Zwei der wertvollsten BVB-Transfers: Jadon Sancho (r.) und Jude Bellingham. © dpa
Borussia Dortmund

Bellingham, Sancho, Pulisic: BVB-Scouting als Eckpfeiler der Kaderplanung

Immer jünger werden die Talente, nach denen auch der BVB mittlerweile weltweit fahndet. Sie früher zu entdecken und auszubilden, wird ein Eckpfeiler des Dortmunder Personalkonzepts bleiben.

Junior Flores war einer der ersten. Er wagte im Alter von 17 Jahren den Sprung über den großen Teich, um bei Borussia Dortmund den Sprung auf die große Fußball-Bühne zu schaffen. Ein Talent von der IMG Bradenton Academy in Florida, die in den 1970er-Jahren einst von Nick Bolletteri als reines Tennis-Internat gegründet wurde, mittlerweile aber Brutstätte für Talente in allen populären Sportarten ist.

Talenförderung für den BVB als wirtschaftliche Notwendigkeit

Flores‘ Verpflichtung im Sommer 2013 läutete einen Prozess ein, der heute bei allen europäischen Top-Klubs eine Selbstverständlichkeit ist. Talente werden nicht mehr nur im eigenen Land gesichtet, sie werden in ganz Europa gesucht und gefunden. Und manchmal auch ganz weit weg von Dortmund, wofür Flores nur ein Beispiel ist – und Christian Pulisic das vielleicht bekannteste.

Wechselte 2013 zum BVB: Junior Flores. © imago / Thomas Bielefeld

Borussia Dortmund wagte den Schritt zur weltweiten Ausdehnung seiner Scouting-Aktivitäten Anfang der 2010er-Jahre zunächst auch aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus. Im Restrukturierungsprozess nach der Beinahe-Pleite 2005 war Bescheidenheit gefragt, daraus erwuchs die Pflicht zu großer Kreativität bei der Optimierung des Kaders. In Jürgen Klopp hatte der BVB ab 2008 einen Trainer, der das Auge hatte, Talent zu erkennen – und den Mut, es durch viele Einsatzzeiten zu fördern.

Marcel Schmelzer rechtfertigt das Vertrauen von Jürgen Klopp

Marcel Schmelzer ist sicherlich der Spieler, der in dieser Phase unter Klopps schützender Hand den größten Entwicklungsschritt vollzog. Aus dem Internat und von der Ersatzbank der U23 auf der linken Abwehrseite zur Stammkraft in Bundesliga und Champions League – als Klopp Schmelzer nach der schweren Knieverletzung von Fan-Ikone Dede ins kalte Wasser warf, hielten das viele für ein Himmelfahrtskommando. Aber Schmelzer rechtfertigte das Vertrauen.

Marcel Schmelzer (M.) rechtfertigte das Vertrauen von Jürgen Klopp. © dpa

Mit dem Zwang zum Sparen und der Verpflichtung, Talente zu erkennen, bevor alle ihre Angel nach ihnen auswerfen, dazu in Nischen zu fischen, in denen die großen Player nicht schauten, fiel auch die „europäische Grenze“ bei der Suche nach Talenten. Flores war Pionier, im Januar 2015 holte der BVB Pulisic aus Amerika, da war dieser erst 16 Jahre alt. Im Sommer desselben Jahres wechselte Pulisic in die U19, dort spielte er aber nur ein halbes Jahr lang. Er war einfach zu gut und setzte sich nach anfänglichen Anpassungsproblemen dann auch bei den Profis durch.

Christian Pulisic als Paradebeispiel für die BVB-Transferpolitik

Pulisic ist das Paradebeispiel dafür, warum es lohnenswert ist, in den Bereich Scouting viel Geld und Manpower zu investieren. Als er im Januar 2019, vier Jahre nach seiner Verpflichtung, zunächst an den FC Chelsea ausgeliehen wurde, der ihn sechs Monate später fest verpflichtete, brachte er eine Ablöse von 64 Millionen Euro ein. Eine irre Rendite.

Christian Pulisic wechselte für 64 Millionen Euro Ablöse von Borussia Dortmund zum FC Chelsea. © dpa

Mit Deals dieser Art hat sich Borussia Dortmund mittlerweile einen Namen gemacht. In der Szene, auch bei den Nachwuchsspielern selbst, hat sich längst herumgesprochen, dass beim BVB die Entwicklungsmöglichkeiten groß und die Bedingungen nahezu perfekt sind. Sukzessive war die Borussia in den vergangenen Jahren dann auch bereit, für diese Spieler tiefer in die Tasche zu greifen. Jadon Sancho kostete 7,84 Millionen Euro, das war viel Geld für einen 17-Jährigen, der in der Nachwuchsabteilung von Manchester City spielte und bei den Profis allenfalls mal schnuppern durfte. „Doch sein Talent“, hat Nachwuchschef Lars Ricken im Interview mit den Ruhr Nachrichten mal gesagt, „konnte man vom ersten Tag an sehen.“ Die Ablöse war in diesem Fall gut investiert, bei seinem Verkauf an Manchester United kassierte die Borussia zehn Mal so viel, wie sie ausgegeben hatte.

Bynoe-Gittens könnte beim BVB den Sancho-Weg gehen

Spieler wie Sancho, Pulisic oder auch der vor 18 Monaten verpflichtete Jude Bellingham mussten nicht behutsam aufgebaut werden. Sie brachten schon genug Rüstzeug mit. Bellingham sogar ein Jahr Erfahrung in Englands zweiter Liga, als noch 16-Jähriger. Er kostete bereits 20 Millionen Euro, was auch zeigt, dass auch im Markt für diese Spieler die Summen gewaltig in die Höhe schnellen. Andere Spieler bekommen die Zeit, die sie brauchen. Sie leben im Jugendhaus, wo schulische und sportliche Entwicklung gleichermaßen wichtig sind und geschulte Kräfte darauf achten, dass die eine nicht hinter der anderen Komponente zurückstehen muss.

Auf den Spuren von Jadon Sancho: Jamie Bynoe-Gittens. © imago / Revierfoto

Den Weg, auch mit mehr zur Verfügung stehenden Geldmitteln die Talentsuche als einen wichtigen Eckpfeiler der Kaderplanung zu betrachten, ist der BVB konsequent weitergegangen. Potenzielle Bundesliga-Spieler schlummern im Nachwuchsbereich, sie heißen Nnamdi Collins (18), der von Fortuna Düsseldorf an den Rheinlanddamm wechselte, Bradley Fink (18/FC Luzern), Julian Rijkhoff, der Ende des Monats erst 17 wird, aber in der U19 schon für Furore sorgt. Linksaußen Jamie Bynoe-Gittens traut man in Dortmund eine ähnliche Entwicklung wie Sancho zu, auch er ist erst 17. In den meisten Fällen bekam der BVB diese Spieler ablösefrei oder gegen die Zahlung einer vergleichsweise geringen Ausbildungsentschädigung. Der Ruf der Borussia ist so gut, dass es nur wenig Überzeugungsarbeit benötigt.

Alexander Isak scheitert beim BVB an den hohen Erwartungen

Über diesen Weg sicherte sich Borussia Dortmund nun auch die Dienste von Filippo Calixte Mane aus Italien. 16 Jahre alt, ein Innenverteidiger und der nächste Hochtalentierte. Mane soll und wird seine Zeit bekommen, nicht immer führt der Weg so schnell nach oben wie bei Pulisic, Jacob Bruun Larsen, Sancho oder Youssoufa Moukoko, bei dem Borussia Dortmund im Werben hartnäckig blieb, als er gerade einmal zwölf Jahre alt war.

Alexander Isak scheiterte beim BVB an den hohen Erwartungen. © dpa

Und es gibt auch die Fälle, in denen es dann trotz allem Talent nicht klappte. Alexander Isak zum Beispiel scheiterte an der hohen Erwartungshaltung, er war auch körperlich noch nicht bereit. Sein Stern ging erst auf, als er über eine Leihe zu Willem II Tillburg in Spanien bei Real Sociedad landete. Auch Junior Flores hoffte in Dortmund vergeblich auf den Durchbruch. Nach einem Kreuzbandriss endete seine Zeit beim BVB, er musste mit nur 22 Jahren seine Karriere beenden.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.