Großer Ärger bei Erling Haaland nach dem missgeglückten Fehlpass von Thomas Meunier. Es hätte das 3:0 für den BVB in München sein können. © imago / M.i.S
Meinung

Alles wie immer: Der BVB liefert in München brav die Punkte ab

Für Borussia Dortmund gibt es in München trotz eines furiosen Starts mal wieder nichts zu holen. Der BVB überzeugt zwar kämpferisch, offenbart in den Schlüsselszenen jedoch unübersehbare Schwächen.

„Mutig“ wollte Edin Terzic Borussia Dortmund in München sehen und die Präsenzzeiten der Bayern im letzten BVB-Drittel minimieren. Beides gelingt nur teilweise. Am Ende ist alles wie immer, wenn Dortmund in die Allianz Arena reist.

Dass ausgerechnet ein robust geführter Zweikampf von Leroy Sane (eher ein Leichtgewicht) an Dortmunds Emre Can (eher ein Schwergewicht) ein Spiel zu Ungunsten der Borussia kippen ließ, in das der BVB furios startete und 20 Minuten an einer faustdicken Überraschung schnuppern durfte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Schließlich steht Can genau für das, was Sané in dieser Balleroberung vor dem 2:3 in die Waagschale warf. Der vermeintlich Gefoulte gab dann später zerknirscht zu: kann man pfeifen, muss man aber nicht.

120 Kilometer: Der BVB zeigt eine große Kampfleistung

Ohnehin dauerte es danach 32 Sekunden (und zwei Gelegenheiten, in Ballbesitz die Kugel aus der Gefahrenzone zu befördern), bis der Ball dann im Tor einschlug. Dennoch kann man natürlich von einer Schlüsselszene sprechen. Schließlich kam es in der 88. Minute im Anschluss zur Vorentscheidung zugunsten der Bayern. Viel fehlte also nicht aus Sicht der Borussia, die nach einer großen Kampfleistung (und einer Laufleistung von 120 Kilometern) enttäuscht vom Platz stapfte.

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Doch das war freilich nur ein Teil der Wahrheit. Was auch dazu gehörte: Die Übermacht der Münchner war am Ende so groß, dass das dritte Gegentor eigentlich überfällig war. 27:4 Torschüsse zählte die Statistik, 66 Prozent Ballbesitz der Bayern – und auch 107 Fehlpässe der Borussia, die mit ein Grund dafür waren, warum der BVB sein Spiel nach der vielversprechenden Anfangsphase nicht mehr annähernd so gestalten konnte wie gewollt und immer tiefer in die eigene Hälfte gedrückt wurde. Ins ominöse „letzte Drittel“, in dem Trainer Terzic die Bayern ja gern so selten wie möglich gesehen hätte. Diese 107 Fehlpässe drückten die Passquote auf einen Wert von nur knapp über 70 Prozent – für ein so ballsicheres Team wie Borussia Dortmund eine verstörende Zahl, erst recht, wenn der Gegner dann auch noch mit Ball zu den dominantesten Teams in Europa zählt.

BVB lässt die dicke Chance zum 3:0 in München liegen

Es war eine unheilvolle Kombination, dass sich der BVB nach starkem Beginn immer mehr Ungenauigkeiten leistete und mit jedem Fehler im Aufbau der Mut immer mehr aus den Beinen entwich. Sich so tief hinten reindrücken zu lassen, sei natürlich nicht der Plan gewesen, gab Terzic zu. Er variierte im Spielverlauf mehrfach die Taktik, das Grundübel bekam er aber von der Seitenlinie aus nicht abgestellt.

Als Terzic vor dem Spiel davon sprach, dass diese Gipfeltreffen in der jüngeren Vergangenheit oftmals durch Kleinigkeiten entschieden worden seien, meinte er wohl Szenen wie die kurz vor dem Anschlusstreffer der Münchner, die die Verunsicherung auf der einen in dem Maße steigen ließ wie das Selbstverständnis auf der anderen Seite wuchs. Direkt vor dem ersten Münchner Tor verspielte Dortmund die Riesenchance auf das 3:0 extrem fahrlässig. Mahmoud Dahoud hatte perfekt in den Lauf von Thomas Meunier gepasst, der frei vor Manuel Neuer selbst hätte abschließen können, doch stattdessen den Pass quer auf den freistehenden Erling Haaland spielte. Besser: spielen wollte.

Frappierende Schwächen bei BVB-Defensivspieler Thomas Meunier

So ehrlich muss man sein: Dieser Ball musste einfach ankommen. Ein Querpass über 15 Meter zum eigenen Mann, das darf man verlangen von einem Profi, der tagtäglich unzählige Pässe über 15 Meter im Training spielt. Meuniers Versuch aber strandete schon im ersten Drittel, nicht im letzten – nach nicht einmal fünf Metern, in den Beinen von David Alaba. Das sei, gab Terzic nach dem Spiel zu, „die Schlüsselszene“ gewesen. Ein 3:0, damit hätte sein BVB das Spiel „zwar noch nicht gewonnen gehabt“, aber es wäre wohl sehr schwer für die Bayern geworden. Und nicht zum ersten Mal zeigte Meunier frappierende Schwächen in Bereichen, die zu den Basics des Fußballsports zählen.

So war am Ende alles wie immer, wenn der BVB in München zu Gast war. Robert Lewandowski traf, wie er wollte. Der BVB lieferte brav die Punkte ab. Und fragte sich auf dem Heimweg, warum es wieder nur für 20 Minuten guten Dortmunder Fußball gereicht hatte.

Tabellarisch kam Dortmund mit dem 2:4 noch glimpflich davon. Wolfsburg verlor, Frankfurt holte nur einen Punkt – mit aktuell vier Zählern Rückstand auf die Plätze zur Champions League ist weiterhin noch alles möglich für die Borussia. Nach diesen 90 Minuten aber war das ein schwacher Trost.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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