Kinder und Jugendliche haben unter dem Lockdown gelitten. So wie Celina (17) aus Ahaus, die die Zeit dank ihrer Therapie gut überwinden konnte. © Symbolfoto: Marie-Therese Gewert
Kinder und Jugendliche

Wie sich der Corona-Lockdown auf die Psyche der Jugendlichen auswirkt

Kinder und Jugendliche traf der Lockdown besonders. Die massiven Einschränkungen wirkten sich auf ihr psychisches Wohlbefinden aus. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Zwei Welten begegnen sich: Die Welt vorher. Ohne Corona. Und die Welt nachher. Mit Corona. Celina (17) aus Ahaus erinnert sich: Sie lebt mit ihren jungen 17 Jahren allein in einer eigenen, kleinen Wohnung, ist früh von zuhause ausgezogen.

Von jetzt auf gleich ist alles tabu

In der Welt vorher trifft sie sich mit Freunden, macht das, was Jugendliche so tun. Geht feiern, ins Kino, besucht Konzerte. Von jetzt auf gleich ist alles tabu. In der Welt nachher muss sie in Quarantäne. Die junge Frau fühlt sich in ihren eigenen vier Wänden eingesperrt. Ihre Gedanken finden umso mehr Raum: „Man ist viel mehr mit sich selbst beschäftigt“. Ein emotionaler Stress folgt. Mit ihren Gefühlen bleibt sie allein – und doch nicht ganz.

Hilfe in Therapeutischer Ambulanz für Familien

Sie bekommt Hilfe von Anne Höing, Gründerin der Therapeutischen Ambulanz für Familien (Taff) in Ahaus. Ohne ihre Therapeutin hätte Celina die Zeit nicht so gut überwunden. Seit knapp zwei Jahren ist sie bei ihr in Therapie, wird direkt aufgefangen, als der Lockdown beginnt: „Corona ist sehr anstrengend“, meint Celina und spricht wohl vielen jungen Menschen aus dem Herzen.

Anne Höing der Therapeutischen Ambulanz für Familien empfiehlt Familien, aktiv zu bleiben und gemeinsam etwas zu unternehmen.
Anne Höing der Therapeutischen Ambulanz für Familien ist mit Therapiehündin Pepper im Einsatz für Menschen, die Hilfe brauchen. © Marie-Therese Gewert © Marie-Therese Gewert

Hohe Belastung im Homeschooling

Eine hohe Belastung empfindet sie auch im Homeschooling. Was anfangs noch cool ist, wird schon bald nervig. Statt zwei Lehrblätter die Stunde wurden in manch einem Fach plötzlich zehn Aufgabenblätter verteilt: „Im Online-Unterricht haben wir nichts gelernt“, meint sie. „Ich frage mich, wie wir das alles unter einen Hut bringen sollen“.

Selbst wenn den Lehrern die Belastung klar ist, werden die Klausuren nicht einfacher. „Es sollte anders bewertet werden“, sagt die junge Frau und hat die Sorge, den Lernstoff nicht aufholen zu können. „Viele junge Menschen haben den Druck und die Angst, es nicht zu schaffen“, unterstreicht ihre Therapeutin Anne Höing.

Anfragen auf Paarberatung sind um das Dreifache gestiegen

In ihrer Ambulanz war Höing trotz Lockdown für ihre Patienten da: „Das, was wir erarbeitet haben, würde mit einem Therapiestopp einfach verpuffen“, erklärt sie. So gab es Videokonferenzen und Telefonate. Die Paarberatung sei bei ihr in der Ambulanz im vergangenen Jahr um das Dreifache gestiegen ist.

Ausgangsbeschränkungen rauben Freiheit

Wenn es keinen Rückzugsort mehr gibt und die persönliche Freiheit eingeschränkt wird, ist das kontraproduktiv. So empfindet das auch Celina: „Wir haben die Ausgangsbeschränkung ab 22 Uhr nicht verstanden. Tagsüber lernt man in der Schule und später darf man nicht mehr raus?“, merkt sie kritisch an. Gerade abends sei die Zeit, wo der Tag der Jugend beginnt. Ab Ende Mai ist der Präsenzunterricht in den Schulen wieder erlaubt: Celina freut sich darauf, die anderen wiederzusehen.

Hilfe schwer zu finden

„Egal wo, man hat uns sehr in unserer Arbeit behindert“, kritisiert Anne Höing. Aufgrund des Lockdowns waren Fachärzte und Kliniken schwer zu erreichen. „Es reichte nicht aus, wenn wir uns Sorgen um das Kind machten“, erinnert sie sich. „Es musste das Kind selbst sein, welches spricht.“

Eine Zeitlang nahmen die Kliniken nur noch Akutfälle auf, wo eine Fremd- oder Eigengefahr gegeben war. Das Jugendamt Ahaus unterstützt die Ambulanz so gut es geht. Jugendamtsleiter Heiner van Weyck erklärt: „Trotz Lockdown hielten wir den Kontakt zu den Familien aufrecht. Wenn eine Kindeswohlgefährdung vorlag, griffen wir sofort ein. In Ahaus sind die Zahlen noch sehr gering“, betont er. „Ich bin gespannt darauf, was noch auf uns zukommen wird und was wir jetzt feststellen werden, wenn der Lockdown vorbei ist“, gibt er zu bedenken.

Sorgen und Ängste haben zugenommen

Die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben sich im Verlauf der Corona-Pandemie in Ahaus weiter verschlechtert. Sorgen und Ängste haben zugenommen, auch depressive Symptome und Essstörungen sind verstärkt zu beobachten: „Wir sind soziale Wesen und brauchen soziale Kontakte“, erklärt Nele Warner-van Schie, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus Ahaus. „Ich habe festgestellt, dass die Not der Kinder, Jugendlichen und Eltern durch Corona und vor allem durch die Auswirkungen des zweiten Lockdowns groß sind“, meint sie.

Psychotherapeutin Nele Warner- van Schie sorgt sich um die Kinder und Jugendlichen, die durch den Lockdown dem Medienkonsum verstärkt ausgesetzt waren.
Psychotherapeutin Nele Warner- van Schie sorgt sich um die Kinder und Jugendlichen, die durch den Lockdown dem Medienkonsum verstärkt ausgesetzt waren. © privat © privat

Homeschooling und Homeoffice

Jugendliche suchten sie auf, weil sie keinen Antrieb hatten und nicht mehr aus dem Zimmer kamen. Kinder und Eltern reagierten gereizt und gerieten aneinander.

Was Nele Warner van Schie noch nie erlebt hat: Während der Behandlung anderer Erkrankungen seien manche ihrer Patienten durch Corona depressiv geworden. Eltern mussten sich mit Homeschooling und Homeoffice durchkämpfen. Eine Doppelbelastung. Auch für Mütter, die plötzlich die ganze Familie zuhause hatten – und auf der anderen Seite keine Ausgleichsmöglichkeiten in der Freizeit fanden.

Nele Warner- van Schie und auch Therapeutin Anne Höing beobachten in ihrer Praxis unabhängig voneinander, wie Ängste zugenommen haben.

Neue Wahrnehmung von Ängsten

Da ist der Patient mit der Fahrschulpause, der nun panische Angst hat, im Fahrschulunterricht selbst einen Unfall zu bauen. Die Patientin mit der Macke am Körper, die eine Krankheit sein könne. Bei einem nächsten ist die Sorge da, sich mit Corona zu infizieren. Dadurch entwickelt sich dann wiederum ein Waschzwang. Die Ängste reichen bis hin zur Angst vorm Atomunglück.

Handeln statt Warten

Die Experten empfehlen, zu handeln, wenn es einen Leidensdruck gibt, aus dem es die Kinder und Familien nicht selbst herausschaffen. Doch oft müssen Betroffene noch lange auf einen Therapieplatz warten: „Ich rate dazu, nicht nur stumpf den allgemeinen Empfehlungen Folge zu leisten, sondern sich einen strukturierten Tagesablauf zu schaffen. Mit Sport, gesunder Ernährung, angenehmen Aktivitäten und positiven Gedanken“, sagt Warner-van Schie.

Für Familien seien W-Lan-freie Zeiten sinnvoll. Und Spaziergänge. „Es wird viel von Virologen gesagt, aber deutliche Empfehlungen fehlen, wenn man Menschen alles Positive im Leben über Monate lang wegnimmt und keine sozialen Kontakte pflegen soll, damit es den Menschen emotional gut geht.“

Psychisch am Ende

Was ist gewonnen, wenn Jugendliche versuchen, sich das Leben zu nehmen, weil sie psychisch am Ende sind und die Regierung die durch die Pandemie notwendige Aufstockung von Psychiatrieplätzen nicht einmal thematisiert? Ein Jugendlicher mit schwerer Depression wartet seit Januar vergeblich auf einen Platz in der Psychiatrie und verbringt seine Tage allein im eigenen Bett. Für eine Beschulung und die Umsetzung einer ambulanten Therapie fehlt der Antrieb.

Einsam, allein und ungesehen

Eine andere Patientin musste nach ihrem misslungenen Suizidversuch in der Notaufnahme der Psychiatrie für fünf Tage in Quarantäne, weil das Ergebnis ihres negativen Coronatests nicht eher da gewesen sei. Danach habe sie sich selbst entlassen, weil ihr das nichts bringe. Einsam, allein und ungesehen habe sie sich im Lockdown zu Hause auch im eigenen Zimmer gefühlt. „Das war ja das ganze Problem!“, erklärt die Psychotherapeutin. Es stelle sich die Frage, wo hier Empathie und Menschlichkeit bleiben.

Einem neuen Alltag begegnen

Celina ist dankbar, einen Therapieplatz bei Anne Höing zu haben, wo Therapiehündin Pepper sie freudig begrüßt. Mit Anne Höing wird sie auch künftig Kraft tanken und dem neuen Alltag begegnen. Dank der Impfungen fühlt sie sich ein Stück weit sicherer.

Normales Leben

Fürs erste freut sich Celina, dass mit den Lockerungen langsam aber sicher das normale Leben für sie und ihre Freunde zurückkehrt. In einer Welt, mit Corona, mit Lösungen und einem einfachen Besuch im Café.

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