Bundesliga-Neustart gegen Schalke wird für den BVB zum Charaktertest

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Ausgerechnet mit dem Revierderby geht es für Borussia Dortmund in den Bundesliga-Neustart. Der fehlende Support wiegt doppelt schwer. Auf den BVB wartet ein Stress- und Charaktertest.

Dortmund

, 16.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Stadion hat Borussia Dortmund am Mittwoch versucht zu simulieren, was vielleicht gar nicht zu simulieren ist. Ein Spiel ohne Kulisse, ein komplett anderer Ablauf als gewohnt. Und das nach einer Pause von neun Wochen, die sich surreal anfühlte, weil es ja in Wirklichkeit keine Pause war. Mit Abschalten, Sommer und Sommerurlaub. Sondern eine Zeit im Stand-by-Modus, geprägt vom Warten auf die Antwort nach der Frage, wie und ob überhaupt es weitergeht.

Ja, es geht weiter für den BVB, für die Liga und das Hochglanzprodukt Fußball-Bundesliga. Deren wichtigste Funktionäre mussten reichlich Lobbyarbeit betreiben, um die Politik davon zu überzeugen, dass 90 Minuten ohne Fans und Stimmung in Coronazeiten wichtig und immer noch besser sind als gar kein Fußball. Und dass es notwendig und legitim ist, dass weitergespielt wird. Obwohl sich die Gesellschaft doch mit ganz anderen Problemen herumschlagen muss und es viele, viele wichtigere Dinge gibt.

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Auch Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 waren vehemente Befürworter für eine Saisonfortsetzung. Aus ähnlichen Motiven, aber mit gänzlich anderen Grundvoraussetzungen. Dass ein Abbruch der Spielzeit an den Grundfesten der Liga gerüttelt und einige Vereine wohl das Überleben gekostet hätte, darin waren sich die Revierrivalen einig. Der FC Schalke argumentierte allerdings als direkt Betroffener. Dass der Ball wieder rollt (und damit auch die Millionen aus der TV-Vermarktung), rettet die Königsblauen womöglich vor der Zahlungsunfähigkeit. Nicht nur der S04 war akut bedroht, aber eben auch der neben dem BVB zweite bedeutende Ruhrgebietsklub. Und eine Liga ohne Schalke wünscht sich noch nicht einmal Hans-Joachim Watzke, der starke Mann des ärgsten Konkurrenten.

Der BVB simuliert das Revierderby im Signal Iduna Park

Sogar die Einlaufmusik fehlte nicht, als der BVB-Tross im Signal Iduna Park am Mittwoch so tat, als wäre „Matchday“. Auch Stadionsprecher Norbert Dickel war da und verlas die Aufstellungen. Man könnte das abtun als etwas übertriebene Akribie in der arg kurzen Vorbereitung. Weil nichts unbedacht bleiben darf. Schaut man zurück und betrachtet sich den Verlauf der bisherigen Saison (was nicht leicht fällt, denn sie erscheint unendlich lange her), würde man sich allerdings wünschen, Lucien Favre hätte dieses Prozedere am besten täglich durchexerziert.

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Den kaum ein anderer Bundesligist lässt sich so von dem Support der eigenen Anhänger zu Höchstleistungen pushen, kaum einem anderen Klub, zumindest aus der Spitzengruppe, fällt es so schwer, dieses Niveau auch anzubieten, wenn diese Unterstützung nicht so intensiv da ist oder ganz fehlt. Sei es, weil man auswärts antreten muss. Oder weil die Zuschauer nicht ins Stadion dürfen.

Für den BVB sind Geisterspiele ein doppeltes Handicap

Beispielhaft dafür steht Borussia Dortmunds letztes Pflichtspiel vor der langen Zwangspause. Schon vergessen? Es war das 0:2 in Paris, das den BVB aus der Champions League katapultierte. Ein Auswärtsspiel. Und auch noch ganz ohne Fans. Quasi ein doppeltes Handicap.

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Die Sorge, mit dem Fehlen der Heimfans in ihren Rücken auch die Heimstärke als wichtigen Faustpfand im Meisterschaftsrennen zu verlieren, spricht niemand öffentlich aus. Sie ist aber ganz sicher in den Köpfen. Bei Favre, dem Trainer, bei seinen Assistenten, bei Sportdirektor Michael Zorc, der ein gutes Gefühl für die Strömungen innerhalb des Teams besitzt. Paris ist nicht nur für ihn ein Alarmsignal und warnendes Beispiel.

BVB erlebte zuletzt zahlreiche Enttäuschungen gegen Schalke

So wartet auf Fans, Verantwortliche und Spieler ein Kaltstart ins Ungewisse. Niemand weiß so recht, wo er steht. Das gilt zumindest für beide Revierrivalen und ist mithin ein Positiv-Punkt auf der Liste der Borussia, die ja einiges gut zu machen hat nach zuletzt zwei Derbys mit acht Gegentoren, einer Niederlage, die die Meisterschaft kostete und einem 4:4, das sich wie eine weitere Niederlage anfühlte.

Sportlich ist die Ausgangslage kaum zu bewerten. Schalke taumelte bis zur Pause durch die Rückrunde, hat aber eindeutig profitiert von der Unterbrechung. Einige wichtige Stützen sind zurück. In Dortmund hingegen meldeten sich die Muskeln bei einigen Akteuren mit lautem Protest, als die Belastung nach Wochen im „Homeoffice“ im Eiltempo wieder hochgefahren werden musste.

Favre muss das defensive BVB-Mittelfeld neu besetzen

Seine zentrale defensive Mittelfeld-Achse muss Trainer Favre neu besetzen. Das ist ein herber Schlag ins Kontor für den BVB. Gerade Winter-Verpflichtung Emre Can wäre einer, der in so einem emotionsgeladenen Spiel den Kopf oben und das Herz in der Hand behalten würde. Can aber fehlt ebenso wie Axel Witsel, das Gehirn in der Zentrale. Auch Kapitän Marco Reus laboriert immer noch an einer nicht näher spezifizierten Muskel-Blessur aus dem Februar, andere lahmten zwischendurch auch und scheinen kaum bereit für 90 Minuten intensiven Derby-Fußball. Wie intensiv es dann wirklich wird, wenn die Anfeuerung fehlt, die die letzten Prozente aus den Spielern herauskitzeln kann, das muss man mal sehen.

Nicht nur in Dortmund schwebt das Damoklesschwert weiterer Positiv-Tests auf das Coronavirus zum Neustart der Bundesliga über dem Stadion. Die Liga balanciert in großer Höhe auf einem sehr dünnen Seil, sie trotzt auch dem gesellschaftlichen Protest einer größer werdenden Zahl an Fans, die den Auswuchs immer höherer Ablösesummen, immer höherer Spieler-Gehälter und Vereins-Etats, die extrem auf Kante gestrickt sind, nicht mehr mittragen wollen.

BVB-Boss Watzke: „Umdenken und etwas mehr Demut“

Selten in der Vergangenheit wurde so detailliert und distanziert auf das abgehobene und realitätsferne Konstrukt Profifußball geschaut wie in den vergangenen Wochen. Selten zuvor wurden die Protagonisten dieses gigantischen Geldumschlagsplatzes namens Bundesliga so kritisch hinterfragt.

Als sie den größer werdenden Gegenwind spürte, hat sich die Liga durch ihren Geschäftsführer Christian Seifert an der Spitze Demut verordnet. Auch Dortmunds Hans-Joachim Watzke hat für die Zukunft dem Profifußball ein „Umdenken und etwas mehr Demut“ auf die Fahnen geschrieben. Nun muss die Branche diese Worte mit Leben füllen. Ein mitreißendes, mit ehrlichem Kampf geführtes Derby wäre ein Anfang.

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