Stephan: Biegler ist Glücksgriff für Frauen-Handball

WM-Auftakt am Freitag

Jetzt geht’s los: Am Freitag starten die deutschen Handball-Frauen in die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Auftaktgegner in der Gruppe D in Leipzig ist Kamerun (19 Uhr/Sport1). Wir sprachen mit dem früheren Daniel Stephan (44), über die WM, Bundestrainer Michael Biegler und die Chancen der Deutschen.

Dortmund

, 30.11.2017, 08:26 Uhr / Lesedauer: 6 min
Daniel Stephan begleitet die Handball-WM der Frauen als Experte.

Daniel Stephan begleitet die Handball-WM der Frauen als Experte. © picture alliance / dpa

Herr Stephan, eine WM fehlt zwar in Ihrer Vita, aber Sie haben an drei Olympischen Spielen und sechs Europameisterschaften teilgenommen. Ist eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, wie die Spielerinnen es jetzt immer wieder betonen, noch einmal etwas anderes?
Eine WM im eigenen Land, ganz egal in welcher Sportart, ist immer etwas ganz Besonderes. Die Männer haben beim Titelgewinn 2007 in Deutschland ja vorgemacht, was solch eine Euphorie alles ausmachen kann. Und beim letzten Vorbereitungsspiel der Frauen gegen Island hat man das Funkeln in den Augen der Spielerinnen, die Vorfreude ja bereits erkennen können. Die WM wird für alle ein echtes Karriere-Highlight.


2015 haben Sie nach Platz 13 bei der WM einen Umbruch gerade auch auf personeller Ebene bei der Frauen-Auswahl gefordert. Wie viel wurde richtig gemacht?
Mit Jakob Vestergaard hatte man damals einen Bundestrainer verpflichtet, der überhaupt nicht gepasst hat und nach einem Jahr auch schon wieder weg war. Aber die Entscheidung, an der vor allem Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld einen großen Anteil hat, Michael Biegler als Nachfolger zu verpflichten, erweist sich heute als echter Glücksgriff für den Frauen-Handball.


Was macht Michael Biegler so besonders?
Das ist zum einen die Arbeit mit den Spielerinnen selbst. Zum anderen aber auch die Art, wie er mit den Bundesligisten umgeht. Dass er sehr viel vor Ort war und sich mit Trainern und Verantwortlichen ausgetauscht hat. Das Gesamtpaket Biegler stimmt einfach, er leistet eine phantastische Arbeit. Das hat man ja auch schon bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Schweden gesehen, als das DHB-Team Sechster wurde.


Und wie ist er als Typ?
Die große Stärke von Michael Biegler ist, dass er sich in all den Jahren nie verstellt hat. Er hat eine klare Ansprache und definiert ganz deutlich, was er von einer Spielerin erwartet. Dass es dabei auch mal lauter wird, ist normal. Ich kenne ihn ja selbst noch aus meiner Anfangsphase, als er Co-Trainer bei der Nationalmannschaft war (1993 bis 1996/Anm. der Redaktion). Er kommt immer etwas knorrig rüber, etwas griesgrämig, aber das ist er überhaupt nicht. Er hat einen sehr guten, trockenen Humor, fordert aber eben auch Leistung und Einsatzbereitschaft.


Bei der WM setzt er auf Routiniers wie Anna Loerper und Clara Woltering, aber auch auf Talente wie Emily Bölk aus Buxtehude - hat der Kader die richtige Mischung?
Auf jeden Fall. Man kann nicht nur mit „Jugend forsch“ Erfolge holen. Und auch nicht nur mit älteren Spielerinnen. Die Mischung muss stimmen, und da hat der Bundestrainer einen guten Weg gefunden. Mit den beiden Anführerinnen Loerper und Woltering hat Michael Biegler viel Erfahrung, die man für ein solches Großereignis benötigt. Doch er hat auch viele Jüngere dazu geholt. Gerade bei Emily Bölk, die sehr jung in die Nationalmannschaft gestoßen ist, hat er vor anderthalb Jahren den richtigen Riecher bewiesen.


Auch vor unpopulären Maßnahmen schreckt Michael Biegler nicht zurück …
Das ist richtig, wie man am Beispiel Susann Müller, die sowohl in ihrem Verein in Bietigheim und auch in der Nationalmannschaft immer ein Garant für Tore war, ganz gut erkennen kann. Es gab bereits im Vorfeld und auch schon in den letzten Jahren gewisse atmosphärische Störungen. Susann Müller hat sich - vorsichtig ausgedrückt - sehr kritisch geäußert. Und dann hat Michael Biegler eben rigoros entschieden: Auch wenn Susann Müller eine tolle Spielerin ist, passt sie nicht ins Mannschaftsgefüge. Er geht da geradeaus seinen Weg und hat die Mannschaft so zusammengestellt, dass der Teamgedanke im Vordergrund steht.


Susann Müller nicht dabei, zudem fehlt Anne Hubinger wegen einer Verletzung. Wie schwer wiegt ihr Ausfall?
Sie ist nicht nur defensiv, sondern auch vorne immer ein Aktivposten, kann auch mal aus neun Metern Tore werfen. So einen Spielertyp haben wir im Rückraum rechts jetzt nicht mehr. Friederike Gubernatis, Alicia Stolle oder Isabell Klein haben andere Stärken, die eher im Eins-gegen-eins liegen. Zwar haben wir im Rückraum Mitte und Links gute Schützinnen, aber ganz klar: Eine Spielerin wie Anne Hubinger fehlt schon sehr.


Wo sehen Sie die Stärken der Deutschen?
Es gibt zwar keine Weltklassespielerin im Team, aber die Breite im Kader ist - anders als noch in den vergangenen Jahren - qualitativ sehr gut. Auch die Abwehr ist stark, gerade im Torhüterbereich sind wir in der Weltspitze ganz vorne anzusiedeln - natürlich mit Clara Woltering, die ich als Nummer eins sehe. Aber auch mit Katja Kramarczyk und der erst 22-jährigen Dinah Eckerle.


Im Angriffsspiel ist dagegen noch Luft nach oben …
Man hat in den Vorbereitungsspielen gesehen, dass es vor allem in Sachen Torausbeute hapert. Man lässt viele Chancen aus. Das war schon bei der EM in Schweden so. Daran muss man arbeiten.

Jetzt lesen

Der Verband hat das Halbfinale als Ziel genannt. Was trauen Sie der deutschen Auswahl am Ende zu?
Ich denke, das ist durchaus realistisch, und das traue ich der Mannschaft auch zu. Aber dafür muss natürlich alles passen. Die Favoriten sind aber sicher andere. Unseren Gruppengegner Niederlande zum Beispiel sehe ich - neben Russland und Norwegen - ganz vorne. Für die Deutschen wird es darauf ankommen, in der Gruppe Platz zwei zu erreichen, damit man in der nächsten Runde die ganz großen Gegner noch vermeidet.


Die Herren WM 2017 war nicht im Fernsehen zu sehen. Bei den Frauen hat es sehr lange gedauert, bis die Übertragungen im Free-TV bei Sport1 sicher waren. Warum hat der Handball so einen schweren Stand?
Trotz aller Schwierigkeiten, die es zwischen dem Rechteinhaber BeIN und den deutschen Anbietern gab: Das war schon extrem, dass die WM damals nicht im deutschen Fernsehen zu sehen war. Umso mehr freut es mich, dass es diesmal geklappt hat. Es wäre ein Unding gewesen, wenn die Heim-WM nicht im Fernsehen zu sehen gewesen wäre. Denn nur so hat man überhaupt die Chance, eine Euphorie im Land zu entfachen.


Der DHB betreibt Werbung für die Frauen-WM vor allem an den sechs Spielstandorten. Ist dies der richtige Weg, um Begeisterung zu entfachen?
Egal ob man landesweit Werbung macht, oder nur vor Ort: Am Ende geht es nur über die Leistung der Mannschaft. Und wenn die stimmt, wird einiges im Land bewegt.


Das „Projekt“ soll über die WM hinaus fruchten. Wie groß ist die Gefahr, dass die Arbeit am Ende nicht fortgeführt wird?
Natürlich ist die WM erst einmal der Höhepunkt. Aber ich habe auch aus Spielerinnenkreisen mitbekommen, dass sie über das Turnier hinaus denken. Und ein erster Schritt wurde ja bereits getan: Mit der Verpflichtung von Henk Groener als Nachfolger von Michael Biegler hat man meiner Meinung nach eine gute Lösung gefunden. Doch der Frauen-Handball in Deutschland hat es schwer. So besteht in der Bundesliga - anders als in manchen ausländischen Ligen - das Problem, dass man nicht so viel verdient, um als Profi davon leben zu können. Die Rahmenbedingungen reichen einfach nicht aus. Auch die Hallenkapazitäten - einige Hallen haben nur ein Fassungsvermögen von gerade einmal 1000 Zuschauern - sind nicht optimal. Die WM kann ein erster Schritt zur Verbesserung sein, wenn es uns gelingt, eine Euphorie im Land zu entfachen. Dann interessieren sich vielleicht mehr Menschen für den Frauen-Handball.

ZUR PERSON
Daniel Stephan wurde am 3. August 1973 in Rheinhausen geboren. Mit dem TBV Lemgo gewann er zwei deutsche Meisterschaften und dreimal den DHB-Pokal. 2004 wurde er mit er Nationalmannschaft Europameister, im selben Jahr gewann er die Olympia-Silber bei in Athen. 1998 wurde Stephan zum Welthandballer gewählt.
Lesen Sie jetzt