Scheidende BVB-Trainerin: Neid haben wir uns erarbeitet

hzIldiko Barna im Interview

Mit der Schlusssirene im letzten Spiel dieser Saison endet für Ildiko Barna auch die Zeit bei Borussia Dortmund. In vier Jahren hat die Trainerin den Verein aus der 2. Liga bis ins internationale Geschäft geführt. Jetzt nimmt sie Abschied - und spricht über ihre Zeit beim BVB.

Dortmund

, 15.06.2018, 13:57 Uhr / Lesedauer: 7 min

Ildiko Barna bittet um Entschuldigung, obwohl sie nur wenige Minuten verspätet zum vereinbarten Termin in einem Cafe am Dortmunder Phoenixsee erscheint. Die schwierige Parkplatzsituation sei schuld, sagt die 57 Jahre alte Ungarin, lässt sich im Sofa nieder und bestellt erst einmal einen Espresso und Limonade. Stress? Mitnichten. Ildiko Barna hat nach turbulenten Monaten neue Energie getankt. Zuletzt unter der spanischen Sonne von Malaga, die der BVB-Trainerin sichtlich gutgetan hat - genau wie auch das Saisonfinale, in dem sich der Handball-Bundesligist am Ende doch noch Platz vier und damit die Qualifikation für den EHF-Pokal gesichert hat.


Frau Barna, das Saisonfinale war turbulent. Wie lautet Ihr Fazit?
Ich bin glücklich. Wir haben im Saisonfinale den Meister und den Vizemeister geschlagen. Ich habe es der Mannschaft gewünscht, dass sie sich für Europa qualifiziert, das ist gelungen. Und für mich persönlich ist es auch eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind und waren. Wenn diese Mannschaft so zusammenbleibt und punktuell noch ergänzt wird, dann kann sie weitere Erfolge einfahren. Wir haben gute Arbeit geleistet.


Haben zwei Wochen ausgereicht, um die schwierige Saison zu verdauen?
Nein. Wir sind nach dem Saisonfinale auf Mannschaftsfahrt nach Malaga gefahren, da ging es vor allem um gute Laune und Spaß (lacht). Beim Abschied von den Spielerinnen am Flughafen musste ich schon schlucken, das war ein komischer Moment. Jetzt muss ich mich erstmal mit meinem Umzug beschäftigen. Ich habe nicht gedacht, dass ich mich so gut in Dortmund einlebe - aber jetzt, wo ich einpacken muss, ist da ganz schön viel zusammengekommen in meiner Wohnung. Die Verarbeitung der Saison und des Abschieds braucht noch Zeit. Ich kann nicht von einer Ehe zur nächsten springen. Ab Sommer bin ich ohne Verpflichtungen, da werde ich Gelegenheit finden, diese Jahre hier noch einmal Revue passieren zu lassen.


Sie haben ein Jahr Zeit geschenkt bekommen.
Ja, so sehe ich das inzwischen. Ich werde die Zeit für mich nutzen und viel Versäumtes aufholen.


Sie haben eben von einer Bestätigung Ihrer Arbeit gesprochen. Verspüren Sie Genugtuung, dass Sie die Borussia mit einem sportlich vorzeigbaren Ergebnis verlassen können?
Natürlich freue ich mich. Es schmeichelt mir, auch Frauen haben ein Ego. Aber das ist weniger Genugtuung als Freude darüber, dass unsere Arbeit Früchte getragen hat. Ich gönne es dem BVB, ich habe da keine negativen Gefühle in mir, keine Bitterkeit. Die vier Jahre waren insgesamt gut, das letzte Jahr davon jedoch sehr anstrengend und schwierig wie noch keines in meiner Trainerkarriere zuvor.


Was meinen Sie genau?
Es gab eine schwere Phase im Frühjahr, als auch viel durch die Presse ging. Da erschien mir einiges blauäugig. Aber das zu erleben, hat mich auch weitergebracht. Für den Verein ist die Teilnahme am EHF-Cup wichtig, damit wird der BVB noch attraktiver. Und ich konnte die Mannschaft weiterentwickeln und sogar noch ins Saisonziel führen, obwohl ich seit Wochen „entmachtet“ war. Ein junger Trainer hätte da womöglich Schwierigkeiten bekommen. Wir haben das zusammen geschafft, und darauf können wir alle stolz sein.

Inwiefern haben Sie sich persönlich weiterentwickelt?
Ich hatte drei Jahre Zeit, etwas aufzubauen. Und ich verstehe, dass bei einem so großen Verein Ergebnisse zählen. Wir sind nicht ganz so gut in die Saison gestartet und zudem hatten wir durch die WM im November und Dezember einen großen Bruch. Dazu war ja bekannt, dass Vorstand und Trainerteam keine Einheit bilden. Da muss man dann durch und der Mannschaft zeigen, dass in der Kabine alles in Ordnung ist und ich das Sagen habe. Wenn ich da nicht an mich selbst geglaubt hätte, wären wir gescheitert. Jetzt ist es ausgestanden, und nun kann mich gar nichts mehr erschüttern (lächelt).


Sie sind vor vier Jahren angetreten mit dem Auftrag, in die Bundesliga aufzusteigen. Jetzt spielt der BVB international, ist Tabellenvierter geworden, stand 2016 im DHB-Pokalfinale. War überhaupt mehr möglich?
Ich würde sagen, wir haben fast das Maximum herausgeholt. Ich hatte freie Hand, das war toll. Wir haben den Nachwuchsbereich aufgebaut, die nachhaltige Förderung des Nachwuchses war der Wunsch von Präsident Dr. Reinhard Rauball. Die Abteilungsleitung wollte so schnell wie möglich in die Bundesliga. Zwei unterschiedliche Ziele, die wir zusammengeführt haben. Zuzana Porvaznikova hat die Jugend auf ein tolles Niveau gebracht, mit dem Internat, den neuen Strukturen etc. Das gesamte Trainerteam um Tobias Fenske, Natasa Kocevska und die anderen hat super mitgezogen. Sie haben meine Linie akzeptiert, wir haben zielstrebig, leistungsorientiert einfach super zusammengearbeitet. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch nochmal herzlich bedanken.


Hat der Aufstieg vieles einfacher gemacht?
Der schnelle Aufstieg hat natürlich geholfen, von da an konnten wir auch erfahrenere Spielerinnen ansprechen. Insgesamt haben wir uns in allen vier Jahren gesteigert. Obwohl wir kein „normaler“ Aufsteiger waren. Die unmittelbare Konkurrenz aus Blomberg und Leverkusen hat sich nicht über uns gefreut, sie mussten Spielerinnen und Platzierungen teilen. Diesen Neid haben wir uns erarbeitet. Darauf bin ich stolz. Der BVB kann mit seiner Handball-Abteilung sein Image nachhaltig verbessern. Die B-Juniorinnen sind Deutscher Meister geworden, die A-Juniorinnen standen als Jungjahrgang im Halbfinale. Die zweite Mannschaft hat die 3. Liga behauptet, die erste Mannschaft spielt nach 13 Jahren wieder international. Da kann ich das Buch für mich zuklappen und sagen: „Soll das doch ein anderer erstmal besser machen.“


Wie professionell schätzen Sie die Strukturen ein, wie viel Luft ist da noch nach oben?
Wir haben im Fitnessbereich zum Beispiel mit der Turnhalle einen super Partner gewonnen. Die medizinische Abteilung ist gut aufgestellt, und bis auf eine Einheit am Freitag haben wir inzwischen immer Physiotherapeuten im Training dabei. Die Zusammenarbeit mit der Uni Dortmund in Sachen Leistungsdiagnostik ist top professionell. Die Kooperation mit den Schulen Goethe-Gymnasium und Wellinghofen hilft uns sehr. Wir haben viel geschafft, die Geschäftsstelle ist besetzt. Ein Sportlicher Leiter fehlt. Das wäre der nächste Schritt.


Zusätzliche Handball-Kompetenz im Klub wäre nicht schlecht …
Sie sagen es! Und wenn ich allein an die ganze Organisation für den Europapokal denke, oder in der Bundesliga, da muss man mit hauptamtlichen Mitarbeitern vertreten sein. Der BVB braucht da jemanden mit einem großen Netzwerk, der den Vorstand und das Trainerteam entlastet. Aber es geht nicht alles auf einmal. Einen professionellen Sportdirektor zu installieren, müsste einer der nächsten Schritte sein.

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Gab es Momente in Ihrer BVB-Zeit, in denen Sie mal ins Grübeln gekommen sind?
Es gab Angebote, aber ich wollte wegen etwas mehr Geld nicht das Projekt hier verlassen, wo ich gerade mitten im Aufbau steckte. Ich wollte nicht mein eigenes Baby aufgeben. Wir waren uns hier nicht immer einig, es gab Konflikte, dass gehört dazu, aber ich sage auch: Wenn ein Trainer immer mit allen einig ist, dann ist er ein Waschlappen.


Wie war das in dieser Saison? Hatten Sie Zweifel, dass Sie Ihr Ziel, unter die Top Vier zu kommen, erreichen werden?
In der Hinrunde war ich genervt, weil die Weltmeisterschaft alles überstrahlt hat. Von Dezember an war ich zuversichtlich, dass wir das packen. Nach dem Leverkusen-Spiel (der BVB verlor am 20. Spieltag 20:22 und lag im Europapokal-Rennen im Hintertreffen, Anm. d. Red) war ich total down. Diese zwei Punkte würden uns fehlen und am Ende entscheiden, dachte ich. Leider haben wir auch in Blomberg mut- und kraftlos gespielt und dadurch verdient verloren. Die Saison schien bezüglich des vierten Platzes gelaufen.


Was ist dann passiert?
Ein guter Freund von mir hat mich wieder aufgebaut. Wir haben trotz dieser Niederlagen den Glauben an uns nicht verloren, das war das Entscheidende. Ich bin stolz, dass die Mädels in den letzten beiden Spielen gegen Thüringen und Bietigheim nochmal ihr Leistungsvermögen abrufen konnten. Wir hatten nichts mehr zu verlieren und haben als Team überzeugt! Damit haben wir den Dreh geschafft, es lief perfekt. Nach dem Sieg in Bietigheim fiel der Jubel außergewöhnlich aus. Die Mannschaft hatte es sich verdient.


Abseits der tabellarischen Bilanz - was bleibt besonders bei Ihnen besonders hängen?
Die Entwicklung der jungen Spielerinnen. Wir haben vor dieser Saison unter anderem Johanna Stockschläder und Caro Müller verpflichtet. Übrigens entgegen der Empfehlung von Jochen Busch. Beide haben sich hier sehr gut entwickelt und eine gute Saison gespielt. Auch Irene (Espinola Perez, Anm. d. Red.) wird in Deutschland noch überzeugen, wenn sie kommende Saison in Neckarsulm spielt. Da bin ich mir sicher. Auch vorher schon hatten wir gute Griffe: Harma van Kreij. Oder auch Alina Girjseels, die wir mit aller Gewalt nach Dortmund geholt haben. Sie hat sich hier dann enorm entwickelt und ist Nationalspielerin geworden.


Gibt es nichts, was Sie bereuen?
Da gibt es eine Sache: Dass Alicia Stolle damals gegangen ist, als ich zum BVB gekommen bin. Ich habe ein paar Mal mit ihr gesprochen, konnte aber auch nichts mehr ändern. Dann hätten wir heute diese ganze Linkshänderin-Problematik gar nicht.


Was ist mit Emilia Galinska?
Emma hat diese Saison wesentlich weniger gespielt. Was vor allem daran lag, dass ein weiterer Abwehr/Angriff-Wechsel neben dem von Mira Emberovics mit Caro beziehungsweise Alina zu viel gewesen wären. Aber ich muss zugeben, dass ich ihr gegenüber schon ein schlechtes Gewissen habe, weil ich denke, dass sie mehr Qualität hat, als sie in dieser Saison zeigen konnte. Wobei sie sich in der Abwehr sicherlich verbessern muss.


Wie schwer fällt es einem, Spielerinnen sagen zu müssen, dass sie weniger spielen?
Jeder Trainer wird immer die Interessen der Mannschaft in den Vordergrund stellen. Natürlich ist das für uns Trainer nicht immer einfach, aber es ist unsere Aufgabe. Wir können nicht immer zu allen nur lieb und nett sein. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch mit der Kritik leben, der wir ausgesetzt sind.


Auch das ist sicherlich nicht immer einfach …
Ich bemerke zunehmend, dass der Umgang unsere Gesellschaft mit Kritik immer schwieriger wird. Vielleicht bin ich sogar selbst ein bisschen so. Aber ich merke, dass man bei Kritik gegenüber Spielerinnen heute einfach etwas diplomatischer vorgehen muss, sonst fühlen sie sich schnell angegriffen.


Gab es eine Spielerin, die Sie in Ihrer BVB-Zeit besonders überrascht hat?
Harma. Weil sie den Sprung von der 3. in die 1. Liga so schnell geschafft hat. Und ich bin überzeugt davon, dass sie in der holländischen Nationalmannschaft auch noch Fuß fassen wird, wenn sie körperlich keine großen Probleme bekommt. Eine andere Überraschung war für mich sicherlich auch Saskia Weisheitel …


Warum?
Sie hat zunächst ganz unten angefangen und sich dann mit ihrem Fleiß und Ehrgeiz nach oben gearbeitet. Sie hat sich - auch trotz der Konkurrenz von Anne Müller - immer wieder durchgebissen.


Ist Dortmund reif für den Europapokal?
Diese Mannschaft ist absolut reif für den Europapokal. Und es ist eine große Chance für den Verein, sich für die Zukunft neben dem Fußball noch breiter aufzustellen. Das haben andere Vereine wie zum Beispiel Bayern München oder auch Schalke in der Vergangenheit gezeigt. Dort gibt es Basketball, Frauenfußball, bei Schalke jetzt auch Handball und eSport - auf diesem Weg werden Menschen auf der ganzen Welt angesprochen, denn es gibt ja nicht nur Fußballfans. Der Verein müsste sich in diese Richtung vielleicht ein bisschen schneller öffnen.


Die Fußballer von Borussia Dortmund konnten den FC Bayern schon mal ärgern. Wann ärgern die Handballerinnen des BVB den Meister Thüringer HC?
Dr. Reinhard Rauball hat das „M-Wort“ zuletzt in den Mund genommen. Und ich denke auch, dass es grundsätzlich möglich ist, wenn die kommenden zwei, drei Jahre weiter so gearbeitet wird wie zuletzt. Aber es wird seine Zeit benötigen, die man den Beteiligten auch geben sollte.

Wie anstrengend war diese Saison beim BVB für Sie?
Die vergangenen vier, fünf Monate haben viele graue Haare gebracht. Ich habe viele Nächte nicht schlafen können, sodass ich am Ende schon sehr ausgepowert war. Das merke ich. Deswegen ist die anstehende Pause für mich auch wichtig, und ich werde die Zeit gut nutzen.


Sie ziehen jetzt zunächst nach Hüttenberg. Sehen wir Sie denn irgendwann wieder?
Ich weiß zurzeit selbst noch nicht, wohin die Reise geht. Ob als Trainerin oder Sportlicher Leiterin … lassen wir uns überraschen. Vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes.


An was denken Sie dabei?
Vielleicht an ein Café. Marburg und Gießen sind ja Studentenstädte. Aber ich bin da noch völlig offen. Ich nehme mir jetzt einmal ein bisschen Zeit für mich, werde viel reisen und dann schauen wir mal. Unter anderem habe ich geplant nach Ungarn zur Juniorinnen-WM Anfang Juli zu fliegen. Es ist eine gute Gelegenheit, junge Talente zu beobachten und sich fortzubilden.


Vermissen Sie Ihre ungarische Heimat manchmal?
Zweimal im Jahr bin ich ja noch dort. Aber heute würde ich sagen, dass nicht nur Ungarn meine Heimat ist, sondern auch Deutschland. Ich fühle mich in beiden Ländern wohl und habe in beiden Freunde und Familie. Einzig die rechte Politik in Ungarn macht mir große Sorgen. Wobei die Situation in Deutschland gerade auch nicht einfach ist.

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