Auf den Spuren der Fußball-Hymne

"You‘ll never walk alone"

Seit rund 20 Jahren stimmt die Südtribüne im Signal Iduna Park "You‘ll never walk alone" an, doch seine Vor-Geburt erlebte der Song schon vor mehr als 100 Jahren. Ein Dokumentar-Film begibt sich nun zwischen auf Spurensuche von "You’ll never walk alone" - und wird weniger in England, sondern vor allem in Budapest fündig.

BUDAPEST

von Matthias Langrock

, 05.07.2016, 15:46 Uhr / Lesedauer: 4 min
Seit rund 20 Jahren wird "You'll Never walk alone" im Westfalenstadion beziehungsweise dem Signal Iduna Park gesungen. Doch die Geschichte des Liedes beginnt noch viel früher.

Seit rund 20 Jahren wird "You'll Never walk alone" im Westfalenstadion beziehungsweise dem Signal Iduna Park gesungen. Doch die Geschichte des Liedes beginnt noch viel früher.

Sommer 2014. Der Regisseur André Schäfer fährt durchs Elsass. Auf der Rückbank sitzt der Schauspieler Joachim Król. Da klingelt Schäfers Telefon. Ein Kollege meldet sich. „Ich bin am Samstag im Stadion gewesen. Da haben die ein Lied gespielt, „You’ll never walk alone“, sagt er und schlägt vor, einen Film über das Lied zu drehen. BVB-Fan Joachim Król, der den Song seit den 70er-Jahren kennt, hört über die Freisprechanlage alles mit. Nach dem Telefonat sagt er: „Wenn ihr das macht, bin ich dabei.“

Wunsch wird wahr

Zwei Sommer später in Budapest: Die größte Synagoge Europas ist an diesem Mittwochmorgen im Juni fast menschenleer. Touristen kommen erst später. In der Mitte spricht Joachim Król mit Kantor Geo Cosmos. Es geht um „You‘ll never walk alone“. Der Film wird gedreht. Joachim Króls Wunsch ist wahr geworden.

Man muss kein Fan des BVB sein, um „You‘ll never walk alone“ zu kennen. Es soll Menschen geben, die nur in den Signal Iduna Park gehen, um sich die 30 000 Fans auf der „Süd“ anzuschauen, wenn sie die erste Zeile „When you walk through the storm“ anstimmen. Aber was hat der Song mit Budapest zu tun? Stammt er nicht aus den 60ern? Aus Liverpool? Von „Gerry and the Pacemakers“?

Spurensuche in der Synagoge 

Nein. „Die Geschichte von ‚You‘ll never walk alone‘ ist eine komplett jüdische Geschichte“, sagt Geo Cosmos. Der Autor des Stücks „Liliom“, Ferenc Molnár: ein Jude. Alfred Polgar, der „Liliom“ ins Deutsche übertragen hat: ein Jude. Rodgers & Hammerstein, die „You‘ll never walk alone“ komponiert und in ihr „Liliom“-Musical eingebaut haben: Juden. Die Synagoge ist ein passender Ort, um mit der Spurensuche zu beginnen. Und dann ist da der religiöse Aspekt des Liedes selbst.

Joachim Król zitiert die Liverpooler Trainer-Legende aus den 60er-Jahren, Bill Shankly, der den Song mit einem Psalm verglichen hat. Und Król macht den Test: Er zeigt Kantor Geo Cosmos den Text von „You‘ll never walk alone“. Und Cosmos singt. Ohne eine Melodie zu kennen. Als Psalm. Auf Hebräisch. In der riesigen Synagoge. Ein Gänsehaut-Moment. „Besser kann‘s nicht losgehen“, sagt Joachim Król kurz darauf beim Mittagessen zu André Schäfer.

Geburtsjahr 1909

Der nächste Morgen in Budapest, Nobel-Café „New York“, das „schönste Café der Welt“, wie Joachim Król findet. Ihm gegenüber nimmt Mátyás Sárközi Platz. Sárközi ist ein bekannter Mann in Ungarn. Doch jetzt geht es um seinen Großvater Ferenc Molnár. Ohne Molnár gäbe es „You’ll never walk alone“ nicht. Mögen die geistlichen Wurzeln von „You’ll never walk alone“ in der Synagoge zu finden sein, die weltlichen liegen hier, im Café New York im Jahr 1909.

Genau an dem Tisch, an dem Joachim Król und Mátyás Sárközi über Ferenc Molnár reden, soll Molnár selbst gearbeitet haben. Er liebte es, im „New York“ zu schreiben, von seinem Tisch auf der Empore auf das Treiben hinunter zu schauen, die Gläser klirren und Kuchengabeln klappern zu hören. So erzählt es Sárközi. Er weiß alles über seinen Großvater – alles und mehr: „Es gibt eine Million Anekdoten über Molnár, und die Hälfte davon stimmt nicht“, sagt er und lacht.

Siegeszug der deutschen Version

Eine dieser Anekdoten lautet, dass Molnár in einer Arbeitsnacht im Jahr 1909 im Café „New York“ die Idee zu „Liliom“ hatte. Doch „Liliom“ kam beim Publikum nicht richtig an, nicht nur bei der Premiere am 7. Dezember 1909. „Heute Abend ist das Stück zum 25. Mal durchgefallen“, soll Molnár selbst gesagt haben. Seinen Siegeszug hat „Liliom“ erst später angetreten, in der deutschen Version von Alfred Polgar.

Auf den Spuren dieses Siegeszugs soll Joachim Król den „Entdecker“ spielen, so sagt es André Schäfer. Und Król steckt voller Begeisterung: „In dem Film steckt so viel von meiner Biografie: Theater trifft Musik trifft Fußball. Eine Arbeit, die die meisten meiner Leidenschaften vereint. Mehr kann man sich fast nicht wünschen. Das ist der Knaller.“ Der 59-Jährige hat sich akribisch auf die Interviews vorbereitet, kann die „Liliom“-Geschichte genau erzählen: Mehrere Komponisten wollen das Werk vertonen. Aber Molnár sagt zwei Jahrzehnte lang allen ab.

Musical-Variante

„Doch dann“, sagt Joachim Król, „dann kam eine Situation, wo er doch zugestimmt hat“. Das ist in den 40er-Jahren. Molnár ist vor den Nationalsozialisten aus Europa nach New York geflohen, vielleicht braucht er Geld. Richard Rodgers und Oscar Hammerstein gestattet Molnár die Musical-Variante von „Liliom“. „Carousel“ wird es heißen. Der berühmteste Song von „Carousel“: „You‘ll never walk alone“. Molnár bedankt sich nach der Premiere tränenüberströmt bei Rodgers & Hammerstein.

Carousel begeistert das Publikum am Broadway. Hollywood macht aus „Carousel“ einen Film. Ihn sieht Ferenc Molnár nicht mehr. 1952 stirbt er in den USA. Doch „Liliom“ kehrt über die Kinosäle nach Europa zurück. Und jetzt beginnt der bekanntere Teil der Geschichte von „You’ll never walk alone“: Im englischen Liverpool sieht Gerry Marsden von „Gerry and the Pacemakers“ den Streifen. Den Film mag er nicht, den Song umso mehr. Er überzeugt seine Band, das Lied zu covern. „Gerry and the Pacemakers“ landen 1963 einen Nummer-1-Hit.

Emotionaler Höhepunkt

Weil Gerry Marsden Liverpooler ist und im Stadion an der Anfield Road Lieder aus der Region gespielt werden, singen bald die Fans des FC Liverpool das Stück. Jahrzehnte später, in den 90er-Jahren, gelangt der Song ins Westfalenstadion, zu den Fans des Vereins, der genau zwölf Tage nach der Uraufführung von „Liliom“ gegründet worden ist. Und dort bleibt die Hymne, mit dem emotionalen Höhepunkt beim Spiel zwischen dem BVB und dem FSV Mainz 05 am 13. März 2016, als Fans beider Lager „You‘ll never walk alone“ gemeinsam anstimmen, nachdem bekannt wird, dass ein Fan an einem Herzinfarkt gestorben ist.

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Joachim Król wird die Reise auf den Spuren des Liedes nach New York führen, nach Hollywood und nach Liverpool. Doch erst einmal geht es in seine Heimatstadt Herne. Am heutigen Dienstagabend dreht das Team im Stadion am Schloss Strünkede beim Testspiel zwischen Westfalia Herne und der U23 des BVB, das um 18.30 Uhr angepfiffen wird. Mit der ersten BVB-Elf sollen die Dreharbeiten enden, bei einem Heimspiel im September. Im Kino wird „You’ll never walk alone“ im nächsten Frühjahr gezeigt. „Die Premiere im April im Signal Iduna Park“, sagt André Schäfer, das sei sein Ziel. Ein Jahr später wird die Produktion ins Fernsehen kommen. Erst wird sie bei Arte, dann im WDR oder in der ARD zu sehen sein.

Aufführung in der Oper

Liliom gilt heute als Ferenc Molnárs erfolgreichstes Stück. Im November wird es erstmals als Oper aufgeführt. Und vielleicht kommt bald eine besondere Premiere hinzu: Kantor Geo Cosmos hat vorgeschlagen, dass Joachim Król, ein muslimischer Muezzin und er selbst als Vertreter dreier großer Religionen „You are never alone“ singen könnten. Und zwar, um zu zeigen, dass hinter dem Lied die Grundidee der Bibel stecke. Das muss sich nicht sofort erschließen. Aber es zeigt: Die Geschichte von „You’ll never walk alone“ geht weiter – nicht nur in den Fußballstadien der Welt.

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