Vom Ladenhüter zum Trend-Produkt: Nähmaschinen gefragt wie lange nicht

hzZweirad Müller

Die Nachfrage nach Nähmaschinen hat bei „Zweirad Müller“ in Ahaus über die Jahrzehnte stark abgenommen. Spätestens seit Corona hat sich der Trend aber gedreht. Es wird wieder genäht.

Ahaus

, 27.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Burchard Müller erblickte kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Ahaus das Licht der Welt. Sein Vater, Peter Müller, hatte sich 1936 in der Innenstadt selbständig gemacht; reparierte Fahrräder, Autos – und Nähmaschinen. Schon in jungen Jahren faszinierten Burchard Müller die Maschinen. Er erinnert sich noch genau daran, wie er als Kind bei einem neuen Modell der Marke „Pfaff“ einen Knopf abbrach und der Vater zur Sicherheit gleich drei Ersatzknöpfe bestellte.

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Einer davon liegt noch heute in der Schublade der Nähmaschinen-Abteilung bei „Zweirad Müller“. Hier verbringt der Senior-Chef auch im fortgeschrittenen Alter noch viel Zeit. Im Geschäft an der Coesfelder Straße ist und bleibt er der erste Ansprechpartner für Nähmaschinen. „Das ist sein Tanzbereich“, sagt sein Sohn Peter Müller und lacht.

Nachfrage sank über die Jahrzehnte

Lange Zeit war es ruhig geworden in dieser Abteilung. „Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Viele Geschäfte in der Region, die Nähmaschinen verkauft und repariert haben, sind mittlerweile geschlossen. Egal ob in Legden, Gronau oder Stadtlohn“, berichtet Burchard Müller. Die Maschinen, die früher traditionell im Wohnzimmer standen, wurden peu a peu in die Keller oder den Abstellraum verbannt. „Sie haben ja was mit Arbeit zu tun. Die Nähmaschinen mussten den Video- und Stereoanlagen weichen“, so Müller Senior.

Die Technik der Nähmaschinen hat sich extrem entwickelt. Heute kann man sie zum Beispiel mit dem Computer verbinden und Fotos sticken lassen.

Die Technik der Nähmaschinen hat sich extrem entwickelt. Heute kann man sie zum Beispiel mit dem Computer verbinden und Fotos sticken lassen. Die einfachen Muster haben die Maschinen natürlich trotzdem im Repertoire. © Johannes Schmittmann

Dazu kam die wachsende Konkurrenz aus Internet und den Discountern. „Der Markt wurde mit Billigware überflutet. Die Leute haben lange nicht kapiert, dass sie für knapp 100 Euro keine vernünftige Maschine bekommen können. Meistens hatte ich sie dann nachher doch bei mir auf der Matte stehen, wenn es zu ersten Problemen kam“, sagt er.

Seit zwei Jahren beobachtet er aber einen anderen Trend. Zwar ist die Konkurrenz nicht weniger geworden, aber das Interesse am Nähen wächst rasant. „Es sind überwiegend junge Menschen die zu mir kommen, weil sie etwas Kreatives schaffen wollen. Es ist wieder zu einem Hobby geworden.“

Corona-Krise als Katalysator

Die Corona-Krise wirkte dann als Katalysator. Gerade in der Anfangszeit rissen sich die Kunden um die Nähmaschinen. Grund: Alle wollten selbst Masken nähen. „Der Andrang war fast schon bekloppt. Wir hatten zwischenzeitlich keine mehr auf Lager.“ Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt, die Regale sind wieder gefüllt. Trotzdem kommt es auch aktuell noch zu Lieferengpässen.

Buchhard Müller berichtet: „Vor ein paar Tagen habe ich 20 Nähmaschinen bestellt. Die Lieferzeit wird mit April 2021 angegeben.“ Denn nicht nur in Ahaus ist die Nachfrage gestiegen, sondern auf der ganzen Welt. Die großen Marken wie Pfaff oder Brother kommen da kaum hinterher. „Sie können ihre Produktion nicht so schnell um 50 Prozent erhöhen, weil sie auf Zulieferer angewiesen sind“, weiß Müller.

Abkehr vom Wegwerf-Prinzip gewünscht

Insgesamt freut ihn aber der neue Trend. Was er sich jedoch noch wünscht: Die Abkehr vom Wegwerf-Prinzip. „Eine alte Marken-Nähmaschine geht eigentlich nicht kaputt und ist in ihren Grundfunktionen so gut wie eine neue. Sie muss aber ein bisschen gepflegt werden und man sollte auf die Qualität der Nadeln und des Garns achten.“

Auch aktuell stehen in den Regalen noch zahlreiche gebrauchte Maschinen, die Burchard Müller auf Vordermann gebracht hat. Eine einjährige Garantie stellt er seinen Kunden immer aus. Wer sie verlängern möchte, kann das für zehn Euro pro Jahr. Lachend sagt der Senior Chef: „Bei der Qualität der Maschinen bin ich mir sicher, dass das für mich kein Verlustgeschäft ist.“

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