Von der eigenen Terrasse ist der Protest gegen neue Baugrundstücke recht einfach. © Karikatur: Schwarze-Blanke
Kommentar

Wüllens Charakter ist hoffentlich mehr als ein paar Weiden

Zur Entscheidung für den zweiten Abschnitt des Baugebietes Wüllen-Nord und gegen den Erhalt der Kopfweiden hat unser Autor eine klare Meinung.

Kopfweiden werden bei guter Pflege 90 bis 120 Jahre alt. Wieviel Lebenszeit den Weiden in Wüllen noch bliebe, falls man sie demnächst nicht fällen würde – am Ende ist das Orakelei.

Allerdings empfinde ich die Bedeutung des Grünzugs in dieser Diskussion mehr als überhöht. Ein kleines Stück Natur geht unbestritten verloren. Der Ausgleich dafür soll geschaffen werden. Das neue Baugebiet soll bis zu 40 Prozent Grünflächen enthalten. Auch die großen Hofbäume sollen erhalten bleiben. Dass das passiert, muss nachgehalten und kontrolliert werden.

Dass durch die Rodung der Weiden allerdings der dörfliche Charakter von Wüllen verloren gehen soll, mag mir beim besten Willen nicht einleuchten. Klar, mit dem Argument lässt sich in der Regel gut punkten. Doch was macht Wüllen aus? Eine Reihe Kopfweiden, die auch bei ökologischster Planung zwischen Einfamilienhäusern verschwindet? Oder vielleicht doch die Menschen dort? Vereine, Schützenfeste und Karneval? Der Zusammenhalt in den Nachbarschaften?

Welcher Kümmerer sorgt für neue Ideen?

Die Diskussion um den Bauabschnitt hat viele Fragen aufgeworfen, die sich aber durch die Planung in diesem einen Baugebiet nicht beantworten lassen: Wie überzeugt man junge Paare, dass sie für die Familiengründung nicht zwangsläufig ein Eigenheim benötigen? Wie groß müssen Grundstücke heute noch sein? Welche alternativen Wohnformen eignen sich für Ahaus und die Ortsteile? Und der eigentlich springende Punkt: Wie macht man das alles den Menschen schmackhaft? Die verbrannten Worte „Kümmerer“, „Nachverdichtung“ und „Josefsviertel“ lasse ich mal lieber außen vor.

Der Markt spricht im Moment eine andere Sprache

So lange die Nachfrage nach Grundstücken und Einfamilienhäusern das Angebot um ein Vielfaches übersteigt, braucht man sich über Alternativen eigentlich gar nicht zu unterhalten. Und das sage ich nicht, weil ich selbst noch nach dem passenden, bezahlbaren, großzügig ausgestatteten und zentral gelegenen Häuschen samt Garten und unverbaubarem Blick ins Grüne suche. Das sind ganz einfach die Regeln des Marktes.

Und einen Vorwurf müssen sich die Befürworter von Naturschutz – und damit weniger Grundstücken gefallen lassen: In der Regel leben sie bereits in der eigenen Immobilie. Da ist es leicht, über ein paar Grundstücke mehr oder weniger zugunsten einer Baumreihe zu spekulieren.

Insgesamt muss sich etwas ändern. Ökologische Baustoffe, Ausnutzung regenerativer Energien, kleinere Grundstücke, vielleicht sogar die schier wahnsinnige Idee, einmal vom münsterländisch-roten-Klinker-und-Satteldach-1,5-Etagen-Einerlei abzuweichen. Große Aufgaben für die Zukunft. Denen muss die Politik sich stellen. Und zwar schnell.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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