Bundestrainer Joachim Löw musste eine Niederlage zum EM-Auftakt gegen Frankreich hinnehmen. © imago images/Laci Perenyi
Meinung

Bundestrainer Joachim Löw hat Recht – auch im negativen Sinn

Es sei nicht viel passiert, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:1 gegen Frankreich mit Blick auf die Europameisterschaft. Das stimmt - auch im negativen Sinne. Jürgen Koers kommentiert.

Joachim Löw hatte vollkommen Recht. Es sei noch nichts passiert, meinte der Bundestrainer. Er lag damit richtig, weil er unterstreichen wollte, dass die 0:1-Niederlage gegen Frankreich nicht das Ende der deutschen Ambitionen bei dieser Europameisterschaft bedeutet. Was Löw nicht sagte: Seine Mannschaft muss sich in allen Mannschaftsteilen, vor allem in der Offensive deutlich steigern, wenn diese EM nicht unerwartet früh enden soll. Denn auch fußballerisch ist nicht viel passiert.

Das DFB-Team kann mit der Defensivleistung gegen Frankreich arbeiten

Es ist ja keine Blamage, gegen weltmeisterlich-pragmatische Franzosen knapp zu verlieren. Dann auch noch durch ein höchst ärgerliches Eigentor. Die gefürchtete Angriffsreihe des Weltmeisters hatte die DFB-Elf weitgehend unter Kontrolle und bei zwei Treffern das Abseitsglück auf ihrer Seite. Damit kann man arbeiten mit Blick auf das erklärte Ziel, defensiv stabiler zu stehen, weniger Gegentore zu kassieren. Nicht jeder Gegner im EM-Turnier hat Stürmer dieser Qualität in seinen Reihen.

Was der deutschen Mannschaftsführung zu denken geben muss: Lediglich zwei nennenswerte Chancen (Müller, Gnabry) herauszuspielen, kann bei so vielen Topspielern nicht als Ausbeute ausreichen. Im Vorwärtsgang stockte der Ballvortrag bereits im Zentrum bei den beiden Sechsern Toni Kroos und Ilkay Gündogan, die selten die Verbindung zur offensiven Dreierreihe herstellen konnten. Auf den Flügeln beschworen zwei Flanken von Robin Gosens Gefahr herauf – das war es dann auch schon, trotz einer langen, vergeblichen Drangphase im zweiten Durchgang. Die Dreierreihe um Kai Havertz, Serge Gnabry und Thomas Müller blieb durch die Bank blass. Wenig Struktur, viel Stückwerk.

Löw wird sich fragen, warum das DFB-Team so unharmonisch auftritt

Womit wir bei Löw wären. Warum diese illustre Schar an international erfolgreichen Kickern im DFB-Trikot beim Verständnis untereinander, bei der Spielidee und in den Abläufen so unharmonisch auftritt wie am Dienstagabend, wird der Bundestrainer sich auch selbst fragen. Dass jeder dieser Nationalspieler individuell viel besser kicken kann, haben sie unzählige Male gezeigt. Warum es unter Löw einzeln und als Mannschaft nur selten gelingt, ist als Frage bald obsolet. Die Ära Löw endet mit dem Ausscheiden Deutschlands im Turnier.

Davon ist die Mannschaft trotz des 0:1 gegen Frankreich ein gutes Stück entfernt, sogar vier von sechs Gruppendritten erreichen ja die K.o.-Runde bei diesem Turnier. In diese Richtung ist tatsächlich noch nichts passiert – allerdings auch nicht besonders viel im positiven Sinne. Viel schlauer ist man bei dieser deutschen Elf also nicht nach dem EM-Auftakt. Außer bei der abermaligen Feststellung, dass sie bis zu ihrem potenziellen Leistungsvermögen noch sehr viel Luft nach oben hat.

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BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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