Tipps für gutes Ein- und Durchschlafen

Gerlinde Lamberty

Immer mehr Menschen leiden unter Schlafproblemen. Das geht aus dem in dieser Woche veröffentlichten DAK-Gesundheitsbericht hervor. Im Interview spricht Schlafforscherin und -trainerin Gerlinde Lamberty über Einschlaftipps, gesunden und ungesunden Schlaf und was das Smartphone damit zu tun hat.

AHAUS

, 13.05.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine griffige Formulierung lautet: Die Menschen laden über Nacht ihren Smartphone-Akku auf, aber nicht mehr ihren eigenen. Wie sehen Sie das?

So ist es. Die meisten haben aber auch keine Idee, wie sie schon tagsüber ihren Akku aufladen können. Der Tag, auch der Arbeitstag, ist so vorgesehen, dass er kleine Pausen hat. Eine Frühstückspause, eine Mittagspause. Die werden heute nicht mehr gemacht. Häufig wird einfach weitergearbeitet.

Welche Rolle spielt das Smartphone dabei?

Wenn es doch mal eine Pause gibt, wird dieses kleine Gerät aus der Tasche gezogen. Das führt dazu, dass die Menschen sich selbst in diesen Pausen damit beschäftigen, weiter Informationen aufzunehmen. Ein Gehirn kann das aber nicht ständig, so ist der Mensch nicht gemacht. Es heißt ja: Wenn das Gehirn satt ist, wird der Körper müde. Er hat aber keine Zeit mehr, müde zu werden. Das Smartphone sorgt dafür, dass der menschliche Körper an Funktion verliert.

Wie geschieht das?

Es gibt den Nervus vagus, den großen Ruhe-Nerv. Der braucht etwas ganz Einfaches zum Training, um fit zu bleiben: Ruhe. Unser Tagesablauf sieht diese Ruheabläufe nicht mehr vor. Viele schlafen mit dem Handy am oder im Bett. Der Körper ist 24 Stunden in Rufbereitschaft. Der Ruhe- Nerv wird nicht mehr trainiert und verliert an Funktion. Das können wir messen. Die Zahlen sind erschreckend. Regeneration ist die Basis allen Lebens. Wenn das nicht mehr stattfindet, verkürzen wir unser Leben von Tag zu Tag, das ist erwiesen.

Aber wir schlafen doch alle mal schlecht. Oder?

Da stimme ich Ihnen zu. Wir haben eine Erwartung an den Schlaf. Wir gehen abends müde ins Bett, schlafen durch und morgens wachen wir erholt auf. Das ist unsere Wunschvorstellung. Schlaf ist ganz anders. Durchschlafen, das gibt es nicht. Jeder Mensch wacht in jeder Nacht bis zu 28 Mal auf. Dessen muss man sich erst mal bewusst werden.

Gibt es überhaupt so etwas wie gesunden Schlaf?

Die meisten Mediziner sagen, zwischen sechs und acht Stunden Schlaf pro Nacht sind normal. Wie die Menschen selbst ihren Schlaf wahrnehmen, ist etwas ganz anderes. Es gibt Personen, die haben trotzdem das Gefühl, sie würden jede Nacht nur zwei Stunden schlafen.

Wo ist der Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Schlaf?

Jeder Mensch hat Phasen, in denen er schlecht schläft. Da ist dieses Grübeln, dass man in den Themen des Tages hängt und nicht einschlafen kann. Das ist normal. Es sollte sich aber spätestens nach vier bis sechs Wochen legen.

Das ist einfacher gesagt als getan. Was muss ich ändern?

Sie müssen Ihr Gedankengewusel steuern. Als Übung stellen Sie sich eine Tür vor, zum Beispiel die Tür zu Ihrem Arbeitsplatz oder zu einer bestimmten Situation. Diese Tür müssen Sie schließen und in einen Raum nur für sich gehen.

Apropos Arbeitsplatz. Wie schaffe ich es, dass ich schon tagsüber bei der Arbeit meinen Akku wieder ein wenig aufladen kann?

Ich habe eine Firma beraten und das Ergebnis war, dass eine Stunde pro Tag niemand mit dem anderen telefoniert. In dieser Stunde kann jeder in aller Ruhe etwas abarbeiten. Der überwiegende Teil von Mitarbeitern glaubt, dass er keine Zeit für Pausen hat. Es müssen ja nicht mehr Pausen sein. Es gilt, die gesetzlich vorgegeben Pausen bewusster zu gestalten.

Es gibt unzählige Tipps gegen Schlaflosigkeit - eine neue Matratze oder keine fetten Mahlzeiten am Abend. Wie wichtig sind solche Verhaltensregeln?

Das sind Tipps, die unseren Außenbereich betreffen. Letzten Endes liegt der Mensch im Bett und der muss mit sich umgehen. Die von Ihnen genannten Tipps gibt es seit Jahrzehnten. Hat sich etwas verbessert? 2010 litt jeder zweite Deutsche unter Schlafproblemen, das waren 50 Prozent. Heute sind wir bei 80 Prozent. Es werden jedes Jahr Unmengen Schlafmittel verschrieben. Tendenz steigend.

Was machen denn die restlichen 20 Prozent, die gut schlafen, richtig?

Wir wissen es nicht. Ich forsche darüber gerade gemeinsam mit der Uni Karlsruhe in einem Projekt. Ganz allgemein gilt: Mach den Schlaf zu deinem Freund. Es fängt schon bei der Erziehung an. Schicke ich ein Kind zur Strafe in sein Schlafzimmer? Sage ich ihm ständig: Du musst jetzt aber ins Bett! Oder lasse ich einen Sog entstehen: Darf sich das Kind darauf freuen, schlafen zu gehen, weil es im Bett so schön kuschelig ist. Je nach Verhaltensweise ist das Ergebnis unterschiedlich. Wir schlafen mindestens ein Drittel unseres Lebens. Wenn wir eine Lebensspanne von 75 Jahren zugrunde legen, sind das 25 Jahre. Das ist eine lange Zeit.

Welche Verhaltensregeln für den Alltag geben Sie in Ihren Seminaren?

Machen sie einfach mal monotone Arbeiten, bügeln sie oder fegen sie die Straße. Lassen sie die Spülmaschine aus. Spülen sie mal gemeinsam mit der Familie, mit der Hand. Dann ist Zeit für Gespräche. Und dann ist Ruhe. Schalten Sie das Smartphone aus, legen Sie es weg. Wir müssen die Stille um uns herum auch einfach mal aushalten.

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