömer kam an dem Tag zufällig vorbei und kaufte bei Ulrike Beckering gleich mehrere Masken. Sie sagte: "Das ist ja eine super Idee" - und wollte in ihrer Nachbarschaft Werbung dafür machen.

Ein Foto vom Start des Verkaufs: Marion Bömer kam an dem Tag zufällig vorbei und kaufte bei Ulrike Beckering gleich mehrere Masken. Sie sagte: "Das ist ja eine super Idee" – und wollte in ihrer Nachbarschaft Werbung dafür machen. © Stefan Grothues (A)

Und es geht ja nun – wo die Maskenpflicht in ein paar Tagen gilt – munter weiter mit dem Verkauf. „Wir verkaufen täglich, so viel wir haben“, sagt Ulricke Beckering am Mittwoch am Telefon. Das stand bei ihr nicht still, als bekannt wurde, dass beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln jetzt Maske getragen werden muss.

Der Erlös aus dem Verkauf ist zum großen Teil für ein Hilfsprojekt in Litauen bestimmt. Sie hat guten Kontakt zu Virginius Veprauskas, dem Priester der katholischen Gemeinde im litauischen Kaunas. Die Gemeinde unterstützt wiederum Kinder, Jugendliche und Senioren vor Ort. Auch die Erlöse aus „Ulis Weihnachtslädchen“, in dem die Ahauserin Selbstgemachtes anbietet (wir berichteten), fließen dorthin.

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„Eigentlich wollte er jetzt hier sein“, erzählt Ulrike Beckering. Jetzt konnten sie nur telefonieren. Seit 2011 kommt der Pfarrer zwei Mal im Jahr aus Litauen zu Besuch und holt die Geld- und Sachspenden ab. Das geht nun in der Corona-Krise nicht. Aber wenn die Krise gemeistert ist, hofft Ulrike Beckering, dass der Besuch nachgeholt wird. Und dass Virginius Veprauskas, der Deutsch spricht, dann vielleicht eine Dankesmesse mit den hilfsbereiten Ahausern feiern darf.

Spenden für Litauen, Hospiz und Behinderten-Gemeinschaft

Aber weil der Erlös höher ausfallen wird als zunächst gedacht, will die Ahauserin nun den Kreis der Spenden-Adressaten erweitern: „Auf jeden Fall werde ich dem Elisabeth Hospiz in Stadtlohn und der Gemeinschaft Behinderter und ihrer Freunde in Ahaus-Gescher eine Summe spenden“, kündigt Ulrike Beckering an.

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