Borussia Dortmund wartet auf Entscheidung: Geteiltes Königreich

hzBundesliga

Der BVB blickt nach Berlin und auf die Politik. Wie geht es mit der Bundesliga weiter? Am Mittwoch fällt eine Entscheidung über die Fortsetzung der Saison, aber zwei Fronten werden bleiben.

Dortmund

, 06.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Berlin, Berlin, wir schauen nach Berlin. So ist das mittlerweile im Fußball. Und im Moment schaut Hans-Joachim Watzke wohl häufiger nach Berlin, als ihm lieb sein kann. Der Mittwoch ist dabei seit vergangenem Donnerstag fett und rot im Kalender des BVB-Bosses angestrichen, die Kanzlerin spricht – und sie wird der Republik verkünden, wie es mit dem einst so verehrten König Fußball und der Bundesliga weitergehen wird.

BVB erwartet konkreten Fortsetzungstermin für die Bundesliga

Es wird also nach Wochen der Ungewissheit eine Antwort geben, ob der Ball in den beiden höchsten deutschen Spielklassen, die seit dem 13. März wegen der Corona-Krise pausieren, wieder rollen darf. Vieles deutet auf ein Ja hin. Vermutlich wird sogar ein konkreter Fortsetzungstermin für die Bundesliga-Saison genannt werden. Vieles deutet auf den 15. Mai hin. Zwei Fronten aber, das ist jetzt schon sicher, werden bleiben – egal, was Angela Merkel am Mittwoch sagen oder nicht sagen wird.

Jetzt lesen

Es wird das Lager geben, das die Fortsetzung der Bundesliga begrüßt und sie richtig findet. Und es wird das Lager geben, das diese Fortsetzung nicht nachvollziehen kann und sie für falsch hält. In der öffentlichen Debatte wird sich also vermutlich nicht besonders viel ändern, denn es wird schon länger nicht mehr konstruktiv diskutiert, es wird eigentlich nur noch gegeneinander gewettert.

Fußball ohne Sonderrolle?

Die Standpunkte sind verhärtet. Die Liga argumentiert, dass sie das Infektionsrisiko für alle Beteiligten durch ihr Sicherheits- und Hygienekonzept so gering wie irgendwie möglich hält und obendrein der Bevölkerung keine Covid-19-Testkapazitäten wegnehme. Der Fußball wolle keine Sonderrolle der Politik in Anspruch nehmen und tue dies auch nicht, heißt es. Eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison sei wirtschaftlich alternativlos, allein schon wegen noch einzustreichender Fernsehgelder in Höhe von mehr als 300 Millionen Euro. Hans-Joachim Watzke formuliert es so: „Wenn wir die nächsten Monate nicht mehr spielen, dann säuft die ganze Bundesliga ab.“ Watzke versteht diese Botschaft durchaus als Drohung.

Für viele Kritiker klingen Watzkes Worte dagegen offensichtlich eher wie eine Chance. Der Profifußball habe sich viel zu weit von der Gesellschaft entfernt, heißt es immer wieder. Es gebe nicht mehr allzu viel zu verlieren. Außerdem sei eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison während einer Pandemie sowohl aus medizinischer als auch aus moralischer Sicht nicht vertretbar. Der Profifußball beanspruche sehr wohl eine Sonderrolle für sich. Kindergärten und Restaurants müssten geschlossen bleiben, Jugendliche dürften nicht auf den Bolzplatz, aber in der Bundesliga solle wieder gespielt werden. Darüber hinaus bestehe die Gefahr, dass das Infektionsrisiko wieder steige, wenn sich Menschen zum Fußballschauen träfen.

Das Königreich Fußball zerfällt in zwei Teile

Die Liga hat längst zur Kenntnis genommen, dass für König Fußball nicht mehr alles einfach so durchgewinkt wird. Das Königreich zerfällt in zwei Teile. In der Theorie stehen Besserung und Demut auf dem Plan, in die Praxis durchgeschlagen ist davon bislang eher wenig.

Jetzt lesen

Christian Seifert, der Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), hat jüngst zu Protokoll gegeben, er frage sich, was der Fußball in den vergangenen Jahren falsch gemacht habe. Schon ein kurzer Blick in die Zeitungen dieser Woche dürfte ihm einen ersten Überblick darüber verschafft haben. Denn es ist nicht unbedingt so, dass die Bundesliga-Gegner derzeit eifrig nach Argumenten für einen Saison-Abbruch suchen müssten. Einfach nur abwarten reicht schon aus. Der Profifußball sägt selbst mit aller Kraft an dem dünnen Ast, auf dem er noch sitzt.

Köln-Profi zweifelt an Akzeptanz in Spielerkreisen

Am Wochenende äußerte der Kölner Spieler Birger Verstraete in einem Interview große Bedenken, was eine Fortsetzung der Saison angehe. „Mein Kopf ist nicht beim Fußball“, sagte er dem belgischen Fernsehsender „VTM“, nachdem beim 1. FC Köln zwei seiner Mitspieler und ein Physiotherapeut positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Seine Freundin gehöre zur Risikogruppe, sagte Verstraete – und zweifelte öffentlich an der Akzeptanz für eine Saison-Fortsetzung in Spielerkreisen. „Wenn jeder Spieler anonym entscheiden könnte, bin ich sehr gespannt, wie die Abstimmung ausgehen würde“, erklärte er.

Anstatt mit Empathie und Verständnis für den Spieler reagierte der Klub eher mit einer Art Richtigstellung, legte Verstraete Zitate der Läuterung in den Mund und verwies auf vermeintliche Übersetzungsfehler beim Auswerten des Interviews. Die hatte es allerdings nie gegeben.

DFL verpasst Klubs einen Maulkorb

Am Sonntagabend dann verpasste die DFL ihren Klubs per E-Mail keinen Mundschutz, sondern gleich einen Maulkorb. Die Klubs sollten besser keine Testergebnisse mehr veröffentlichen, das übernehme die Dachorganisation lieber selbst. Vermutlich nicht aus Gründen der Transparenz, wohl eher aus Gründen der Kontrolle. Am Montag folgte jedenfalls die zentrale Ergebnis-Bekanntgabe: Insgesamt hätten die ersten Tests bei den 36 Profiklubs der ersten und zweiten Liga zehn Corona-Fälle zutage gefördert, teilte die Liga mit.

Die Nachricht avancierte allerdings eher zur Nebensache, weil Herthas Stürmer Salomon Kalou da bereits mit gezogenem Handy wild durch den Kabinentrakt der Alten Dame aus Berlin geschossen hatte. Der Fußball blickte zwei Tage eher in Richtung Hauptstadt, als er ursprünglich gedacht hatte – und er sah live im Internet, wie das Hygienekonzept der DFL mit Füßen getreten wurde. In der Hertha-Kabine wurde sich freundlich per Handschlag begrüßt, ein Physiotherapeut mit dürftiger Schutzkleidung führte unsachgerecht einen Corona-Test durch und schrie: „Sala, lösch‘ das bitte!“ Ein bisschen gespottet über das tödliche Virus wurde am Ende auch noch.

Die einen in Quarantäne, die anderen auf dem Platz

Am gestrigen Dienstag schließlich musste sich die komplette Mannschaft des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue in häusliche Quarantäne begeben, zunächst einmal bis Donnerstag, während beispielsweise RB Leipzig das Mannschaftstraining wieder aufnahm. Auch bei Borussia Mönchengladbach wurden positive Corona-Tests publik, dort allerdings lief das Training wie auch in Köln weiter, weil nur die positiv getesteten Personen isoliert wurden.

Jetzt lesen

Die Meldungen der vergangenen Tage lassen den Blick des Profifußballs nach Berlin am Mittwoch also noch ein bisschen gespannter werden. Die Liga und die Klubs haben es nicht geschafft, sich auf eine einheitliche Linie festzulegen. Das zeigt allein die Tatsache, dass mancherorts schon wieder Mannschaftstraining stattfindet, andernorts aber noch nicht. Selbst dafür reicht die oft beschworene Solidarität augenscheinlich nicht aus. Einzelne Profis torpedieren den vorgegebenen Weg mit ihren Aussagen oder ihrem Verhalten. Auch der Plan der DFL, Testergebnisse zentral aus Frankfurt mitzuteilen, ist gescheitert. Bleibt die Frage, ob wenigstens ihr Masterplan zur Saison-Fortsetzung greift.

Lesen Sie jetzt