Botschafter statt Dampfplauderer: Ex-BVB-Profi Martin Amedick klärt über Depressionen auf

hzBorussia Dortmund

Ex-Borusse Martin Amedick machte seine psychische Erkrankung während der Karriere öffentlich, nun will er Sportpsychologe werden. Den Job hält er im Fußball mittlerweile für unverzichtbar.

von Leon Elspaß

Dortmund

, 16.11.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es gibt eine Frage, die am Ende jeder Sportkarriere gestellt werden könnte: Was bleibt? Häufig sind es nur ein paar Eintragungen in irgendeinem Almanach, Zahlenspielerei. Die Erinnerungen an einstmals bejubelte Leistungen verblassen – und jene an die Sportler gleich mit.

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Ausnahmen sind die, denen entweder exorbitant Herausragendes gelungen ist. Oder die es verstehen, sich auch nach ihrer Laufbahn zu präsentieren. Einige tun das zuvorderst ihrer selbst willen, andere, weil sie etwas wirklich Substanzielles beitragen möchten. So einer ist Martin Amedick.

Martin Amedick steckte immer wieder in depressiven Phasen

Der ehemalige Fußballer, vormals auch für Borussia Dortmund aktiv und ingesamt mit 74 Auftritten in der Bundesliga, bekannte 2012 als Spieler von Eintracht Frankfurt, an einem „temporären Erschöpfungssyndrom“ zu leiden.

Im Speziellen war es eine bipolare affektive Störung, ausgelöst von wohl unterschiedlichsten Stressfaktoren wie dem Tod seines Schwiegervaters und vielen außersportlichen Verpflichtungen.

Botschafter statt Dampfplauderer: Ex-BVB-Profi Martin Amedick klärt über Depressionen auf

In seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt machte der Innenverteidiger seine Erkrankungg öffentlich. © imago sportfotodienst

Amedick steckte in dieser Zeit immer wieder in depressiven Phasen, erst beim 1. FC Kaiserslautern, dann in Frankfurt. Letztlich ließ sich der heute 37-Jährige therapieren und kehrte wenig später zurück in seinen gewohnten Arbeitsalltag.

Seit einigen Jahren erzählt er bereitwillig von seinen Erlebnissen und der Depression. Amedick versucht, für psychische Erkrankungen zu sensibilisieren – und betreibt Aufklärungsarbeit.

Auch Gianluigi Buffon war von einer psychischen Erkrankung befallen

Gemeinsam mit Autor Ronald Reng – einem guten Freund von Ex-Nationaltorwart Robert Enke, der sich vor zehn Jahren an Depressionen erkrankt das Leben nahm – hält er Vorträge in den Nachwuchsleistungszentren des Landes.

Kürzlich besuchten sie im Namen der Robert-Enke-Stiftung Union Berlin, berichteten von Depressionen, möglichen Auslösern, Therapiewegen – und Sportlergrößen wie Gianluigi Buffon, der zwischenzeitlich ebenfalls von einer psychischen Erkrankung befallen bis heute bei Juventus Turin unter Vertrag steht.

„Als zunächst Robert und dann ich erkrankten, gab es wenig Hilfe“

Dass die Rückkehr von Spitzensportlern nach Behandlung und öffentlichem Outing versperrt ist, bleibt eine weit verbreitete Mär. Auch dagegen versuchen Reng und Amedick anzugehen, mit Wortmeldungen in den Medien und im unmittelbaren Gespräch mit den Protagonisten.

„Ich denke“, sagt der frühere Fußballprofi, „dass wir den Zuhörern schon einiges mit auf den Weg geben konnten.“ Das 2016 gestartete Projekt sei bis heute gefragt. Mehr als 20 Veranstaltungen haben er und Reng seither absolviert.

Botschafter statt Dampfplauderer: Ex-BVB-Profi Martin Amedick klärt über Depressionen auf

Der Durchbruch beim BVB blieb Martin Amedick verwehrt. © imago sportfotodienst

In Gänze sei die Robert-Enke-Stiftung dafür verantwortlich, meint Amedick, dass sich die Hilfssysteme für psychisch erkrankte Sportler deutlich verbessert hätten.

„Als zunächst Robert und dann ich erkrankten, gab es wenig Hilfe“, erklärt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Ebenso wie der verstorbene Nationalkeeper musste sich Amedick mit seiner Familie aufwendig um professionelle Ansprechpartner bemühen, heute „ist da ein Netzwerk mit über 70 Sportpsychotherapeuten.“ Zügig könnten erkrankte Athleten dank der Stiftung Therapietermine erhalten.

Das Stadion ist kein sonderlich empathischer Ort

Reichlich Optimierungspotenzial im Umgang mit psychischen Erkrankungen besteht im dann doch eher harten Geschäft allerdings weiterhin.

Innerhalb wie außerhalb der Vereine tummeln sich einige, die noch immer nicht das passende Verständnis für derlei Erkrankungen entwickelt haben. Das Stadion ist weiterhin kein sonderlich empathischer Ort, Schreihälse gibt es überall. Und auch Medienleute haben einen Platz in dieser Rechnung.

Urteile zu fällen, gehört zu ihrem Aufgabenfeld, kritische Worte bedacht zu wählen, allerdings auch. All das in Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung zu setzen, wäre freilich falsch. Dass sich erkrankte Athleten aber für das Versteckspiel entscheiden und eine Behandlung verweigern, weil sie Sorgen vor den Folgen haben, zeigt der Fall Enke.

Martin Amedick studiert in Bielefeld Psychologie

Amedick, der alsbald ins Fußballgeschäft zurückkehren möchte, plagte sich gleichfalls mit diesen Gedanken, ehe er sich an die Öffentlichkeit und Ärzte richtete.

Künftig will er selbst als Sportpsychologe arbeiten, studiert in Bielefeld deshalb Psychologie. Den Bachelor hat er fast vollendet, einzig die Abschlussarbeit und das Praktikum fehlen noch. Dafür wird sich Amedick mit der Arbeit von Sportpsychologen in Nachwuchsleistungszentren beschäftigen. Dem Beruf, den er nach vollendeter Lehre ebenfalls ausüben will.

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Beim 1. FC Kaiserslautern war Martin Amedick Kapitän. © picture alliance / dpa

Seit ein paar Jahren sind die deutschen Profiteams dazu verpflichtet, den Posten des Sportpsychologen in ihren NLZs zu besetzen.

Warum die Experten dort unverzichtbar seien? „Die Spieler haben unglaubliche Wochenpläne, viele Termine.“ Pendeln sie doch zwischen den schulischen und sportlichen Verpflichtungen. „Dass für sie zumindest die Option besteht, den Stress aufzulösen, ist sehr wichtig“, glaubt Amedick. Außerdem werde es „einen Spieler immer vorwärts bringen, wenn da jemand ist, der ihn spiegelt.“

Früher stand Martin Amedick auf der Südtribüne

Trotz der eigens erlebten strukturellen Probleme im Fußball und der seinerzeit aufkeimenden psychischen Erkrankung fällt die Rückschau des ehemaligen Innenverteidigers auf über ein Jahrzehnt Profidasein keineswegs negativ aus.

Amedick, der mit seiner Frau und dem sechseinhalb Jahre jungen Kind nach Ostwestfalen zurückkehrt ist, war unter anderem Kapitän bei Bundesligist Kaiserslautern – und spielte zwei Saisons beim BVB, seinem Lieblingsverein, den er als Jugendlicher häufig auf der Südtribüne unterstützt hatte.

„Eine andere Welt“ sei das gewesen, als er 2006 von Zweitligist Braunschweig zur Borussia kam, erzählt Amedick. Alles erschien größer – und das Niveau deutlich höher.

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Martin Amedick spielte zwei Saisons für die Schwarzgelben. © picture-alliance/ dpa

Mit Bert van Marwijk, Jürgen Röber und Thomas Doll erlebte er drei Trainer in seiner Premierenspielzeit, wobei er bei letzterem zunächst „gar keine Chance“ hatte. Erst nach Monaten erkämpfte sich Amedick einen Startplatz, hätte 2008 beinahe im Pokalfinale gegen Bayern München (1:2) mitmachen dürfen. Letztlich wurde er jedoch erneut auf die Bank versetzt – und wenige Wochen später nach zusammengezählt 38 absolvierten Pflichtspielen im schwarzgelben Dress aussortiert.

Jürgen Klopp entschied sich für Neven Subotic und Mats Hummels

Jürgen Klopp, damals kurz zuvor als neuer Frontmann präsentiert, präferierte Neuzugang Neven Subotic und Mats Hummels, der im Pokalfinale noch neben Amedick auf der Bank gesessen hatte. Während Hummels acht Jahre später den Gewinn der Weltmeisterschaft bejubeln durfte, entwickelte Amedick seine völlig eigene Berufung.

Der Ex-Profi trat nicht in den Klub der Dampfplauderer ein. Er wurde kein Sprücheklopfer, sondern authentischer Botschafter – und fühlt sich sehr wohl damit.

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