60 Millionen Euro extra: Die dicken Deals stützen den BVB in der Krise

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Geschick, Glück - und Können! Dank dicker Deals und strategischer Entscheidungen steht das Grundgerüst bei Borussia Dortmund auch in der Corona-Krise noch stabil.

Dortmund

, 03.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Fußball in Deutschland blutet. Trostlose Geisterspiele sichern zwar zumindest vorübergehend die Existenz der meisten Profiklubs, trotzdem gerät das Geschäftsmodell ohne Zuschauer in den Stadien grundlegend in Gefahr. Der FC Schalke 04 benötigt bereits Geld vom Land, um zu überleben. Werder Bremen kämpft. Selbst Europapokalstarter Eintracht Frankfurt schnappt nach Luft. Die Lage ist mehr als ernst, an vielen Standorten.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke: „Die großen Partner sind fix“

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Immerhin, mag man sich bei Borussia Dortmund trösten, hätte man sich im Rückblick kaum eine günstigere Gelegenheit für einen dauerhaften Ausnahmezustand erdenken können. Denn wichtige strategische Partnerschaften mit Sponsoren und langfristige Personalentscheidungen hatte der BVB eingestielt und unter Dach und Fach gebracht, just bevor die Krise mit voller Wucht das Kerngeschäft attackierte. „Die großen Partner“, sagt Hans-Joachim Watzke, „sind fix.“ Auch wenn diese Konstellationen weder absehbar noch planbar waren, erlaubt sich der Vorsitzende der Geschäftsführung einen Klaps auf die Schultern der Mitglieder der schwarzgelben Führungsetage: „Immer Glück ist vielleicht auch Können.“

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Zu den wertvollsten Engagements zählt selbstredend die Zusammenarbeit mit dem neuen Hauptsponsor 1&1. Durch die innovative Aufteilung der Präsenz auf den Trikots mit dem langjährigen Partner Evonik kann der BVB seine Einnahmen bedeutend vergrößern, von jährlich 20 auf bis zu 40 Millionen Euro. Im Februar war die Tinte unter den Verträgen, gültig bis 2025, trocken. Einen „Meilenstein auf dem Weg der wirtschaftlichen und auch sportlichen Entwicklung“ nannte Watzke das. Ob ein Deal in der Größenordnung wenige Wochen später ähnlich geschmeidig und voluminös ausgefallen wäre, ist bloße Spekulation. Gelegen kam er in jedem Fall.

Für den BVB ist eine Verdreifachung der Bezüge möglich

Eine weitere dicke Schicht Polster beschert den Borussen der modernisierte Ausrüstervertrag mit Puma. Der Abschluss, lange vorbereitet, ging im vergangenen November über die Bühne, er greift erstmals in dieser Saison und bringt im Gesamtbudget 250 Millionen Euro bis 2027/28 ein. Gegenüber dem zuvor unterdotierten Vertrag mit zuletzt etwas mehr als zehn Millionen Euro ist bei entsprechend erfolgreichem sportlichem Verlauf sogar eine Verdreifachung der Bezüge möglich. In der Krise wie gerufen, wirft auch das digitalisierte Werbegeschäft mit der international angepassten Bandenwerbung immer mehr Erlöse ab. 3,8 Millionen Euro hat der Geschäftsbereich virtuelle Werbung in der Saison 20119/20 eingespielt, Tendenz klar steigend.

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Zur rechten Zeit kommt auch noch eine enorme Erleichterung auf der Ausgabenseite daher: Bis zur abgelaufenen Spielzeit galt der inzwischen abgelöste Vermarkter-Vertrag mit Lagardere (inzwischen wieder in Sportfive umbenannt), für den die Borussen 22,5 Millionen Euro pro Jahr zahlten. „Ab 2020/21 gilt der neu abgeschlossene Vertrag, was dazu führen wird, dass wir jährlich 15 Millionen Euro einsparen werden, was in Zeiten von Covid-19 sicher nicht schädlich ist“, resümierte Finanz-Geschäftsführer Thomas Treß bei der Bilanz-Pressekonferenz der BVB KGaA.

Viele BVB-Sponsoren haben auf eine Rückerstattung verzichtet

Grob überschlagen füttern oder entlasten allein diese vier ökonomischen Eckpunkte die Konten des BVB mit mehr als 60 Millionen Euro zusätzlich im Vergleich zum Vorjahr. Was die Verträge vor der Corona-Krise wert gewesen wären, sei dahingestellt. Definitiv wirken sie als starkes Gegenmittel zu den 45 Millionen Euro an Minus im abgelaufenen Geschäftsjahr und glätten auch die Sorgenfalten, so denn die gesamte Spielzeit 2020/21 ohne einen einzelnen Zuschauer ausgetragen werden müsste. „Dann“, erklärte Watzke, „reden wir über andere Summen.“ Bis zu 75 Millionen Euro Verlust stehen im „worst case“ im kommenden Geschäftsjahr im Raum, da kommen Mehreinnahmen in ähnlicher Höhe durch die dicken Deals wie gerufen. Ohne die 60 Millionen Euro extra sähe die Bilanz für die laufende Saison schon jetzt besorgniserregend aus.

Bei fortgesetztem Krisenmodus in der Wirtschaft ändert sich womöglich auch der Ton. Bisher profitiert der BVB von seinen bekanntermaßen gut gepflegten Beziehungen zu den langjährigen Sponsoren und Partnern. In vielen Vertragspaketen sind beispielsweise VIP-Logen im „Hospitality“-Bereich sowie Werbemaßnahmen im Stadion enthalten - die aufgrund des Sonderspielbetriebs ohne Zuschauer nicht genutzt werden konnten. Je nach wirtschaftlichem Können hielten die Partner dem BVB dennoch die Stange. Finanzchef Treß: „Viele Sponsoren haben auf eine Rückerstattung verzichtet, vielen Dank dafür.“ Auch hier summieren sich die einzelnen Posten allein zwischen April und Juni dieses Jahres auf einen satten einstelligen Millionenbetrag.

Die ganz düsteren Szenarien kann der BVB noch von sich schieben

„Wir haben wirtschaftlich in den letzten zehn Jahren immer tiefschwarze Zahlen geschrieben und dreistellige Millionengewinne erzielt“, sagte Watzke, „und wir haben von 2014 bis vor wenigen Wochen komplett ohne Finanzschulden unser Dasein bestritten.“ Acht Millionen Euro hat der BVB in seiner Bilanz als Kredite ausgewiesen, zinsgünstige Kreditlinien dürfte er bis in den dreistelligen Millionenbereich in der Hinterhand haben. Genau beziffern wollte der Klub das nicht.

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Flüssig machen möchte der Klub diese Reserven natürlich auch nicht, doch das Festgeldkonto ist bereits geschröpft, und vom Eigenkapital (Stadion, Spieler, Geschäftsstelle, Trainingsgelände) könnten zwar die kickenden Angestellten kurzfristig für Liquidität sorgen. Doch die sportliche Wettbewerbsfähigkeit soll solange wie möglich aufrechterhalten werden. Doch diese ganz düsteren Szenarien kann der BVB noch von sich schieben. Das gute Wirtschaften in der Vergangenheit und die dicken Deals für Gegenwart und Zukunft werden ihren Wert zeigen, je länger die Krise andauert. Borussia Dortmund wird noch Tore schießen, wenn viele andere Klubs schon keine Mannschaft mehr haben.

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