BVB-Flirt Bellingham: „So ein Talent findet man nur einmal“

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In England sieht man Jude Bellingham (16) als absolutes Ausnahmetalent. Die Topklubs stehen Schlange. Und ärgern sich, dass der BVB beim Werben um den Teenie vorne liegt.

Dortmund

, 03.04.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

In diesem Fall herrschte nicht nur im notorisch erregten Fußball-England große Aufregung. Ein 16-jähriger Wunderknabe, ein Superstar in spe, alle finanzkräftigen Klubs im Land buhlen um diesen Jude Bellingham. Und dann soll Borussia Dortmund, gerade einmal die Nummer zwei in der weit entfernten Bundesliga, ein Verein aus dem Ausland, das Kronjuwel des britischen Fußballs stehlen? In England war man „not amused“ über die Meldungen, der BVB sei Anwärter Nummer eins auf die Verpflichtung von Bellingham.

Bellingham zum BVB? Personalia „total offen“

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In Dortmund übrigens reagierte die Borussia ähnlich entlarvend aufgescheucht. Es gebe keinerlei Einigung, weder mit dem Spieler noch mit dem Verein, und offiziell verbreite der BVB zu solchen Gerüchten sowieso keine Stellungnahmen. Die Personalie sei nämlich „total offen“.

Nun wird Borussia Dortmund, gerade wegen des mehrfach nachgewiesenen großen Erfolgs bei der Weiterentwicklung internationaler Toptalente, auf einer langen Reihe dubioser Portale permanent mit irgendwelchen Nachwuchsspielern aus aller Welt in Verbindung gebracht. Das ist mitunter nicht einmal falsch, weil der BVB selber betont, dass er jede vielversprechende Nachwuchskraft ab einem Alter von ungefähr 16 Jahren im Blick habe.

Der BVB scoutet gut – auch Jude Bellingham

Dortmund scoutet gründlich, zielstrebig und effektiv und schafft sich dadurch einen kleinen Wettbewerbsvorteil. Es schadet sicher nicht, als einer der ersten Klubs sein Interesse zu bekunden, schon einen Fuß in der Tür zu haben, bevor die anderen Vereine anklingeln. So lief es auch bei Jude Bellingham. Und die Kombination aus dem vorauseilend guten Ruf in Sachen Talententwicklung sowie der frühen Anbahnung möglicher Transfers dürfte auch in diesem Fall ihre Wirkung nicht verfehlt haben.

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Bereits im vergangenen Sommer streckte der BVB um Chefscout Markus Pilawa seine Fühler aus, noch bevor Bellingham mit gerade einmal 16 Jahren sein Profidebüt feierte in der englischen Championship, der zweiten Liga. Das Supertalent hatte in jungen Jahren immer Jahrgänge übersprungen und auch in Englands U-Auswahlmannschaften überragende Leistungen abgeliefert. Im Sommer nahm ihn Birmingham Citys Cheftrainer Pep Clotet mit auf eine Vorbereitungs- und Werbereise in die USA und behielt ihn gleich in seinem Kader. Dieser aufregende junge Mittelfeldspieler, von dem alle Jugendtrainer schwärmten, unterschrieb einen Ausbildungsvertrag (scholarship contract) für zwei Jahre – in England darf man erst mit 17 Jahren einen Profikontrakt eingehen.

BVB-Flirt Bellingham: „So ein Talent findet man nur einmal pro Generation“

35 Pflichtspiele später, nur gebremst durch den Ligastopp wegen des Coronavirus, ist Bellinghams Name in aller Munde. Im zentralen Mittelfeld, wahlweise auch auf der Seite oder etwas offensiver ausgerichtet, drückt der Teenager auch in den Duellen mit abgeklärten Mitt-Zwanzigern dem Spiel seinen Stempel auf. „Ich habe“, sagt Brian Dick, Reporter der Birmingham Mail, „noch nie einen Spieler gesehen, der in so jungen Jahren schon so gut war.“ Dick, der alle Profi-Partien von Bellingham live gesehen hat, ist begeistert: „So ein Talent findet man nur einmal pro Generation.“

Den Youngster zeichneten seine starke Technik, sein großes Spielverständnis und seine für sein Alter erstaunliche Robustheit aus. Bellingham ist ausreichend schnell, wenn auch kein Supersprinter. Er deckt dank seiner Laufstärke den ganzen Platz ab, prescht auch in den Strafraum vor (4 Tore, 3 Vorlagen in dieser Saison) und scheut keinen Zweikampf. Vergleichbar sei Bellingham in der Spielanlage laut Dick mit Englands Nationalspieler Dele Alli von den Tottenham Hotspur. „Ein Box-to-box-Spieler, überall zu finden auf dem Platz“, erklärt Dick. Mannschaftskollegen staunen, dass ausgerechnet der jüngste von ihnen der fitteste ist.

Bellingham hat Durchbruch schon geschafft

Wenig überraschend kennt man auch auf der Insel die Vorbehalte gegenüber einem hochgelobten 16-Jährigen, dessen fußballerische und persönliche Entwicklung nur begrenzt absehbar erscheint. Ob die Fortschritte bei jugendlichen Talenten im bisherigen Maßstab voranschreiten, hängt von vielen Faktoren ab. Bellingham aber habe ja bereits den Durchbruch im Profifußball vollzogen. „Er wirkt in keiner Weise wie ein Teenager. Nicht auf dem Platz und nicht im Umgang. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man ihn auf 25 schätzen“, sagt Dick. Leistungsdruck und öffentlicher Trubel verfangen bei ihm nicht.

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Keine Allüren, kein Höhenflug: Bellinghams Familie um Vater Mark, der auch als Berater fungiert, hält den hochtalentierten Jungen auf dem Boden und schirmt ihn nach außen ab. Indiskretionen gibt es keine. Umso größer eben die Aufregung, als Vater und Sohn Bellingham kürzlich bei der Abfahrt von Manchester Uniteds Trainingszentrum abgelichtet wurden. Ob er dort nur vorstellig wurde, um den Bossen persönlich abzusagen und so eine Hintertür für spätere Zeiten offenzuhalten, wie es Quellen glaubhaft machen? Mit dem FC Chelsea soll sich Ähnliches zugetragen haben.

Feste Ablöse für Bellingham bereits ausgehandelt?

Zum beschriebenen Charakter des Spielers würde es passen. Genauso wenig verwundert die Einschätzung aus England, dass Bellingham seinen Abgang für seinen Heimatklub, für den er seit 2010 kickt, schmerzlindernd gestalten möchte. Die „Blues“ stecken finanziell gelinde gesagt etwas in der Klemme, seit die Transferbilanzen über mehrere Jahre nicht stimmten, und musste sogar Punktabzüge hinnehmen.

Ende Juni, wenn Bellingham 17 Jahre alt wird, könnte er einen Profivertrag unterschreiben. Ob dann dort eine fixe Ablöse festgeschrieben ist, die Borussia Dortmund bereits kennt und verhandelt hat, ist fraglich. Und ob in Zeiten der Coronakrise mit unabwägbaren wirtschaftlichen Auswirkungen die gleichen Voraussetzungen gelten wie noch vor wenigen Wochen? Das ist wohl nur eine rhetorische Frage. Vor einem Monat schien eine Summe von 20 Millionen Euro und mehr für ein international gepriesenes Toptalent eine Wette, die man eingehen kann. Heute sieht das anders aus.

Bellingham könnte Sprung in die Bundesliga schaffen

Kenner der „Blues“ trauen Bellingham den Sprung in die Bundesliga wie in die Premier League auf jeden Fall zu. Wie immer bei Toptalenten spielt die Aussicht auf individuelle Förderung und Spielzeit eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung. Wenn sich ein Hochkaräter wie Jude Bellingham entschließt, einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie vor ihm ein gewisser Jadon Sancho, wird die Aufregung in Fußball-England sicher wieder steigen.

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