Die Gerüchte um Erling Haaland werden den BVB auch in den kommenden Wochen begleiten. © imago / firo
Meinung

BVB-Chance auf versöhnlichen Abschluss – doch es droht ein unruhiger Sommer

Der BVB schafft durch den Einzug ins Pokalfinale die Voraussetzungen für einen versöhnlichen Abschluss. Vier Spiele entscheiden über die Bewertung dieser Saison. Unruhe droht im Sommer in jedem Fall.

Der Schock war nicht nur in Edin Terzics Gesicht deutlich erkennbar. Vier Jahre hatte Borussia Dortmund warten müssen auf die Rückkehr ins deutsche Pokalfinale, doch der Moment, als das große Ziel erreicht war, war keiner zum Freuen. Spieler beider Mannschaften standen auf dem Rasen einträchtig beieinander und diskutierten über die Szene, die den Pokalerfolg in den Hintergrund rückte. Der Dortmunder Coach, sonst an der Seitenlinie ein permanenter Antreiber, saß in der Schlussviertelstunde wie ein Häufchen Elend auf der Trainerbank.

Zu passive Kieler werden von der BVB-Offensive überrollt

Die schwere Knie-Verletzung von Mateu Morey überlagerte deutlich die Freude über eine erneut eindrucksvolle Darbietung einer Mannschaft, die ihr großes Potenzial in dieser Saison viel zu oft nicht an die Oberfläche befördern konnte. Kiel war fast schon bemitleidenswert unterlegen. Nicht nur der bundesligaerfahrene Fin Bartels fragte sich nach der Phase zwischen der 16. und 42. Minute, in der Holstein fünf Wirkungstreffer schlucken musste: „Was machst du eigentlich hier in einem Pokal-Halbfinale?“

Die (zu) große Passivität des Zweitligisten bei den Gegentoren war die eine Seite der Medaille. Dass Borussia Dortmund diese mit einer Konsequenz bestrafte, die man in der Vergangenheit sehr oft vermisst hatte, wenn diese Mannschaft zu verschnörkelt und wenig zielstrebig agiert und ihre Chancen fahrlässig liegengelassen hatte, die andere.

Dem BVB bietet sich die Chance auf einen versöhnlichen Abschluss

Die aus Dortmunder Sicht schöne Seite: Nach unruhigen Monaten mit starken und unerklärlichen Leistungsschwankungen hat Borussia Dortmund sein Spiel auf einem hohen Niveau stabilisiert. Das 5:0 gegen Kiel war der vierte Pflichtsieg nacheinander, der dritte in Serie ohne Gegentor. Jeder weitere Erfolg nährt die Hoffnung, dass es ein dauerhafter Aufschwung ist. Damit hat sich der Kader die Chance auf einen versöhnlichen Saisonabschluss herausgespielt – mehr aber auch noch nicht. Es bleiben vier Pflichtspiele, bis der Vorhang fällt. Und diese vier Partien entscheiden darüber, wie die Bilanz ausfallen wird.

Die ersten beiden Partien sind dabei von besonderer Brisanz, weil es binnen sechs Tagen zwei Mal gegen RB Leipzig geht. Nach dem eindrucksvollen Pokalsieg nimmt Dortmund viel Selbstvertrauen mit in diese Vergleiche, sicher auch mehr als der aufstrebende Brauseklub, der sich anschickt, der Borussia den Rang als größter Bayern-Konkurrent abzulaufen. Und es ist vielleicht sogar ein Vorteil, dass sich Terzic über Belastungsverteilung und eine Priorisierung der beiden Vergleiche mit RB gar keine Gedanken machen muss. Die drei Punkte am kommenden Samstag sind überlebenswichtig, für den fünften Pokalsieg der Vereinsgeschichte wird der BVB ohnehin alles geben. Da wird es kein großes Taktieren geben.

Die BVB-Offensive funktioniert auch ohne Erling Haaland

Kleiner, aber vielleicht wertvoller Erkenntnisgewinn des Pokalsiegs gegen Kiel: Es kann auch ohne Erling Haaland funktionieren. Auch wenn man anerkennen muss, dass der Zweitligist am Samstagabend kein ebenbürtiger Gegner war und der Vergleich zu den nun anstehenden und allesamt schwierigeren Spielen naturgemäß etwas hinkt, war es doch aus Terzics Sicht beruhigend, dass sich seine Mannschaften Torchancen fast im Dutzend herausspielen und immerhin fünf davon auch nutzen konnte. Ohne den Norweger war der BVB zumindest in diesem einen Spiel offensiv schwerer zu lesen und auszurechnen. Haaland sah das von der Tribüne aus und bejubelte jeden Dortmunder Treffer demonstrativ mit besonderer Innbrunst.

Apropos Haaland: Mino Raiola, der mit allen Wassern gewaschene Berater des 20-Jährigen, hat am Wochenende noch einmal klar gemacht, dass ihn eine klare Ansage aus der Dortmunder Führungsetage zur Zukunft seines Schützlings ebenso wenig interessiert wie der bestehende und noch drei weitere Jahre laufende Vertrag seines wertvollsten Klienten. Die Aktion war ein weiterer Beleg dafür, dass Raiola nicht aufhören wird mit dem Versuch, die BVB-Bosse durch permanente Störfeuer zu zermürben. Er wird nicht aufhören, immer wieder ins selbe Horn zu stoßen. Nicht, dass es dieses Beweises noch bedurft hätte. Dass der mächtige Mann aus Italien auch mit fiesen Tricks arbeiten kann, hat Borussia Dortmund schließlich in den Verhandlungen über den Transfer von Henrik Mkhitaryan seinerzeit am eigenen Leib erfahren.

Haaland-Spekulationen könnten die Betriebsruhe beim stören

Man kann das nun als das bekannte Spielchen des gewieften Geschäftsmannes abtun, das sich ohnehin nicht verhindern lässt und das man daher am besten einfach ignoriert – so kommunizieren es die BVB-Bosse mit stoischer Gelassenheit. Man sollte allerdings die Gefahr nicht unterschätzen, dass die nun im Wochenrhythmus immer wieder neu entfachten Diskussionen um einen Sommer-Wechsel Haalands irgendwann die Betriebsruhe dann doch empfindlich stören könnten. Das wird nicht in den noch drei Wochen bis zum Saisonende der Fall sein, könnte aber in der wichtigen Vorbereitung auf die neue Spielzeit ein Thema werden. Es droht ein unruhiger Sommer. Darauf sind sie in Dortmund allerdings wohl auch eingestellt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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