(Fast) leere Stadien gehören der Vergangenheit an – trotzdem wollen nicht alle BVB-Fans auf die Tribünen des Signal Iduna Park zurückkehren. © picture alliance/dpa
Borussia Dortmund

BVB-Fans zwischen Lethargie, gebremster Lust und Neugier

Mit einer groß angelegten Umfrage hat der BVB die Stimmung seiner Fans eingefangen. Mittlerweile liegen die Ergebnisse vor – und wir lassen die BVB-Fans zu Wort kommen.

„Die Bindung zum Verein hat bei mir persönlich sehr stark abgenommen“, berichtet Fabian Rustemeier. Er ist einer derjenigen gewesen, die sich vor der Pandemie kein Spiel entgehen lassen haben. Einer, der Woche für Woche auf der Südtribüne oder eben im Auswärtsblock seine Stimme geopfert hat. Und der jetzt, nach etwas mehr als anderthalb Corona-Jahren, noch nicht wieder im Stadion war. Das wolle er demnächst sicher mal tun, allerdings drängt es ihn nicht, denn: „Was mich stört, ist diese große Euphorie, so als sei die ganze Zeit nichts passiert.“

Dabei ist jede Menge passiert. Um das Stimmungsbild der schwarzgelben Anhänger wie Rustemeier einzuholen, hat der BVB im Frühjahr dieses Jahres eine großangelegte Fan-Umfrage in Auftrag gegeben: Wie sehr hat das Verhältnis zum Verein durch die Pandemie gelitten? Wie groß ist der Stellenwert von König Fußball noch? Gehen die Mitglieder der aktiven Fan-Szene überhaupt noch ins Stadion? 28.000 Anhänger haben letztlich teilgenommen – und deutliche Ergebnisse hervorgebracht.

Stellenwert des BVB sinkt bei den schwarzgelben Fans deutlich

Rustemeier ist einer von vielen, die den Bezug zum Fußball und zu Borussia Dortmund im Laufe der vergangenen Monate teilweise verloren haben. Noch vor der Pandemie stuften 90 Prozent der Befragten den Stellenwert des BVB in ihrem Leben als „hoch“ ein. Viele Geisterspiele und umstrittene Entscheidungen auf Vereins- und Verbandsebene später – gerade zu Beginn der Pandemie – sank dieser Anteil auf etwa 60 Prozent.

Für Thilo Danielsmeyer, Leiter des Fanprojekts Dortmund, stellt dieser Verlust keine Überraschung dar: „Das ist nicht verwunderlich. Durch den Stadionbesuch hat der BVB hier eine ganz besondere Rolle. Nun haben die Menschen aber gesehen, dass es auch andere Sachen außerhalb vom Fußball gibt, die wichtig sind.“

Auch im Leben von Alexey Novikov spielt der BVB aktuell nicht mehr die exorbitante Rolle. Der Außendienstler pflegte seine Termine so zu legen, dass er kein Heim- und Auswärtsspiel verpasste. Damit ist nun Schluss. Zwar hat er die bisherigen Heim-Spiele in der Bundesliga im Stadion verfolgt, aber: „Wenn ich mal nicht kann, dann gehe ich auch nicht. Es ist nicht mehr so schlimm, wenn ich ein Spiel verpasse.“

Es geht vielen Fans wie Novikov und Rustemeier. Die Anhänger, die früher mit dem Verein durch dick und dünn gegangen sind, bleiben jetzt oftmals zuhause. Und dort wird nicht mal der Fernseher angeschaltet. „Ich habe mir auch vorher sehr selten Spiele des BVB am Fernseher angeschaut, weil das nie mein Verständnis von Fan-Sein war. Ich war im Stadion dabei. Daher fehlte mir auch die Emotionalität, plötzlich damit anzufangen“, berichtet Rustemeier.

Verfallen die BVB-Fans in Lethargie oder kehren sie in das Stadion zurück?

Der BVB stellt offenbar für weniger Menschen noch ein Ausbrechen aus dem Alltag und einen Ausgleich dar. Vor der Pandemie gaben noch knapp 90 Prozent der Befragten an, während der Spiele abschalten zu können. Während der Phase, in der die Stadien leer waren, ging es nur noch 47,1 Prozent so. Danielsmeyer misst den kommenden Wochen und Monaten deshalb viel Bedeutung bei: „Es wird spannend, ob man die Leute wieder mitnehmen kann oder ob sie in Lethargie verfallen und sich möglicherweise ganz abwenden.“

Den Umfragewerten zufolge ist dies nicht zu befürchten: Nur 0,6 Prozent der 28.000 Befragten kündigten an, nach Pandemie-Ende nicht mehr ins Stadion zurückkehren zu wollen, weitere 9,4 Prozent gaben sich unschlüssig. Allerdings obliegen diese Werte einer gewissen Verzerrung, schließlich fand die Befragung vor gut einem halben Jahr statt. Novikov hat bei seinen Stadion-Besuchen in dieser Saison nur in wenige bekannte Gesichter geblickt: „Die, die früher mit mir auf der Süd standen, stehen da jetzt nicht. Stimmung ist kaum vorhanden, aber das war so zu erwarten.“

BVB vermisst treue Fans im Stadion

Auch Danielsmeyer merkt Unterschiede: „Viele, die wir schon über Jahre kennen, vermissen wir nun im Stadion. Aktuell ist da ein Publikum, das wir so nicht kennen.“ Mittelfristig könnte sich dieses Blatt jedoch wieder wenden. Denn obwohl Anhängern wie Rustemeier die Entfremdung zum BVB deutlich anzumerken ist – von einer Abkehr ist er weit entfernt: „Ich werde sicherlich demnächst mal wieder ins Stadion gehen, dafür ist meine Neugier und das Interesse am BVB zu groß.“

Allerdings müsse der Verein aber auch wieder ein gehöriges Stück auf die Fans zukommen. „Insbesondere dem BVB geht bei den immer schnelleren Entwicklungen im Profifußball das Bewusstsein verloren, wofür man eigentlich stehen möchte. Das lässt sich auch nicht so leicht kitten. Fans müssten sehr viel stärker in Prozesse eingebunden werden und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden“, fordert Rustemeier. Er und 80 Prozent der Umfrage-Teilnehmer stufen die Kommerzialisierung im Fußball als kritisch ein. Eine Tendenz, die sich in der Pandemie-Zeit weiter verstärkt hat, wie Danielsmeyer betont: „Der Diskurs zwischen Fans und Verein beziehungsweise Verband war vor dem Pandemie-Ausbruch eigentlich auf dem Höhepunkt. Dann ist den Fans aber die Möglichkeit, sich daran zu beteiligen, weggebrochen. Jetzt muss man zeigen, dass man diesen Faden wieder aufnehmen will.“

BVB-Fans sind „auf der Strecke geblieben“

Von der zunächst formulierten Absicht, auf die 2G-Regel zu setzen, schwenkte der BVB jüngst zum Teil wieder ab und muss sich bereits wieder mit Kritik auseinandersetzen. Novikov beispielsweise empfindet diesen Schritt als falsch: „Für mich ist das unverständlich und ich weiß nicht, ob ich jetzt noch ins Stadion gehen werde.“ Seine Vermutung: „Wahrscheinlich haben sie bemerkt, dass sie nicht alle Karten verkaufen mit der 2G-Regelung.“ Stichwort Kommerzialisierung.

Danielsmeyer, Kenner der Szene, weiß aber auch: „Es gibt gerade bei den jungen Fans viele, die das gefordert haben.“ Der Fanprojekt-Leiter ist insgesamt zuversichtlich: „Man spürt, dass der Fußball wieder wichtiger wird. Die Leute sprechen darüber, fragen, wer ins Stadion geht und wer nicht. Es sind aber mit Sicherheit einige Fans auf der Strecke geblieben. Der Fußball muss sich erstmal wieder seinen Ruf zurückerarbeiten.“ Das gilt auch für Borussia Dortmund.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Seit 2019 als freier Mitarbeiter für Lensing Media im Einsatz. Hat ein Faible für sämtliche Ballsportarten und interessiert sich für die Menschen, die den Sport betreiben - von der Champions League bis zur Kreisliga.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.