Gewalt gegen BVB-Fan: Klage und Disziplinarverfahren gegen Polizisten

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„Körperverletzung im Amt“ wird mindestens drei Bundespolizisten vorgeworfen. Nach dem Derby im Oktober wurden einem BVB-Fan Kieferbrüche zugefügt. Auch ein Disziplinarverfahren läuft.

Dortmund

, 03.04.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Abschlussmeldung las sich harmlos, sie resümierte „im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei erneut ein äußerst friedliches Derby“. So meldete es die zuständige Pressestelle noch am Abend des Spieltags, am Samstag, 26. Oktober 2019.

Bundespolizei greift in Auseinandersetzung ein

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Bis zur Rückkehr der BVB-Sonderzüge im Dortmunder Hauptbahnhof verlief das Revierderby zwischen Schalke und der Borussia (0:0) tatsächlich auf wie neben dem Platz ohne besondere Vorkommnisse. Dann kam es zu Provokationen zwischen einem einzelnen Schalker Fan und einigen Borussen. Die Lage schaukelte sich hoch, eine kleine Gruppe von BVB-Anhängern und der einzelne Schalker gerieten in eine Auseinandersetzung. Als sich die Lage scheinbar beruhigt hatte, schritt die Bundespolizei resolut ein, nahm zwei mutmaßliche Störer fest und räumte unter Gewaltanwendung die Bahnhofshalle. Und Abpfiff.

Noch am selben Abend kursierten mehrere Videos in den sozialen Medien. Sie zeigten vornehmlich Beamte der Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft (BFE), die im Eingangsbereich des Dortmunder Hauptbahnhofs auf einen am Boden liegenden BVB-Fan eintraten. Der Einsatz der „robusten Hundertschaft“, die NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) seit 2018 installiert hat, wirkt in den Ausschnitten massiv, das bestätigten sogar Polizeibeamte. Die rechtlich entscheidende Frage ist: Wurde unverhältnismäßig Gewalt angewendet?

Diese Vermutung bestärkte ein zweiter Fall, der kurz darauf bekannt wurde: Im Bahnhof schlugen Bundespolizisten einem Redakteur des Dortmunder Fanzines „Schwatzgelb“ ohne ersichtlichen Grund und ohne Vorwarnung mit einem Schlagstock ins Gesicht. Der junge Mann, der an keiner Auseinandersetzung teilgenommen hatte und als Mitglied der Fanhilfe wegen des vorherigen Vorfalls telefonierte, erlitt durch den Hieb mit dem Knüppel mehrere Kieferbrüche und musste sich einer komplizierten Operation unterziehen. In Fanszenen galt das als ein weiterer Beweis von überzogener Härte durch Polizisten im Rahmen von Fußballspielen.

Bundespolizei gelobte Kooperation

Am 28. Oktober, eineinhalb Tage nach der Aggression, reagierte dann auch die Pressestelle der Bundespolizei auf die zunehmende Kritik: „Im Zusammenhang mit diesen Vorfällen hat die Bundespolizei unmittelbar alle Videoaufnahmen gesichert. Diese werden zeitnah der Staatsanwaltschaft Dortmund zur weiteren Bewertung und Prüfung vorgelegt.“ Man gelobte Kooperation und wollte zeigen, dass man an der Klärung der Geschehnisse interessiert sei.

Diesen Worten folgten auch Taten, zumindest teilweise. Wegen der fehlenden Kennzeichnung der Beamten lief das Verfahren wegen „Körperverletzung im Amt“ zwar zunächst noch gegen Unbekannt. Doch inzwischen hat eine Identifizierung von Beschuldigten stattgefunden. Das bestätigte die Dortmunder Staatsanwaltschaft auf Anfrage der Ruhr Nachrichten. Die Bundespolizei spricht von drei beschuldigten Beamten, andere Quellen von mindestens fünf. Die Ermittlungen gegen die Hundertschaftler leitet für die Staatsanwaltschaft Dortmund aus Neutralitätsgründen ein Polizeipräsidium im Ruhrgebiet, derzeit nehmen Verteidiger Akteneinsicht.

Opfer spürt bis heute die Auswirkungen des Polizeieinsatzes

Aus Sicht des Klägers stellt sich die Frage nach unverhältnismäßiger Gewaltanwendung sowieso nicht: Bis heute spüre das Opfer tagtäglich die Auswirkungen des Polizeieinsatzes, teilte sein Anwalt mit. Es würden weitere Monate vergehen, bis in einer weiteren Operation die Implantate entfernt werden können.

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Die Bundespolizei teilte auf Anfrage mit: „Neben dem Ermittlungsverfahren hat die Bundespolizei gegen die drei betroffenen Beamten Disziplinarverfahren eingeleitet, die jedoch aus verfahrensrechtlichen Gründen bis zum Abschluss des Strafverfahrens ,ruhen‘ müssen.“

Neben dem Dortmunder Verfahren ist die juristische Auseinandersetzung auch noch vor dem Verwaltungsgericht in Köln anhängig. Ziel sei es, feststellen zu lassen, dass dieser Polizeieinsatz in der konkreten Ausgestaltung mit Anwendung unmittelbarer Gewalt nicht in Ordnung war, heißt es. Mehrfach ließ die Bundespolizei in Sankt Augustin die Aufforderungen zur Stellungnahme unbeantwortet, gerichtliche Fristen wurden nicht eingehalten. Nun kommt es auch dort zur Klage. Die Bundespolizei, in deren Verantwortung der Einsatz auch geführt wurde, betont, dass sie der Klage mittlerweile erwidert hat.

Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fußballfans nicht neu

Zu Gewaltanwendung seitens der Polizei, die in einem Viertel aller Fälle im Fußballumfeld stattfindet, hatten jüngst die Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum geforscht und berichtet. Zwischen Fußballfans und Polizeibeamten kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen.

*Dieser Artikel wurde im Laufe des Tages aktualisiert.

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